Gustav Schwab - Odysseus

admin am Mrz 29th 2008

Amphialos als den Überlegenen; im Scheibenschwingen gewann es Elatreus, endlich
im Faustkampfe Laodamas, der Königssohn.

Dieser erhob sich jetzt in der Versammlung der Jünglinge und sprach: »Freunde,
wir sollten doch auch erforschen, ob der Fremdling etwas von unsern Kämpfen
versteht. Gestalt, Schenkel und Füße versprechen nichts Schlechtes, seine Arme
sind nervicht, sein Nacken ist voll Kraft, sein Wuchs ist mächtig. Und scheint
er gleich von Gram und Elend gebrochen, so mangelt es ihm doch nicht an Jugendstärke!«
»Du hast recht«, sprach jetzt Euryalos; »darum gehe hin, o Fürst, und fordre
ihn selbst zum Wettstreite auf!« Laodamas tat dieses mit freundlichen, höflichen
Worten.

Doch Odysseus erwiderte: »Verlanget ihr das von mir, mich zu kränken, ihr Jünglinge?
Die Trübsal nagt an mir, und keine Lust zum Wettkampfe bewegt mein Herz! Ich
habe genug gestrebt und geduldet, und jetzt verlangt mich nach nichts anderem
als nach der Heimkehr in mein Vaterland!« Laodamas antwortete ihm unwillig:
»Fürwahr, Fremdling, du gebärdest dich nicht wie ein Mann, der sich aufs Kämpfen
versteht; du magst wohl ein Schiffshauptmann und zugleich Kaufherr sein, so
ein Warenmäkler; als ein Held erscheinst du nicht.« Odysseus runzelte bei diesem
Worte die Stirne und sprach: »Das ist keine feine Rede, mein Freund, und du
erscheinst als ein recht trotziger Knabe. Verleihen doch die Götter nicht einem
und demselben Manne die Gaben der Schönheit und Anmut und das Geschenk der Beredsamkeit
und der Weisheit; mancher ist von unansehnlicher Gestalt, aber seinen Worten
ist ein Reiz verliehen, daß alle, die sie hören, davon entzückt werden; und
auch ein solcher ragt in der Volksversammlung hervor, und man ehrt ihn wie einen
Unsterblichen. Dagegen sieht oft einer aus wie ein Gott, und an seinen Worten
ist wenig Witz. Dennoch bin ich kein Neuling im Wettkampfe, und als ich meiner
Jugend und meinen Armen noch vertrauen konnte, nahm ich es mit den Tüchtigsten
auf. Jetzt haben mich Schlachten und Stürme freilich heruntergebracht. Doch
du hast mich herausgefordert, und ich will’s auch so versuchen!«

So sprach Odysseus und erhub sich vom Sitz, ohne den Mantel abzulegen. Er ergriff
eine Scheibe, größer, dicker und schwerer als die, nach welchen die Phäakenjünglinge
zu langen pflegten, und warf sie kräftig, daß der Stein laut hinsauste; unter
seinem Schwunge bückten sich die umstehenden Phäaken, und er flog weit über
das Ziel hinaus. Schnell machte Athene, in einen Phäaken verwandelt, das Zeichen,
wo der Stein gefallen war, und sprach: »Dein Zeichen soll auch ein Blinder erkennen,
Mann, so weit liegt es von allen andern ab! In diesem Kampfe bist du sicher,
nie besiegt zu werden!« Odysseus freute sich, daß er einen so guten Freund im
Volke gefunden habe, und sprach mit leichterem Herzen: »Nun, ihr Jünglinge,
schleudert mir dorthin nach, wie ihr es vermöget! Und ihr, die ihr mich so schwer
beleidigt habt, kommt her und versuchst euch mit mir in welchem Kampfe ihr wollet;
ich werde keinem ausweichen! Mit jedem will ich kämpfen, nur nicht mit Laodamas,
denn wer stritte auch gerne mit dem, der ihn bewirtet? Besonders gut verstehe
ich’s, den Bogen zu spannen, und wenn viele Genossen mit mir in die Wette schössen,
ich wäre doch der erste, der meinen Mann mit dem Pfeil träfe. Nur einen kenne
ich, den Griechen Philoktet; der hat es mir oft zuvorgetan vor Troja, sooft
wir uns dort im Schusse übten! Auch mit dem Wurfspieße treffe ich nicht weniger
sicher und schieße so weit wie ein anderer mit dem Pfeile. Nur im Wettlaufe,
da möchte vielleicht einer es mir zuvortun, selbst unter euch; denn das stürmische
Meer hat mir viel Kraft genommen, zumal da ich tagelang ohne Nahrung auf meinem
Fahrzeuge saß.«

Als die Jünglinge dieses vernahmen, verstummten sie alle, nur der König nahm
das Wort und sagte: »Wohl hast du uns deine Tüchtigkeit enthüllt, o Fremdling,
und hinfort soll dich kein Mensch mehr wegen deiner Stärke tadeln. Wenn du nun
daheim bei Gattin und Kindern sitzest, so denk auch an unsre Mannhaftigkeit
zurück. Als Faustkämpfer und Ringer zeichnen wir uns freilich nicht aus, aber
im Wettlaufe siegen wir, und auf die Schiffahrt verstehen wir uns auch. Schmaus,
Saitenspiel, Reigentanz - darin sind wir auch Meister; den schönsten Schmuck,
das lindeste Bad, das weichste Lager - die findet man bei uns! Auf denn, ihr
Tänzer, ihr Schiffslenker, ihr Läufer, ihr Sänger, zeigt euch vor dem Fremdlinge,
daß er zu Hause etwas von euch zu erzählen hat! Und bringet auch die Harfe des
Demodokos her!« Sogleich machte sich ein Herold auf und schaffte die Harfe herbei.
Neun auserwählte Kampfordner ebneten den Raum für den Tanz und umzirkten die
Schaubühne. Ein Spielmann stellte sich mit der Harfe in der Mitte, und der Tanz
der blühendsten Jünglinge begann; im schönsten Takte, im raschesten Schwunge
hoben sie ihre Füße. Odysseus selbst mußte staunen; er hatte noch nie so behenden
und anmutigen Tanz gesehen. Dazu sang der Sänger ein liebliches Lied von den
heitersten Geschichten aus dem Leben der Götter. Nachdem der Reigentanz lange
genug gedauert, hieß der König seinen Sohn Laodamas und den geschmeidigen Halios
den Einzeltanz miteinander aufführen; denn mit ihnen wagte es niemand, sich
zu messen. Diese nahmen einen zierlichen Ball zur Hand, und der eine schwang
ihn, indem er sich rücklings dazu beugte, hoch in die Luft empor; der andere,

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