Gustav Schwab - Odysseus - Zweiter Teil
admin am Mrz 29th 2008
Drittes Buch
Odysseus - Zweiter Teil
Odysseus kommt nach Ithaka
Der Schlummer des Odysseus war süß, aber auch so tief wie der Tod. Das Schiff
flog schnell und sicher dahin, wie ein Wagen mit vier Hengsten durch die Ebene
oder wie ein Habicht durch die Luft fliegt. Es war, als wüßte es, welch einen
Schatz es an dem Manne trage, der in Klugheit mit den Himmlischen wetteiferte
und mehr Leiden erduldet hatte als irgendein Sterblicher. Jetzt aber hatte er
im ruhigsten Schlafe alles vergessen, was er jemals in Schlachten und auf den
Meereswellen Herbes erfahren.
Als der Morgenstern am Himmel stand und den Tag ankündigte, steuerte das Schiff
in vollem Laufe schon auf die Insel Ithaka zu, und bald lief es in die sichere
Bucht ein, welche dem Meeresgotte Phorkys gewidmet war. Zwei Landspitzen mit
gezackten Felsen laufen hier zu beiden Seiten in das Meer hinaus und bildeten
für die Schiffe einen sicheren Hafen. Im Mittelpunkte der Bucht stand ein schattiger
Ölbaum, und neben demselben war eine liebliche Grotte, in deren tiefer Dämmerung
Meernymphen ihren Wohnsitz hatten. In derselben standen steinerne Krüge und
Urnen gereiht, in welchen Bienen Honig bereiteten; auch Webstühle von Stein
konnte man da sehen, mit purpurnen Fäden bezogen, welche die Nymphen zu wundervollen
Gewanden woben. Zwei nie versiegende Quellen rannen durch die Grotte, die einen
gedoppelten Eingang hatte, gegen Mitternacht für die Menschen, gegen Mittag
eine verborgene Pforte für die unsterblichen Nymphen, welche nie ein Sterblicher
betrat. Bei dieser Höhle landeten die Phäaken, hoben den schlummernden Odysseus
mitsamt Teppich und Polster aus dem Schiff und legten ihn vor der Grotte unter
dem Ölbaum im Sande nieder. Hierauf wurden auch alle die Gaben ausgeschifft,
welche ihm Alkinoos und seine Fürsten als Geschenke mitgegeben, und sie legten
alles sorgfältig seitwärts vom Wege, damit nicht etwa ein vorübergehender Wanderer
den Fortschlummernden berauben möchte. Den Helden aus dem Schlafe zu wecken,
wagten sie nicht, denn derselbe deuchte ihnen von den Göttern selbst ihm zugesendet.
Hierauf setzten sie sich wieder ans Ruder und fuhren ihrer Heimat zu.
Aber der Meeresgott Poseidon grollte den Phäaken, daß sie mit Hilfe der Pallas
ihm seine Beute entrissen hatten, und erbat sich vom Göttervater die Erlaubnis,
an ihrem Schiff Rache nehmen zu dürfen. Dieser gönnte sie ihm, und als das Schiff
der Insel Scheria, dem Lande der Phäaken, schon ganz nahe war und mit vollen
Segeln einherwogte, stieg Poseidon aus den Wellen empor, schlug es mit der flachen
Hand und verschwand wieder in der Flut. Das Schiff aber mit allem, was darauf
war, wurde plötzlich in einen Felsen verwandelt und wurzelte im Meeresboden
fest. Die Phäaken, welche auf die Nachricht, daß ihre Landsleute zurückkommen,
nach dem Strande geeilt waren, konnten nicht genug staunen, als das Schiff,
welches eben noch in vollem Fluge begriffen war, plötzlich in seinem Laufe gehemmt
stillstand. Aber Alkinoos erhob sich in der Versammlung und sprach: »Wehe uns,
gewiß erfüllt sich jetzt an uns die uralte Weissagung, von welcher mir mein
Vater erzählt hat. Poseidon, sagte mir dieser, zürne uns in seinem Herzen, daß
wir, die gewandten Schiffer, jeden Fremdling glücklich in seine Heimat bringen.
Einst aber werde ein phäakisches Schiff, das auch von einer solchen Begleitung
heimkehre, von ihm am Ufer versteinert werden und unsre Stadt als ein Felskamm
umziehen. Darum wollen wir in Zukunft uns nicht mehr einfallen lassen, den Fremden
das Geleite zu geben, die als Schutzflehende in unsre Stadt kommen; dem zürnenden
Meeresgott aber wollen wir zwölf Stiere opfern, damit er sich erbarme und unsre
Stadt nicht ganz mit einem Gebirge von Felsen einschließe.« Die Phäaken erschraken,
als sie dieses hörten, und rüsteten sich in aller Eile zu dem Opfer.
An Ithakas Strande war Odysseus indessen vom Schlummer erwacht, aber so lange
schon von der Heimat entfernt, erkannte er sie nicht mehr. Zudem hatte Pallas
Athene um ihn selbst einen Nebel gebildet, damit er unkenntlich würde und seine
Gattin und Mitbürger ihn nicht früher zu erkennen vermöchten, ehe die Freier
ihre Missetat gebüßt hätten. So erschien denn jetzt dem Helden alles, die geschlängelten
Pfade, die Meeresbuchten, die himmelanragenden Felsen, die Bäume mit ihren hohen
Wipfeln, in fremder Gestalt. Er fuhr vom Boden auf, blickte bang umher, schlug
sich an die Stirne und rief wehklagend: »Ich Unglückseliger, in welche neue
Fremde bin ich wieder gekommen, unter welche Unholde von Menschen? Wohin rette
ich mich mit dem geschenkten Gute? Wär ich doch bei dem Volke der Phäaken geblieben,
wo ich so freundlich gepflegt worden bin! Jetzt aber haben sie mich freilich
auch verraten: sie versprachen, mich nach Ithaka zu führen, und haben mich hier
in dem fremden Lande ausgesetzt. Vergelte es ihnen Zeus, der Rächer! Gewiß haben
sie mir auch von meinem Gute gestohlen!«
Der Held blickte um sich, sah Dreifüße, Becken, Gold, Kleider, alles in bester
Ordnung umherstehen und liegen, fing an zu mustern und zu zählen: und siehe
da, ihm mangelte nichts. Als er nun nachdenklich und die Heimat betrauernd am
Strande umherirrte, gesellte sich zu ihm die Göttin Athene in Gestalt eines
zarten Jünglings, eines Schafhirten, aber wie ein Königssohn mit feinen Gewanden
angetan, mit schönen Sohlen an den Füßen und einem Spieß in der Hand. Odysseus
war froh, einem Menschen zu begegnen, und fragte ihn mit freundlichen Worten,
auf welchem Gebiet er sich befinde, ob es ein Festland oder eine Insel sei.
»Du mußt aus der Ferne daherkommen«, antwortete die Göttin, »wenn du erst nach
dem Namen dieses Landes zu fragen brauchst. Ich versichere dich, man kennt es
im Westen und im Osten. Zwar ist es gebirgig, und Rosse kann man hier keine
tummeln wie im Argiverlande; arm ist es aber deswegen nicht; Wein und Getreide
gedeihen herrlich. Ziegen und Rinder hat es in Menge, dazu die schönsten Waldungen
und Quellwasser genug. Auch durch seine Bewohner ist es berühmt worden. Frage
nur das trojanische Land, das doch ferne genug ist, das wird dir etwas von der
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