Gustav Schwab - Odysseus
admin am Mrz 29th 2008
wenn dich meine Phäaken heimbringen sollen. Weiter brauchen sie nichts; sie
bedürfen auch der Piloten nicht: haben sie nur den Namen des Orts, so finden
sie die Fahrt durch Nacht und Nebel!«
Auf diese freundliche Rede erwiderte der Held ebenso liebreich: »Glaube doch
ja nicht, edler König, daß euer Sänger mich nicht ergötze! Vielmehr ist es eine
Wonne, einem solchen zuzuhören, wenn er seine göttergleiche Stimme vernehmen
läßt; und ich weiß mir nichts Angenehmeres, als wenn ein ganzes Volk bei festlicher
Freude horchend am Munde eines Sängers hängt, während die Gäste in langen Reihen
sitzen, vor jedem sein Tisch voll Brots und Fleisches steht und der Schenk fleißig
mit dem Kruge bei den Bechern kreist! Ihr aber wünschet meine Leiden von mir
zu vernehmen, ihr lieben Gastfreunde; da werde ich noch tiefer in Kummer und
Gram versinken. Denn wo soll ich anfangen und womit enden? - Doch höret vor
allen Dingen mein Geschlecht und mein Vaterland!«
Odysseus erzählt den Phäaken seine Irrfahrten
Kikonen. Lotophagen. Zyklopen. Polyphem
»Ich bin Odysseus, der Sohn des Laërtes; die Menschen kennen mich, und der
Ruhm meiner Klugheit ist über die Erde verbreitet. Auf der sonnigen Insel Ithaka
wohne ich, in deren Mitte sich das waldige Gebirge Neriton erhebt; ringsumher
liegen viele kleinere bewohnte Eilande, Same, Dulichion, Zakynthos. Meine Heimat
ist zwar rauh, doch nähret sie frische Männer, und das Vaterland ist einem jeden
das Süßeste. Wohlan nun, vernehmet von meiner unglückseligen Heimfahrt aus dem
trojanischen Lande! Von Ilion weg trug mich der Wind nach der Kikonenstadt Ismaros,
die ich mit meinen Genossen eroberte. Die Männer vertilgten wir; die Frauen
samt der andern Beute wurden verteilt. Nach meinem Rate hätten wir uns nun eilig
davongemacht. Aber meine unbesonnenen Begleiter blieben schwelgend bei der Beute
sitzen, und die entflohenen Kikonen, durch ihre landeinwärts wohnenden Brüder
verstärkt, überfielen uns beim Schmaus am Gestade. Die Übermacht siegte. Sechs
Freunde von jedem unsrer Schiffe blieben auf dem Platze, wir andern entgingen
dem Tode nur durch schleunige Flucht.
Also steuerten wir weiter westwärts, froh, der Todesgefahr entronnen zu sein,
aber von Herzen traurig über den Tod unserer Genossen. Da sandte Zeus uns einen
Orkan aus Norden. Meer und Erde hüllten sich in Wolken und Nacht; mit gesenkten
Masten flogen wir dahin, und ehe wir die Segel eingezogen hatten, krachten die
Stangen zusammen, und die Segeltücher zerrissen in Stücke. Endlich arbeiteten
wir uns ans Gestade und lagen dort zwei Tage und Nächte vor Anker, bis wir die
Masten wieder aufgerüstet und neue Segel aufgespannt hatten. Wir steuerten nun
vorwärts und hatten alle Hoffnung, bald in die Heimat zu gelangen, wäre nicht,
eben als wir ums Vorgebirge Malea, an der Südspitze der Pelopsinsel von Griechenland,
herumschifften, der Wind plötzlich in Nord umgeschlagen und hätte uns seitwärts
in die offene See hineingetrieben. Da wurden wir nun neun Tage vom Sturm herumgeschleudert;
am zehnten gelangten wir ans Ufer der Lotophagen, die sich von nichts als Lotosfrucht
nähren. Hier stiegen wir ans Gestade und nahmen frisches Wasser ein. Dann sandten
wir zwei unserer Freunde auf Kundschaft aus, und ein Herold mußte sie begleiten.
Diese gelangten in die Volksversammlung der Lotophagen und wurden von diesem
gutmütigen Volke, dem es nicht in den Sinn kam, etwas zu unserem Verderben zu
unternehmen, auf das freundlichste empfangen. Aber die Frucht des Lotos, welche
sie ihnen zu kosten gaben, hat eine ganz eigentümliche Wirkung. Sie ist süßer
als Honig, und wer von ihr kostet, der will nichts mehr von der Heimkehr wissen,
sondern immer in dem Lande bleiben. So mußten wir denn auch unsre Genossen,
während sie weinten und widerstrebten, mit Gewalt nach den Schiffen zurückführen.
Auf unsrer weiteren Fahrt kamen wir nun zu dem wildlebenden grausamen Volke
der Zyklopen. Diese bauen das Land gar nicht, sondern überlassen alles den Göttern.
Auch wächst wirklich dort alle mögliche Nahrung ohne Zutat des Pflanzers und
Ackermanns: Weizen, Gerste, die edelsten Reben voll großbeeriger Trauben; und
Zeus gibt in mildem Regen seinen Segen dazu. Auch halten sie keine Gesetze,
treten in keine Ratsversammlung zusammen, sondern alle wohnen auf den felsichten
Gebirgshöhen, rings in gewölbten Erdhöhlen; da richtet sich der Zyklop, wie
er mag, mit Weibern und Kindern ein; übrigens bekümmert sich keiner um den andern.
Außerhalb der Bucht, in mäßiger Entfernung vom Zyklopenlande, erstreckt sich
eine bewaldete Insel voll wilder Ziegen, die, von keinem Jäger geängstet, hier
sorglos grasen. Kein Mensch wohnt darauf; die Zyklopen selbst, die den Schiffbau
nicht verstehen, kommen auch nicht dahin. Bewohner könnten sich die Insel leicht
zum blühendsten Lande umschaffen, denn der Boden ist höchst fruchtbar: feuchte,
schwellende Wiesen breiten sich über den Strand aus, das unbenützte Ackerfeld
ist locker, der Boden fett; die gelegensten Hügel böten sich dem Weinbau dar.
Auch ist ein vor allen Winden geschirmter Hafen da, so sicher, daß man die Schiffe
weder anzubinden noch vor Anker zu legen braucht. Der Bucht zugekehrt quillt
das reinste Wasser perlend aus der Felsenkluft, und grünende Pappeln stehen
ringsumher. Dorthin geleitete ein schirmender Gott unsere Schiffe in der dunkeln
Nacht. Als der Morgen anbrach, betraten wir das Eiland und erlegten auf fröhlicher
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