Gustav Schwab - Odysseus

admin am Mrz 29th 2008

Jagd so viele Ziegen, daß ich jedem meiner zwölf Schiffe ihrer neune zuteilen
konnte und noch ihrer zehen für mich behielt. Da saßen wir denn am lieblichen
Ufer den ganzen Tag und taten uns bis zum späten Abend recht gütlich mit dem
frischen Ziegenfleisch und altem Weine, den wir in der Kikonenstadt erbeutet
hatten und in Henkelkrügen mit uns führten.

Am andern Morgen wandelte mich die Lust an, das gegenüberliegende Land auszukundschaften,
von dessen Bewohnern, den Zyklopen, ich noch nicht wußte, wie sie geartet seien;
ich fuhr daher mit vielen Genossen auf meinem Schiffe hinüber. Als wir dort
landeten, sahen wir am äußersten Meeresstrand eine hochgewölbte Felsenkluft,
ganz mit Lorbeergesträuch überschattet, wo sich viele Schafe und Ziegen zu lagern
pflegten; ringsum war von eingerammelten Steinen und hohen Fichten und Eichen
ein Gehege erbaut. In dieser Umzäunung hauste ein Mann von riesiger Gestalt,
der die Herde einsam auf entfernten Weiden umhertrieb, nie mit andern, auch
nicht mit seinesgleichen, umging und immer nur auf boshaften Frevel sann. Das
war eben ein Zyklop. Während wir nun das Gestade mit den Augen musterten, wurden
wir alles dieses gewahr. Da wählte ich mir zwölf der tapfersten Freunde aus,
hieß die übrigen an Bord bleiben und mir das Schiff bewahren und nahm einen
Schlauch voll des besten Weines zu mir, den mir ein Priester Apollos in der
Kikonenstadt Ismaros geschenkt hatte, weil wir seiner und seines Hauses geschont.
Diesen nebst guter Reisekost in einem Korbe trugen wir und gedachten damit den
Mann zu kirren, der schon auf den ersten Anblick unbändig und keinem Gesetz
unterworfen erschien.

Als wir bei der Felskluft angekommen waren, fanden wir ihn selbst nicht zu
Hause, denn er war bei seinen Herden auf der Weide. Wir traten ohne weiteres
in die Höhle ein und wunderten uns über die innere Einrichtung. Da standen Körbe,
von mächtigen Käselaiben strotzend, umher; in den Ställen die in der Grotte
angebracht waren, stand es gedrängt voll von Lämmern und jungen Ziegen, und
jede Gattung war besonders eingesperrt. Körbe lagen umher, Kübel voll Molken,
Bütten, Eimer zum Melken. Anfangs drangen die Genossen in mich, von dem Käse
zu nehmen, soviel wir könnten, und uns davonzumachen, oder Lämmer und Ziegen
nach unserem Schiffe hinzutreiben und dann wieder zu unsern Freunden nach der
Insel hinüberzusteuern. Hätte ich ihrem Rate doch gefolgt! Aber ich war allzu
begierig, den seltsamen Bewohner der Höhle zu schauen, und wollte lieber ein
Gastgeschenk erwarten als mit einem Raube von dannen ziehen. Deswegen zündeten
wir ein Feuer an und opferten. Dann nahmen wir ein weniges von dem Käse und
aßen. Nun warteten wir, bis der Hausherr heimkäme.

Endlich nahete er, auf seinen Riesenschultern eine ungeheure Last trockenen
Scheiterholzes tragend, das er gesammelt, um sich sein Abendmahl damit zu kochen.
Er warf sie zu Boden, daß es fürchterlich krachte und wir alle vor Angst zusammenfuhren
und uns in den äußersten Winkel der Grotte versteckten. Da sahen wir denn, wie
er seine fette Herde in die Kluft eintrieb, doch nur die, welche er wollte;
Widder und Böcke blieben draußen in dem eingehegten Vorhofe. Nun rollte er ein
mächtiges Felsstück vor den Eingang, das zweiundzwanzig vierrädrige Wagen nicht
von der Stelle hätten schaffen können. Dann setzte er sich gemächlich auf den
Boden, melkte der Reihe nach die Schafe und Ziegen, legte die saugenden ans
Euter, machte die eine Hälfte der Milch mit Lab gerinnen, formte Käse daraus
und stellte sie in Körben zum Trocknen hin; die andere Hälfte verwahrte er in
großen Geschirren; denn das war sein täglicher Trunk. Wie er mit allem fertig
war, machte er sich ein Feuer an, und nun geschah es, daß er uns in unserem
Winkel erblickte. Auch wir sahen jetzt erst seine gräßliche Riesengestalt genau.
Er hatte wie alle Zyklopen nur ein einziges funkelndes Auge in der Stirn, Beine
wie tausendjährige Eichenstämme und Arme und Hände groß und stark genug, um
mit Granitblöcken Ball zu spielen.

›Wer seid ihr, Fremdlinge?‹ fuhr er uns mit seiner rauhen Stimme, an, die klang
wie ein Donner im Gebirge, ›woher kommt ihr über das Meer gefahren? Ist die
Seeräuberei euer Geschäft, oder was treibt ihr?‹ Bei dem Gebrüll bebte uns das
Herz im Leibe. Doch nahm ich mich zusammen und erwiderte: ›Ach nein; wir sind
Griechen, kommen von der Zerstörung Trojas zurück und haben uns während der
Heimfahrt auf dem Meere verirrt. So nahen wir deinen Knien und flehen dich um
Schutz und eine Gabe an. Ja, scheue die Götter, lieber Mann, und erhöre uns!
Denn Zeus beschirmt die Schutzflehenden und rächt ihre Mißhandlung!‹

Aber der Zyklop erwiderte mit gräßlichem Lachen: ›Du bist ein rechter Tor,
o Fremdling, und weißt nicht, mit wem du es zu tun hast. Meinst du, wir kümmern
uns um die Götter und ihre Rache? Was gilt den Zyklopen Zeus der Donnerer und
alle Götter miteinander! Sind wir doch viel vortrefflicher als sie! Will’s mein
eigen Herz nicht, so schone ich weder dich noch deine Freunde! Aber sage mir
jetzt, wo du das Schiff geborgen hast, auf welchem du hergekommen bist. Wo liegt
es vor Anker, nah oder ferne?‹ So fragte der Zyklop voll Arglist, ich aber war
bald mit einer schlauen Erfindung bei der Hand. ›Mein Schiff, guter Mann‹, antwortete
ich, ›hat der Erderschütterer Poseidon nicht weit von eurem Ufer an die Klippen

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