Gustav Schwab - Odysseus

admin am Mrz 29th 2008

Tochter bei der Hand und sprach schmeichelnd: »Väterchen, willst du mir nicht
einen Lastwagen anspannen lassen, damit ich meine kostbaren Gewande zur Wäsche
nach dem Flusse fahren kann? Sie liegen mir so schmutzig umher. Auch dir ziemt
es, in reinen Kleidern im Rate dazusitzen. So wollen auch deine fünf Söhne,
von welchen drei noch unvermählt sind, beständig in frischgewaschener Kleidung
umhergehen und fein schmuck beim Reigentanz erscheinen. Und am Ende liegt doch
alles auf mir!«

So sprach die Jungfrau; daß sie aber an die eigene Vermählung dabei denke,
das mochte die Blöde sich und dem Vater nicht gestehen. Dieser aber merkte es
doch und sprach: »Geh, mein Kind, ein geräumiger Korbwagen und Maultiere sollen
dir nicht versagt sein; befiehl den Knechten nur, anzuspannen!« Nun trug die
Jungfrau die feinen Gewande aus der Kammer und belud den Wagen; die Mutter fügte
Wein in einem Schlauche, Brot und Gemüse hinzu, und als sich Nausikaa in den
Wagensitz geschwungen, gab sie ihr noch die Ölflasche mit, sich zugleich mit
den dienenden Jungfrauen zu baden und zu salben. Die Jungfrau war eine geschickte
Wagenlenkerin, sie ergriff selbst Zaum und Geißel und lenkte die Tiere mit den
Dienerinnen dem anmutigen Ufer des Flusses zu. Hier lösten sie das Gespann,
ließen die Maultiere im üppigen Grase weiden und trugen die Gewande am Waschplatz
in die geräumigen Behälter, die zu diesem Behufe gegraben waren. Dann wurde
von den emsigen Mädchen die Wäsche mit den Füßen gestampft, gewaschen und gewalkt,
und endlich wurden alle Kleider der Ordnung nach am Meeresufer ausgebreitet,
wo reingespülte Kiesel eine Steinbank bildeten. Alsdann erfrischten sich die
Mädchen selbst im Bade, und nachdem sie sich mit duftigem Öle gesalbt, verzehrten
sie das mitgebrachte Mahl fröhlich am grünen Ufer und harrten, bis ihre Wäsche
an den Sonnenstrahlen getrocknet wäre.

Nach dem Frühstücke erlustigten sich die Jungfrauen mit Tanz und Ballspiel
auf der Wiese, nachdem sie ihre Schleier und was von Kleidern sie hindern konnte,
abgelegt. Nausikaa selbst stimmte zuerst den Gesang dazu an, an hohem Haupt
und edlem Angesichte vor allen den reizenden Mädchen hervorragend. Die Jungfrauen
taten ihr alle nach, und ihre Fröhlichkeit war groß. Wie nun die Königstochter
einmal den Ball nach einer Gespielin warf, da lenkte ihn die unsichtbar gegenwärtige
Göttin Athene so, daß er in die Tiefe des Flußstrudels fallen mußte und das
Mädchen verfehlte. Darüber kreischten die Spielenden alle auf, und Odysseus,
dessen Lager in der Nähe unter den Olivenbäumen war, erwachte. Horchend richtete
er sich auf und sprach zu sich selber: ›In welcher Menschen Gebiet bin ich gekommen?
Bin ich unter wilde Räuberhorden geraten? Doch deucht mir, ich hörte lustige
Mädchenstimmen, wie von Berg- oder Quellennymphen! Da bin ich doch wohl in der
Nähe von gesitteten Menschenkindern!‹

So sprach er zu sich, und indem er mit der nervichten Rechten aus dem verwachsenen
Gehölz einen dichtbelaubten Zweig abbrach und sein Blöße damit bedeckte, tauchte
er aus dem Dickicht hervor, und von der Not gedrängt, erschien er wie ein wilder
Berglöwe unter den zarten Jungfrauen. Er war von dem Meeresschlamm noch ganz
entstellt: die Mädchen meinten ein Seeungeheuer zu sehen und flüchteten sich,
die einen da-, die andern dorthin, auf die hohen waldigen Anhöhen des Gestades.
Nur die Tochter des Alkinoos blieb stehen; Athene hatte ihr Mut ins Herz eingeflößt,
und sie stand gegen den Fremdling gekehrt. Odysseus besann sich, ob er die Knie
der Jungfrau umfassen oder aus ehrerbietiger Ferne sie anflehen sollte, ihm
ein Kleid zu schenken und den Weg nach Menschenwohnungen zu zeigen. Er hielt
das letztere für ziemlicher und rief ihr daher von weitem zu: »Seiest du eine
Göttin oder eine Jungfrau, schutzflehend nahe ich mich dir! Bist du eine Göttin,
so achte ich dich Artemis gleich an Gestalt und Schönheit; bist du eine Sterbliche,
so preise ich deine Eltern und deine Brüder selig! Das Herz muß ihnen im Leibe
beben über deine Schönheit, wenn sie sehen, wie solch ein herrlich Geschöpf
zum Reigentanz einherschreitet. Und wie hochbeglückt ist der, der dich als Braut
nach Hause führt! Mich aber sieh du gnädig an, denn ich bin in unaussprechlichen
Jammer gestürzt. Gestern sind es zwanzig Tage, daß ich von der Insel Ogygia
abgefahren bin; vom Sturm ergriffen, wurde ich auf dem Meer umhergeworfen und
endlich als Schiffbrüchiger an diese Küste geschleudert, die ich nicht kenne,
wo mich niemand kennt. Erbarme dich mein; gib mir eine Bedeckung für meinen
Leib, zeige mir die Stadt, wo du wohnest. Mögen dir die Götter dafür geben,
was dein Herz begehrt, einen Gatten, ein Haus, und Frieden und Eintracht dazu!«

Nausikaa erwiderte auf diese Anrede: »Fremdling, du scheinst mir kein schlechter
und kein törichter Mann zu sein. Da du dich an mich und mein Land gewendet hast,
soll es dir weder an Kleidung noch an sonst etwas mangeln, was der Schutzflehende
erwarten kann. Ich will dir auch die Stadt zeigen und den Namen unseres Volkes
sagen. Phäaken sind es, die diese Felder und dieses Reich bewohnen; ich selbst
bin die Tochter des hohen Königes Alkinoos.« So sprach sie und rief die dienenden
Mädchen, indem sie ihnen Mut einflößte und wegen des Fremdlings sie zu beruhigen
suchte. Die Mägde aber standen und ermahnten eine die andere, hinzutreten. Endlich
gehorchten sie der Fürstin, und nachdem sich Odysseus an einem versteckten Orte

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