Gustav Schwab - Odysseus

admin am Mrz 29th 2008

die Glut bis auf die Wurzeln, daß es prasselte und sein erlöschendes Auge zischte
wie heißes Eisen im Wasser. Grauenvoll heulte der Verletzte auf, so laut, daß
die Höhle von dem Gebrüll widerhallte; und wir, vor Angst bebend, flüchteten
in den äußersten Winkel der Grotte.

Polyphem riß sich indessen den Pfahl aus der Augenhöhle, von dem das Blut triefend
herunterrann; er schleuderte ihn weit von sich und tobte wie ein Unsinniger.
Dann erhub er ein neues Zetergeschrei und rief seine Stammesbrüder, die Zyklopen,
herbei, die im Gebirge umher wohnten. Diese kamen von allen Seiten heran, umstellten
die Höhle und wollten wissen, was ihrem Bruder geschehen sei. Er aber brüllte
aus der Höhle heraus: ›Niemand, Niemand bringt mich um, ihr Freunde! Niemand
tut es mit Arglist!‹ Als die Zyklopen das hörten, sprachen sie: ›Nun, wenn niemand
dir etwas zuleide tut, wenn dich keine Seele angreift, was schreiest du denn
so? Du bist wohl krank; aber gegen Krankheit haben wir Zyklopen keine Mittel!‹
So schrien sie und eilten wieder davon. Mir aber lachte das Herz im Leibe.

Der blinde Zyklop tappte indessen in seiner Höhle umher, immer noch vor Schmerzen
winselnd. Er nahm den Felsstein vom Eingange, setzte sich dann unter die Pforte
und tastete mit den Händen herum, um einen jeden von uns zu fangen, der Lust
hätte, mit den Schafen zu entwischen; denn er hielt mich für so einfältig, daß
ich es auf diese Weise angreifen würde. Ich aber kam inzwischen an tausenderlei
Planen herum, bis ich den rechten ausfindig machte. Es standen nämlich gemästete
Widder mit dem dichtesten Vliese um uns her, gar groß und stattlich. Die verband
ich ganz geheim mit den Ruten des Weidengeflechtes, auf welchem der Zyklop schlief,
je drei und drei; und der mittlere trug unter seinem Bauche immer einen von
uns Männern, der sich an seiner Wolle festhielt, indessen die beiden andern
Widder rechts und links, die heimliche Last beschirmend, einhertrollten. Ich
selber wählte den stattlichsten Bock, der hoch über alle andern hervorragte.
Ihn faßte ich am Rücken, wälzte mich unter seinen Bauch und hielt die Hände
fest in den gekräuselten Wollenflocken gedreht. So unter den Widdern hängend,
erwarteten wir mit unterdrückten Seufzern den Morgen. Er kam; und die männliche
Herde sprang zuerst hüpfend aus der Höhle auf die Weide. Nur die Weibchen blökten
noch mit strotzenden Eutern in den Ställen. Ihr geplagter Herr betastete jedem
Widder, der hinausging, sorgfältig den Rücken, ob kein Flüchtling darauf sitze;
an den Bauch und meine List dachte er in seiner Dummheit nicht. Nun wandelte
auch mein Bock langsam zur Felsenpforte, schwer beladen mit Wolle, noch schwerer
mit mir, der ich unter allerlei Gedanken mich dahintragen ließ. Auch ihn streichelte
Polyphemos und sprach: ›Gutes Widderchen, was trabst du so langsam hinter der
übrigen Herde aus der Höhle heraus? Du leidest ja sonst nicht, daß andere Schafe
dir vorangehen; du bist sonst immer der erste bei den Wiesenblumen und am Bach
und abends der allererste wieder im Stalle. Betrübt dich das ausgebrannte Auge
deines Herrn? Ja, hättest du Gedanken und Sprache wie ich, gewiß, du sagtest
mir, in welchem Winkel sich der Frevler mit seinem Gesindel verbirgt: dann sollte
mir sein Gehirn von der Höhlenwand spritzen und mein Herz wieder froh werden
vom Leide, das der Niemand über mich gebracht!‹

So sprach der Zyklop und ließ den Widder auch hinausgehen. Und nun waren wir
alle draußen. Sowie wir ein wenig von der Felskluft entfernt waren, machte ich
mich zuerst von meinem Bocke los und löste dann auch meine Freunde ab. Wir waren
unsrer leider nur noch sieben, umarmten uns mit herzlicher Freude und jammerten
um die Verlorenen. Doch winkte ich ihnen, daß keiner laut weinen, sondern daß
sie mit den geraubten Widdern sich schnell nach unsern Schiffen mit mir aufmachen
sollten. Erst als wir wieder auf unsern Ruderbänken saßen und durch die Wogen
dahinschifften, auf einen Heroldsruf vom Ufer entfernt, schrie ich dem am Uferhügel
mit seiner Herde bergwärts hinanklimmenden Zyklopen meine Spottrede zu: ›Nun,
Zyklop, du hast doch keines schlechten Mannes Begleiter in deiner Höhle gefressen!
Endlich sind dir deine Freveltaten vergolten worden, und die Strafe des Zeus
und der Götter hast du empfunden!‹

Als der Wüterich dieses hörte, wurde sein Grimm noch viel größer. Er riß einen
ganzen Felsblock aus dem Gebirge heraus und warf ihn nach unserem Schiffe. Auch
hatte er so gut gezielt, daß er das Ende unseres Steuerruders nur um ein weniges
verfehlte. Aber von dem niederstürzenden Blocke schwoll die Flut an, und die
rückwärtswallende Brandung riß unser Schiff wieder ans Gestade zurück. Mit aller
Gewalt mußten wir die Ruder anstrengen, um dem Ungeheuer aufs neue zu entfliehen
und vorwärtszukommen. Nun fing ich abermals an zu rufen, obgleich mich die Freunde,
die einen zweiten Wurf befürchteten, mit Gewalt abhalten wollten. ›Höre, Zyklop‹,
schrie ich, ›wenn dich je einmal ein Menschenkind fragt, wer dir dein Auge geblendet,
so sollst du eine bessere Antwort geben, als du sie deinen Zyklopen erteilt
hast! Sag ihm nur: der Zerstörer Trojas, Odysseus, hat mich geblendet, der Sohn
des Laërtes, der auf der Insel Ithaka wohnt!‹ So rief ich. Heulend schrie der
Zyklop herüber: ›Wehe mir! So hat sich denn die alte Weissagung an mir erfüllt!
Denn einst befand sich unter uns ein Wahrsager mit Namen Telemos, des Eurymos
Sohn, welcher hier im Lande der Zyklopen alt geworden ist. Dieser hat mir gewahrsagt,

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