Gustav Schwab – Odysseus

admin am Okt 13th 2011


Gustav Schwab - Odysseus als PDF downloaden


sei wieder daheim. Dem ist nun freilich nicht so; aber doch lebt er gewiß noch;
er ist wohl irgendwo an eine wilde Insel verschlagen und wird mit Zwang dort
festgehalten. Ja, mir sagt es mein weissagender Sinn, er weilt nicht lange mehr,
er macht sich bald los und kehret heim!

Du bist doch deines Vaters leiblicher Sohn, lieber Telemach! Wie du ihm am
Haupte, zumal an den freundlichen Augen gleichest! Denn wisse, ich habe deinen
Vater gekannt, ehe er gen Troja fuhr. Seitdem sah ich ihn nicht mehr. Doch sage
mir, was ist denn das für ein Gewühl in deinem Hause? Feierst du denn ein Gastmahl
oder ein Hochzeitsfest?«

Telemach antwortete mit einem Seufzer: »Ach lieber Gastfreund, ehemals mochte
wohl unser Haus angesehen und begütert heißen, jetzt ist es anders; alle diese
Männer aus der Nachbarschaft, die du hier siehest, umwerben meine Mutter und
verzehren unser Gut. Sie selbst kann eine verabscheute Wiedervermählung nicht
abschlagen und nicht vollziehen. Indessen verwüsten diese Schlemmer mein Haus,
und in kurzem werden sie mich selbst umbringen!« Mit zornigem Schmerz antwortete
die Göttin: »Wehe, wie sehr bedarfst du des Vaters, Jüngling! Wohl empfehle
ich dir, zu bedenken, wie du diesen lästigen Schwarm aus dem Palaste fortdrängest!
Laß mich dir einen Rat geben. Morgen erhebe dich unter ihnen und heiße sie,
einen jeglichen in das Seinige, sich zerstreuen; deiner Mutter aber sage: wenn
ihr eigenes Herz nach einer Vermählung begehrt, so soll sie in den Palast ihres
königlichen Vaters heimkehren; dort mag die Hochzeit angeordnet, mag die Brautgabe
bereitet werden. Du selbst aber rüste das beste Schiff, das du hast, mit zwanzig
Ruderern aus und begib dich auf den Weg, den lange abwesenden Vater zu suchen.
Zuerst gehe nach Pylos im Lande Elis, frage dort den ehrwürdigen Greis Nestor;
erfährst du da nichts, so wende dich nach Sparta zum Helden Menelaos, denn dieser
ist der letzte von den Griechen, der heimgekehrt ist. Hörst du vielleicht dort,
daß dein Vater lebe, daß er wiederkehre, nun, dann ertrag es noch ein Jahr.
Vernimmst du aber, daß er gestorben sei, alsdann kehre heim, opfre Totenopfer
und errichte ihm ein Denkmal. Findest du die Freier noch immer in deinem Hause,
so sinne darauf, wie du sie durch List oder öffentlich tötest. Bist du doch
nicht mehr unmündig und dem Knabenalter längst entwachsen! Hörest du nicht,
welchen Ruhm der Jüngling Orestes unter den Menschen geerntet hat, daß er seines
Vaters Mörder, Ägisth, erschlagen? Du bist so groß und stattlich; halte dich
wohl! Mach, daß auch dich einst spätere Geschlechter loben!« Telemach dankte
dem Gastfreunde für seinen guten Rat und seine väterliche Gesinnung, und da
dieser sich zum Aufbruch anschickte, wollte er ihm ein Gastgeschenk mit auf
den Weg geben; der verstellte Mentes versprach aber, wiederzukommen und auf
dem Rückweg es abzuholen. Dann enteilte die Göttin und verschwand; denn wie
ein Vogel durchflog sie den Kamin. Telemach staunte über dem Verschwinden des
Fremden tief in der Seele; er ahnte, daß es ein Gott gewesen, und sann in sich
gekehrt seinem Rate nach. Im Saale dauerte indessen Saitenspiel und Gesang fort:
der Sänger meldete die traurige Heimfahrt der Griechen von Troja, und alle Freier
horchten. Droben im Söller saß inzwischen die einsame Penelope, und der Hall
des Liedes drang zu ihr empor. Da stieg auch sie mit zwei Dienerinnen die Stufen
ihrer hohen Wohnung herab und trat zu den Freiern in den Saal ein, doch in einen
dichten Schleier gehüllt; eine der Mägde stand ihr zur Seite, und weinend begann
sie, zu Phemios dem Sänger gewendet: »Du weißt ja sonst viele herzerquickende
Lieder, guter Sänger! Erfreue sie damit; aber diesen Jammergesang, der mir beständig
das Herz im Busen quält, den laß ruhen! Gedenke ich doch auch ohne das beständig
des Mannes, dessen Ruhm durch ganz Griechenland reicht und der noch immer nicht
heimgekehrt ist!« – Aber Telemach redete freundlich zu der Mutter: »Tadle doch
den lieblichen Sänger nicht, daß er uns mit dem erfreut, was ihm gerade das
Herz entzündet. Nicht den Sängern, Zeus müssen wir Schuld geben, der ihnen die
Lieder eingibt und sie begeistert, wie er will! Laß ihn deswegen immerhin das
Leid der Danaer besingen! Odysseus ist es ja nicht allein, der den Tag der Wiederkehr
verlor; wieviel andere Griechen sind untergegangen! Du selbst, liebe Mutter,
kehr ins Frauengemach zurück, besorge dort deine Geschäfte, die Spindel und
den Webestuhl und leite das Tagwerk deiner Frauen! Das Wort gebührt den Männern,
und vor allem mir, der ich die Herrschaft im Hause zu führen habe.«

Penelope verwunderte sich über die verständige und bestimmte Rede des Knaben,
den sie früher nie so hatte sprechen hören und der auf einmal zum Jüngling gereift
schien; sie kehrte nach dem Söller zurück und beweinte dort ihren Gemahl in
der Einsamkeit. Den Freiern aber, die zu toben und beim Becher Mutwill zu treiben
anfingen, trat Telemach auch entgegen und rief in die Versammlung hinein: »Freuet
euch immerhin beim Mahle, ihr Freier, aber lärmet mir nicht so, denn das ist
eine Lust, dem Sänger in Stille zuzuhorchen! Morgen wollen wir Ratsversammlung
halten; da will ich euch frank und frei den Vorschlag machen, nach Hause zu
gehen; denn es ist Zeit, daß ihr euch an eurer eigenen Habe wärmet und nicht
des fremden Mannes Erbgut vollends aufzehret.«

Die Freier bissen sich auf die Lippen, als sie solche Reden hörten, und konnten


Tags: , ,

Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt