Gustav Schwab - Odysseus

admin am Mrz 29th 2008

in die Höhe springend, fing ihn, ehe er wieder mit den Füßen auf den Boden trat,
schwebend in der Luft auf. Dann tanzten sie in leichten, wechselnden Schwenkungen
umeinander her, und andere Jünglinge, die im Kreise umherstanden, klatschten
mit den Händen dazu. Odysseus wandte sich bewundernd zu dem Könige und sprach:
»In der Tat, Alkinoos, du kannst dich der geschicktesten Tänzer auf dem ganzen
Erdboden rühmen. In dieser Kunst habt ihr euresgleichen nicht!« Alkinoos tat
sich auf dieses Urteil nicht wenig zugute. »Höret ihr’s«, rief er seinen Phäaken
zu, »wie der Fremdling über uns urteilt? Er ist doch ein sehr verständiger Mann,
und er verdient es wohl, daß wir ihm auch ein ansehnliches Gastgeschenk reichen.
Wohlan! zwölf der Fürsten des Landes, und ich selbst der dreizehnte, sollen
ihm jeder einen Mantel und einen Leibrock herbeibringen und zudem ein Pfund
des köstlichsten Goldes. Das wollen wir ihm zu einer großen Gabe vereint schenken,
damit er mit fröhlichem Herzen von uns scheide. Und außerdem soll Euryalos es
versuchen, mit freundlichen Worten ihn ganz mit uns auszusöhnen.« Alle Phäaken
riefen ihm Beifall zu. Ein Herold ging, die Geschenke zu sammeln. Euryalos nahm
sein Schwert mit silbernem Heft und elfenbeinerner Scheide, übergab es dem Gaste
und sprach dazu: »Väterchen, haben wir ein kränkendes Wort gegen dich fallen
lassen, so sollen es die Winde verwehen! Dir aber mögen die Götter fröhliche
Heimfahrt verleihen! Heil und Freude dir! »«Auch dir!« antwortete Odysseus;
»möge dich deine Gabe nie reuen!« Mit diesem Wort hängte er sich das schmucke
Schwert um die Schulter. Es war um Sonnenuntergang, als die Geschenke ankamen
und alle vor der Königin niedergelegt wurden. Sie hieß Alkinoos auch noch eine
zierliche Lade für die Gewande herbeischaffen; darein wurden die Gaben gelegt
und für Odysseus in den Palast getragen. Dort fügte der König, der sich mit
der ganzen Gesellschaft in seine Wohnung begeben hatte, noch andere Gaben an
köstlichen Gewanden hinzu und außerdem ein herrliches goldenes Gefäß. Dem Gaste
wurde ein Bad bereitet; indessen zeigte ihm die Königin selbst alle die köstlichen
Geschenke in der offenen Lade und sprach dazu: »Betrachte dir den Deckel selbst
genau und verschließe die Lade, daß dich ja keiner, wenn du etwa schläfst, während
der Heimfahrt beraube und die schöne Kiste davontrage!« Odysseus schlug den
Deckel sorgfältig ein und verschloß die Lade mit einem vielfach verschlungenen
Knoten; dann erquickte er sich im warmen Bade und wollte nun wieder in die Gesellschaft
der zu Schmaus und Trunk niedergesessenen Männer zurückkehren. Da fand er vor
dem Türpfosten des Saales beim Eingang in denselben die holdselige Jungfrau
Nausikaa stehen, welche er seit seinem Einzuge in die Stadt nicht mehr erblickt
hatte und welche seither züchtiglich und ferne von den Männerfesten im Frauengemache
verschlossen gelebt; nun aber wollte sie zum Abschiede den edlen Gast auch noch
einmal begrüßen. Nachdem sie einen langen bewundernden Blick auf die edle Heldengestalt
des Mannes geworfen, sprach sie endlich, indem sie den Hineintretenden sanft
aufhielt: »Heil dir und Segen, edler Gast! Gedenke meiner auch im Lande deiner
Väter, da du mir ja doch dein Leben verdankest!« Gerührt antwortete ihr Odysseus:
»Du edle Nausikaa, wenn mich Zeus den Tag meiner Heimkunft erleben läßt, so
werde ich dich, meine Retterin, täglich wie eine Gottheit anflehen!« Mit diesen
Worten betrat er den Saal wieder und setzte sich an der Seite des Königes nieder.
Hier waren die Diener eben damit beschäftigt, das Fleisch zu zerlegen und den
Wein aus den großen Mischkrügen in die Becher einzuschenken. Auch der blinde
Sänger Demodokos wurde wieder eingeführt und nahm seinen alten Platz an der
Mittelsäule des Saales ein. Da winkte Odysseus dem Herold, schnitt vom Rücken
des vor ihm liegenden gebratenen Schweines das beste Stück ab, streckte es ihm
auf einer Platte hin und sagte: »Herold, reich dem Sänger dieses Fleisch; obgleich
ich selbst in der Verbannung bin, so möchte ich ihm doch gerne etwas Liebes
erweisen. Stehen doch die Sänger bei dem ganzen Menschengeschlecht in Achtung,
weil die Muse selbst sie den Gesang gelehrt hat und mit ihrer Huld über ihnen
waltet.« Dankbar empfing der blinde Sänger die Gabe.

Nach dem Mahle wandte sich Odysseus noch einmal an Demodokos: »Ich preise dich
vor andern Sterblichen, lieber Sänger«, sprach er zu ihm, »daß dich Apollo oder
die Muse so schöne Lieder gelehret hat! Wie lebendig und genau du das Schicksal
der griechischen Helden zu schildern verstehst, als hättest du alles mit angesehen
und mit angehört! Fahre nun fort und sing uns auch noch die schöne Mär vom hölzernen
Rosse und was Odysseus dabei getan hat!« Der Sänger gehorchte freudig, und alles
lauschte seinem Gesange. Als der Held so seine Taten preisen hörte, mußte er
wieder heimlich weinen, und nur Alkinoos bemerkte es. Er gebot daher dem Sänger
Stillschweigen und sprach im Kreise der Phäaken: »Besser ist’s, die Harfe ruhet
nun; denn wahrlich, ihr Freunde, nicht jedermann zur Lust singt der Sänger jene
Märe. Seit wir am Mahle sitzen und das Lied ertönt, hört unser schwermütiger
Gast nicht auf, seinem Grame nachzuhängen, und wir streben vergebens, ihn zu
erheitern. Und doch muß einem fühlenden Mann ein Gast so lieb sein wie ein Bruder.
Nun denn, Fremdling, so sag uns redlich, wer sind deine Eltern, welches ist
dein Vaterland? Einen Namen führt doch jeder Mensch, sei er von edler oder von
geringer Abkunft. Dein Land müssen wir ohnedem wissen und deine Geburtsstadt,

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