Gustav Schwab - Odysseus
admin am Mrz 29th 2008
geworfen und zertrümmert; ich allein mit diesen zwölf Gesellen bin entronnen.‹
Auf diese Rede antwortete das Ungeheuer gar nicht, sondern streckte nur seine
Riesenhände aus, packte zwei meiner Genossen und schlug sie, wie junge Hunde,
zu Boden, daß ihr Blut und Gehirn auf die Erde spritzte. Dann zerhackte er sie
Glied für Glied zur Abendkost und fraß sich an ihnen satt, wie ein Löwe in den
Bergen. Eingeweide, Fleisch, ja das Mark mitsamt den Knochen verzehrte er. Wir
aber streckten die Hände zu Zeus empor und jammerten laut über die Freveltat.
Nachdem sich das Untier seinen Wanst gefüllt und den Durst mit Milch gelöscht,
warf er sich der Länge nach in der Höhle zu Boden, und nun besann ich mich,
ob ich nicht auf ihn losgehen und ihm das Schwert zwischen Zwerchfell und Leber
in die Seite stoßen sollte. Aber schnell bedachte ich mich eines Bessern. Denn
was hätte uns das geholfen? Wer hätte uns den unermeßlichen Stein von der Höhle
gewälzt? Wir hätten zuletzt alle des jämmerlichsten Todes sterben müssen. Deswegen
ließen wir ihn schnarchen und erwarteten in dumpfer Bangigkeit den Morgen. Als
dieser erschienen und der Zyklop aufgestanden war, zündete er wieder ein Feuer
an und fing an zu melken. Als er alles beendigt, packte er wieder zwei meiner
Begleiter und verzehrte sie zu unserem Entsetzen, wie das erstemal, zum Frühstück.
Dann trieb er die feiste Herde aus der Höhle, nachdem er den Fels abgehoben,
ging selbst mit hinaus und pflanzte den Stein wieder davor, wie man den Deckel
auf den Köcher setzt. Wir hörten ihn mit gellendem Pfeifen seine Herde in die
Berge treiben; wir aber blieben in der Todesangst zurück, und jeder erwartete,
daß das nächstemal die Reihe, gefressen zu werden, an ihn kommen werde. Ich
selbst bewegte fortwährend Entwürfe der Rache in meinem Herzen, wie ich es angreifen
sollte, dem Ungeheuer zu vergelten. Endlich kam mir ein Gedanke, der nicht übel
war. Drinnen im Stalle lag die mächtige Keule des Zyklopen aus grünem Olivenholz;
er hatte sie sich abgehauen, um sie zu tragen, wenn sie dürre geworden wäre;
uns erschien sie an Länge und Dicke dem Mast eines großen Schiffes gleich. Von
dieser Keule hieb ich mir einen Pfahl von der Dicke, wie ein Arm ihn umspannen
kann, reichte denselben den Freunden und hieß sie ihn glatt schaben, dann schärfte
ich ihn oben ganz spitz und brannte ihn in der Flamme hart. Diesen Pfahl verbarg
ich mit aller Sorgfalt im Miste, dessen es haufenweise in der Höhle gab. Dann
losten meine Genossen, wer es wagen sollte, den Brandpfahl dem Ungeheuer mit
mir ins Auge zu drehen, wenn es im Schlummer läge. Das Los traf gerade die vier
tapfersten der Freunde, die ich mir selbst ausgewählt hätte, und der fünfte
war ich.
Am Abend kam der gräßliche Hirte mit seiner Herde heim. Diesmal ließ er nichts
im Vorhof, sondern trieb alles miteinander in die Höhle; vielleicht argwöhnte
er etwas oder schickte es auch, wie ihr bald hören werdet, ein Gott zu unsern
Gunsten so. Übrigens fügte er, wie bisher, den Stein wieder in die Öffnung,
tat alles wie sonst und fraß auch zwei aus unserer Mitte. Inzwischen hatte ich
eine hölzerne Kanne mit dem dunkeln Wein aus meinem Schlauche gefüllt, näherte
mich dem Ungeheuer und sprach: ›Da nimm, Zyklop, und trink! Auf Menschenfleisch
schmeckt der Wein vortrefflich. Du sollst auch erfahren, was für ein köstliches
Getränk wir auf unserem Schiffe führten. Ich brachte ihn mit, um ihn dir zu
spenden, wenn du Erbarmen mit uns trügest und uns heim ließest. Aber du bist
ja ein ganz entsetzlicher Wütrich; wie mag dich künftig ein anderer Mensch besuchen?
Nein, du bist nicht billig mit uns verfahren!‹
Der Zyklop nahm die Kanne, ohne ein Wort zu verlieren, und leerte sie mit durstigen
Zügen; man sah ihm das Entzücken an, in welches ihn die Süßigkeit und Kraft
des Trankes versetzte. Als er fertig war, sprach er zum ersten Male freundlich:
›Fremdling, gib mir noch eins zu trinken; und sage mir auch, wie du heißest,
damit ich dich auf der Stelle mit einem Gastgeschenk erfreuen kann. Denn auch
wir haben Wein hierzulande, wir Zyklopen. Damit du aber auch erfahrest, wen
du vor dir hast, so wisse: Polyphemos ist mein Name.‹ So sprach der Zyklop,
und gerne gab ich ihm von neuem zu trinken. Ja, dreimal schenkte ich ihm die
Kanne voll, und dreimal leerte er sie in der Dummheit. Als ihm der Wein die
Besinnung zu umnebeln anfing, sprach ich schlauerweise: ›Meinen Namen willst
du wissen, Zyklop? Ich habe einen seltsamen Namen. Ich heiße der Niemand; alle
Welt nennt mich Niemand, Mutter, Vater hießen mich so, und bei allen meinen
Freunden bin ich so geheißen.‹ Darauf antwortete der Zyklop: ›Nun sollst du
auch dein Gastgeschenk erhalten: den Niemand, den verzehre ich zuletzt nach
allen seinen Schiffsgenossen. Bist du mit der Gabe zufrieden, Niemand?‹
Diese letzten Worte lallte der Zyklop nur noch, lehnte sich rückwärts und taumelte
bald ganz zu Boden. Mit gekrümmtem feistem Nacken dehnte er sich schnarchend
im Rausch, ja Wein und Menschenfleisch brach er in der Trunkenheit aus seinem
Schlunde heraus. Jetzt steckte ich schnell den Pfahl in die glimmende Asche,
bis er Feuer fing, und als er schon Funken sprühte, zog ich ihn heraus, und
mit den vier Freunden, die das Los getroffen hatte, stießen wir ihm die Spitze
tief ins Auge hinab, und ich, in die Höhe gerichtet, drehte den Pfahl, wie ein
Zimmermann einen Schiffsbalken durchbohrt. Wimpern und Augenbrauen vermengte
Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31
Gerne gelesen werden auch:
Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt