Gustav Schwab - Odysseus
admin am Mrz 29th 2008
selbst taumelte weit von dem erschütterten Fahrzeug, das Ruder fuhr ihm aus
der Hand, das Floß war in Stücke gegangen; Mastbaum und Segelstangen trieben
da und dort über das tobende Meer hin. Odysseus aber war in die Brandung untergetaucht,
und das nasse Gewand zog ihn immer tiefer hinab. Endlich kam er wieder empor,
spie das Salzwasser, das er geschluckt hatte, aus und schwamm den Trümmern des
Floßes nach, deren größtes Stück er endlich auch glücklich erreichte und sich
mitten darauf niederließ. Wie er nun auf dem zerrissenen Floße dahintrieb, gleich
einer Distel im Winde, da erblickte ihn die Meeresgöttin Leukothea, und es erbarmte
sie des armen Dulders. Wie ein Wasserhuhn flog sie aus dem Strudel empor, setzte
sich auf das Gebälk und sprach zu ihm: »Laß dir raten, Odysseus! Zieh dein Gewand
aus, überlaß das Floß dem Sturm; schnell umgürte dich hier mit meinem Schleier
unter der Brust, und dann - verachte schwimmend alle Schrecken des Meeres!«
Odysseus nahm den Schleier; die Göttin verschwand, und obgleich er der Erscheinung
mißtraute, so gehorchte er dem Rate doch. Während Poseidon ihm die wildeste
Woge sandte, daß das Bruchstück des Floßes ganz auseinanderging, setzte er sich
wie ein Reiter auf einen einzelnen Balken, zog das lange, beschwerende Gewand,
das Kalypso ihm geschenkt hatte, aus und sprang mit dem Schleier umgürtet in
die Flut.
Poseidon schüttelte ernsthaft das Haupt, als er den entschlossenen Mann den
Sprung wagen sah, und sprach: »So irre denn durch die Meeresflut, von Jammer
umringt! Gewiß, du sollst noch übergenug vom Elend kosten!« Mit diesen Worten
verließ der Gott die See und zog sich nach seinem Palaste zurück. Odysseus wogte
nun noch zwei Tage und Nächte auf der See umher; da erblickte er endlich ein
waldiges Ufer, wo die Brandung an Klippen donnerte, und eine hochschwellende
Woge trug ihn, ehe er einen Entschluß fassen konnte, von selbst dem Gestade
entgegen. Mit beiden Händen umfaßte er eine Klippe; aber siehe da - eine Woge
kam und schleuderte ihn wieder ins Meer zurück. Er suchte sein Heil aufs neue
im Schwimmen und fand endlich ein bequemes, seichtes Ufer und eine sichere Bucht,
wo ein kleiner Fluß sich ins Meer ergoß. Hier flehte er zum Gotte dieses Stromes,
der ihn hörte, das Wasser besänftigte und ihm möglich machte, schwimmend das
Land zu erreichen. Ohne Stimme und Atem sank er auf den Boden, aus Mund und
Nase strömte ihm das Meerwasser, und erstarrt von der fürchterlichen Anstrengung,
sank er in eine Ohnmacht.
Als er wieder aufzuatmen anfing und das Bewußtsein ihm zurückkehrte, löste
er sich den Schleier der Göttin Leukothea dankbar ab und warf ihn in die Wellen
zurück, daß ihn die Geberin wieder erfassen konnte; dann warf er sich unter
die Binsen nieder und küßte die wiedergewonnene Erde. Den nackten Mann fror,
und die Nachtluft wehte schneidend von Morgen her. Er beschloß, den Hügel hinanzugehen
und sich in die nahe Waldung zu bergen. Hier fand er eine Ruhestatt unter zwei
verschlungenen dichten Olivenbäumen, einem wilden und einem zahmen, die so dick
belaubt waren, daß kein Wind, kein Regen und kein Sonnenstrahl sie je durchdrang.
Dort häufte sich Odysseus von der Menge gefallener Baumblätter ein Lager, legte
sich mitten hinein und deckte sich wieder mit Blättern zu. Ein erquickender
Schlaf ergoß sich bald über seine Augenlider und ließ ihn alles überstandene
und bevorstehende Leid vergessen.
Nausikaa
Während Odysseus von Anstrengung und Schlaf überwältigt im Walde lag, war seine
Beschützerin Athene liebreich für ihn bedacht. Sie eilte in das Gebiet der Phäaken,
auf dem er angekommen war, welche die Insel Scheria bewohnten und hier eine
wohlgebaute Stadt gegründet hatten. Dort herrschte ein weiser König, mit Namen
Alkinoos, und in seinen Palast begab sich die Göttin. Sie suchte hier das Schlafgemach
Nausikaas auf, der jungfräulichen Tochter des Königes, die an Schönheit und
Anmut einer Unsterblichen ähnlich war. Diese schlief, von zwei Mägden, die ihre
Bettstellen an der Pforte hatten, bewacht, in einer hohen, lichten Kammer. Athene
nahte sich dem Lager der Jungfrau leise wie ein Lüftchen, trat ihr zu Häupten,
und in eine Gespielin verwandelt, sprach sie zu ihr im Traume: »Ei du träges
Mädchen, wie wird dich die Mutter schelten! Hast du doch gar nicht für deine
schönen Gewande gesorgt, die ungewaschen im Schranke liegen! Wenn nun einmal
deine Vermählung herankommt und du etwas Schönes für dich selbst brauchst und
für die Jünglinge, die deine Brautführer sein werden! Wie soll es dann werden?
Schmucke Kleider empfehlen jedermann, und auch deine lieben Eltern haben an
nichts eine größere Freude! Auf, erhebe dich mit der Morgenröte, sie zu waschen;
ich will dich begleiten und dir helfen, damit du geschwinder fertig wirst. Du
bleibst doch nicht lange mehr unvermählt; werben doch schon lange die Edelsten
unter dem Volke um die schöne Königstochter!«
Der Traum verließ das Mädchen; eilig erhob sie sich vom Lager und suchte die
Eltern in ihrer Kammer auf. Diese waren bereits aufgestanden; die Mutter saß
am Herde mit Dienerinnen und spann purpurne Seide, der König aber begegnete
ihr unter der Pforte; er hatte schon einen Rat der angesehensten Phäaken bestellt
und wollte sich eben in denselben verfügen. Da faßte ihn die ihm entgegenkommende
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