Gustav Schwab - Odysseus
admin am Mrz 29th 2008
So sprach die verstellte Göttin und enteilte. Odysseus stand stille, in Betrachtung
des herrlichen Palastes versunken. Das hochragende Haus strahlte wie die Sonne.
Tief hinein von der Schwelle erstreckten sich nach beiden Seiten Wände von gediegenem
Erz, mit Simsen aus bläulichem Stahl. Die innere Wohnung verschloß eine goldene
Pforte; die Pfosten, auf eherner Grundlage ruhend, waren von Silber mit goldenem
Kranze, der Ring an der Pforte war von Gold; goldene und silberne Hunde, ein
Werk Hephaistos’, standen rechts und links, wie Wächter der Königswohnung, aufgepflanzt.
Als er in den Saal gekommen war, sah er ringsum Sessel mit feingewirkten Teppichen
bedeckt, auf welchen die Fürsten der Phäaken beim Königsmahle zu sitzen pflegten;
denn dieses Volk liebte beständig Speise und Trank. Auf hohen Gestellen standen
goldene Bildsäulen, Jünglinge vorstellend, mit brennenden Fackeln in der ausgestreckten
Hand, welche beim nächtlichen Schmause den Gästen leuchteten. Fünfzig Dienerinnen
waren durch den Palast des Königes verbreitet; die einen mahlten auf der Handmühle
Getreide, die andern woben, noch andere wirbelten sitzend die Spindel. Die Weiber
sind dort so gute Weberinnen wie die Männer Schiffsleute. Außerhalb des Hofes
breitete sich ein Garten aus, eine Hufe ins Gevierte, mit einer Ringmauer umgeben
und mit Bäumen voll der saftigsten Birnen, Feigen und Granaten, Oliven und Äpfel
bepflanzt; diese trugen Sommer und Winter, denn immer wehte warme Westluft im
Phäakenlande, so daß zu gleicher Zeit an den einen Bäumen Blüten prangten, an
den andern Früchte hingen. Daneben streckte sich auf ebenem Boden eine Weinpflanzung
hin, wo ein Teil der Trauben im Sonnenstrahle kochte, andere der Winzer schon
schnitt, wieder andere erst als Herlinge aus der Blüte schwollen und noch andere
sich allmählich färbten. Am andern Ende des Gartens dehnten sich schön geordnete
Beete voll duftender Blumen; auch flossen in dem Raume zwei Quellen; die eine
durchschlängelte den Garten, die andere quoll unter der Schwelle des Hofes am
hohen Palaste selbst; und aus ihr schöpften sich die Bürger ihr Wasser.
Nachdem Odysseus alle die Herrlichkeiten eine gute Weile bewundert, betrat
er den Palast und eilte nach dem Saale des Königes. Hier waren die vornehmen
Phäaken zu einem Schmause versammelt. Weil aber der Tag sich neigte, gedachten
sie des Schlafes und spendeten eben am Schlusse des Mahles dem Hermes ein Trankopfer.
Odysseus durchwandelte noch in Nebel gehüllt ihre Reihen, bis er vor dem Königspaar
angelangt war. Da zerfloß auf Athenes Wink das Dunkel um ihn her; er warf sich
vor der Königin Arete schutzflehend nieder, umfing ihre Knie und rief: »O Arete,
Rhexenors hohe Tochter, flehend liege ich vor dir und deinem Gemahl! Mögen die
Götter euch Heil und Leben schenken, so gewiß ihr mir, dem Verirrten, Wiederkehr
in die Heimat bereitet! Denn ferne von den Meinigen streife ich schon lange
in der Verbannung umher.« So sprach der Held und setzte sich am Herd in die
Asche nieder, neben dem brennenden Feuer. Die Phäaken schwiegen alle bei dem
unerwarteten Anblicke staunend, bis endlich der graue, welterfahrene Held Echeneos,
der Älteste unter den Gästen, das Schweigen brach und vor der Versammlung, zu
dem Könige gewendet, also begann: »Fürwahr, Alkinoos, es ziemt sich nicht, daß
irgendwo auf der Erde ein Fremdling in der Asche sitze. Gewiß denken meine Mitgäste
wie ich und erwarten nur deinen Befehl. Laß darum den Fremden auf einem der
schmucken Sessel gleich uns Platz nehmen und erhebe ihn aus dem Staub! Die Herolde
sollen neuen Wein mischen, daß wir dem Zeus, dem Beschirmer des Gastrechts,
auch noch ein Trankopfer bringen; und die Schaffnerin mag den neuen Gast mit
Speise und Trank laben!«
Diese Rede gefiel dem guten König; er nahm den Helden selbst bei der Hand,
erhub ihn und führte ihn zu einem Sessel an seiner eigenen Seite, indem der
Liebling des Königes selbst, sein Sohn Laodamas, ihm Platz machen mußte. Auch
sonst geschah alles, wie Echeneos geraten, und Odysseus schmauste geehrt in
der Mitte der Helden. Als das Opfer dem Zeus dargebracht war, erhub sich die
Versammlung, und der König lud alle Gäste auf den andern Tag zu einem gleichen
Freudenmahle ein. Dem Fremdling aber, ohne auch nur nach seinem Namen und Geschlechte
zu fragen, versprach er nach gastlicher Beherbergung sichere Entsendung nach
der Heimat. Als er jedoch den Helden, den Athene noch immer mit einem Schimmer
überirdischer Hoheit umgeben hatte, näher betrachtete, da setzte er noch hinzu:
»Solltest du aber einer der Unsterblichen sein, welche ja manchmal in sichtbarer
Gestalt die Menschen bei ihren Festen besuchen: - dann freilich bedarfst du
unserer Beihilfe nicht, und es ist an uns, dich um deinen Schutz zu bitten.«
»Denke doch das nicht in deinem Herzen«, antwortete Odysseus dem Könige beschämt;
»gleiche ich doch an Wuchs und Gestalt nicht den unsterblichen Göttern, sondern
bin ein Sterblicher, wie ihr alle es seid. Ja, wenn ihr einen Menschen kennet,
der euch auf Erden der unglückseligste deucht, so nehme ich es mit seiner Trübsal
auf! Und so dachte ich denn auch jetzt an nichts anders, als meinen Hunger an
eurem Tisch zu stillen, und ihr konntet auch daran wohl sehen, daß ich ein recht
armer, sterblicher Mensch bin.«
Als die Gäste den Saal verlassen hatten und das Königspaar allein mit dem Fremdlinge
im Saale zurückgeblieben war, betrachtete Arete die schön gewirkten Kleider
des Mannes, Mantel und Leibrock, erkannte darin ihr eigenes Gewebe und sprach:
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