Gustav Schwab - Odysseus
admin am Mrz 29th 2008
des Ufers gebadet, legten sie ihm Mantel und Leibrock, die sie aus den Gewanden
hervorsuchten, zur Bedeckung in das Gebüsch. Als der Held sich den Schmutz vom
Leibe gewaschen und sich gesalbt hatte, zog er die Kleider an, die ihm die Fürstentochter
geschenkt hatte und die ihm wohl zu Leibe saßen. Dazu machte seine Beschützerin
Athene, daß er schöner und voller von Gestalt anzuschauen war; von dem Scheitel
goß sie ihm schön geringeltes Haar, und Haupt und Schultern glänzten von Anmut.
So in Schönheit strahlend, trat er aus dem Ufergebüsch und setzte sich seitwärts
von den Jungfrauen.
Nausikaa betrachtete die herrliche Gestalt mit Staunen und begann zu ihren
Begleiterinnen: »Diesen Mann verfolgen gewiß nicht alle Götter. Einer von ihnen
muß mit ihm sein und hat ihn jetzt in das Land der Phäaken gebracht. Wie unansehnlich
erschien er anfangs, als wir ihn zuerst erblickten, und jetzt wahrhaftig gleicht
er den Bewohnern des Himmels selbst! Wohnte doch ein solcher Mann unter unserem
Volke und wäre ein solcher mir zum Gemahl vom Geschick erkoren! Aber auf, ihr
Mädchen, stärket mir den Fremdling auch mit Trank und Speise!«
Dies geschah, Odysseus aß und trank und labte sich an der lang entbehrten Nahrung.
Hierauf wurde der Wagen mit den gewaschenen und getrockneten Gewanden wieder
bedeckt, die Maultiere vorgespannt, und Nausikaa nahm auf dem Wagensitz ihren
Platz ein. Den Fremdling aber hieß sie zu Fuße mit den Dienerinnen hinter dem
Wagen folgen. »Dies tue«, sprach sie freundlich zu ihm, »solang es durch Wiesen
und Äcker geht; bald aber wirst du die Stadt gewahr werden; eine hohe Mauer
umschließt sie, ihre beiden Seiten - denn sie liegt ganz am Meere - schließt
ein trefflicher Hafen mit schmalem Zugange ein. Dort ist auch ihr Marktplatz
und ein herrlicher Tempel des Meeresgottes Poseidon, wo Seile, Segeltücher,
Ruder und andere Schiffsgeräte bereitet und verkauft werden. Denn mit Köcher
und Bogen machen sich unsere Phäaken nicht viel zu schaffen, aber tüchtige Seeleute,
das sind sie! Wenn wir nun in der Nähe der Stadt sind, dann, guter Fremdling,
vermeide ich gerne das lose Geschwätz der Leute, denn dieses Volk ist übermütig;
da könnte wohl ein Bauer, der uns begegnet, sagen: ›Was folgt doch der Nausikaa
für ein schöner, großer Fremdling? Wo fand sie wohl den auf? Er wird sicherlich
ihr Gemahl!‹ Das wäre mir ein herber Schimpf. Gefiele es mir doch an einer Freundin
nicht, wenn sie sich, ohne Wissen der Eltern, zu einem Fremden gesellte, vor
der öffentlichen Vermählung. Drum, wenn du an ein Pappelgehölz kommst, das der
Athene heilig ist und aus dem ein Quell entspringt, der sich durch die Wiese
schlängelt, kaum einen Heroldsruf von der Stadt entfernt, dort verweile ein
wenig; nur so lange, bis du annehmen kannst, daß wir in der Stadt angekommen
sind; dann folg uns nach, du wirst den herrlichen Palast meines Vaters leicht
aus den andern Häusern herauskennen. Dort umfasse die Knie meiner Mutter; denn
wenn sie dir wohl ist, so darfst du sicher sein, deiner Väter Heimat wieder
zu schauen!« So sprach Nausikaa und fuhr auf dem Wagen dahin, doch langsam,
daß die Mägde und Odysseus folgen konnten. Am Hain Athenes blieb dann der Held
zurück und betete flehend zu Athene, seiner Beschirmerin. Athene hörte ihn auch,
nur fürchtete sie die Nähe ihres Bruders Poseidon und erschien ihm deswegen
nicht öffentlich in dem fremden Lande.
Odysseus bei den Phäaken
Die Jungfrau war schon in dem Palast ihres Vaters angekommen, als Odysseus
den heiligen Hain verließ und gleichfalls den Weg nach der Stadt einschlug.
Athene entzog ihm auch jetzt ihre Hilfe nicht. Daß kein mutwilliger Phäake den
wehrlosen Wanderer kränken konnte, verbreitete sie, für ihn selbst unbemerkt,
rings um ihn her Nacht, und ganz nahe vor den Toren wollte sie es doch nicht
lassen, ihm in sichtbarer Gestalt als ein junges Phäakenmädchen, den Wasserkrug
an der Hand, zu begegnen. »Töchterchen«, redete der Held sie an, »willst du
mir nicht den Weg zur Wohnung des Königes Alkinoos zeigen? Ich bin ein verirrter
Fremdling, komme aus fernen Landen und kenne hier niemand.« »Recht gerne, guter
Mann«, sagte die Göttin in Mädchengestalt; »mein ehrlicher Vater wohnt ganz
nahe dabei. Aber geh nur ganz stille mit mir: die Leute sind hier den Fremden
nicht sonderlich gewogen; das kecke Leben zur See macht sie trotzig.« Unter
diesen Worten ging Athene schnell voran, und Odysseus folgte, aber kein Phäake
wurde ihn gewahr. Gemächlich konnte er den Hafen, die Schiffe, die getürmten
Mauern der Stadt anstaunen; endlich sprach Athene: »Dies ist, fremder Vater,
das Haus des Alkinoos, wandle nur getrost hinein; dem mutigen Manne gelingt
alles! Doch eins laß mich dir sagen: Suche vor allen Dingen die Königin auf.
Sie heißt Arete und ist die Nichte ihres eigenen Gemahls. Der vorige König nämlich,
Nausithoos, ein Sohn Poseidons und der Periböa, der Tochter des Gigantenbeherrschers
Eurymedon, hinterließ zwei Söhne, unsern König, Alkinoos, und einen andern,
Rhexenor. Der letztere lebte nicht lange und hinterließ eine einzige Tochter;
und dies ist unsere Königin Arete. Alkinoos ehrt sie, wie nur irgendein Weib
auf der Erde geehrt werden kann, und ebenso verehrt sie auch alles Volk, denn
sie ist voll Verstandes und Geistes und weiß selbst Männerzwiste mit ihrer Weisheit
zu entscheiden. Wenn du sie gewinnen kannst, so sei getrost.«
Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31
Gerne gelesen werden auch:
Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt