Gustav Schwab - Odysseus - Zweiter Teil
admin am Mrz 29th 2008
Mutter Hause nichts Neues vorgefallen sei. Dann übergab er dem Hirten seine
Lanze und ging in die Hütte. Sein Vater Odysseus wollte dem Hereintretenden
auf seinem Sitze Platz machen, Telemach aber hielt ihn und sagte freundlich:
»Bleib nur sitzen, Fremdling; der Mann da wird mir schon meinen Platz anweisen.«
Inzwischen bereitete Eumaios seinem jungen Herrn ein weiches Polster aus grünem
Laube, darüber er einen Schafpelz deckte. Nun setzte sich Telemach zu den beiden,
und der Sauhirt tischte eine Schüssel mit gebratenem Fleische auf, stellte den
Brotkorb dazu und mischte in der hölzernen Kanne den Wein. So schmausten sie
alle drei zusammen. Da fragte denn Telemach den Diener nach dem Fremdlinge,
und dieser brachte kürzlich vor, was Odysseus an ihn hingefabelt. »Er hat sich
jetzt«, beschloß er seine Antwort, »aus einem thesprotischen Schiffe geflüchtet
und kam in mein Gehege; ich gebe ihn dir in die Hände, tue mit ihm, wie du willst.«
»Dein Wort ängstet mich«, erwiderte Telemach; »wie kann ich den Mann in meinem
Hause, so wie es dort aussieht, beschirmen? Behalte du ihn lieber hier; ich
will ihm Rock und Mantel auf den Leib, Beschuhung an die Füße und um die Lenden
ein zweischneidiges Schwert schicken, auch Speise genug, damit er dir und deinen
Knechten nicht beschwerlich falle. Nur kann ich nicht darein willigen, daß er
sich unter die Freier begebe; denn diese schalten und walten gar zu frech im
Hause, selbst ein gewaltiger Mann vermöchte nichts gegen sie.«
Odysseus, der Bettler, drückte seine Verwunderung darüber aus, daß die Freier,
dem Sohne des Hauses zum Trotze, sich so viele Unarten herausnehmen dürften.
»Haßt dich denn etwa«, fragte er den Telemach, »das Volk, oder liegst du mit
Brüdern im Streite, oder gibst du dich von freien Stücken so tief herunter?
Wäre ich so jung wie du und der Sohn des Odysseus oder gar er selber käme zurück
- denn noch ist ja die Hoffnung dazu nicht ganz verloren! -, eher sollte mir
ein Fremder den Kopf von der Schulter hauen, ja lieber wollte ich in meinem
eigenen Hause sterben, als daß ich so schändliche Taten länger mit anschaute!«
Darauf antwortete Telemach: »Nein, lieber Gast, das Volk haßt mich nicht; auch
habe ich keine Brüder, die mich anfeindeten, ich bin das einzige Kind im Hause;
aber feindselig gesinnte Männer von allen Inseln umher und von Ithaka selbst
werben in Unzahl um meine Mutter. Sie weicht ihnen aus, ohne ihnen wehren zu
können, und in kurzem wird mein Haus und Gut verwüstet sein.« Dann wandte er
sich zu dem Sauhirten und sprach: »Du aber, Väterchen, tu mir den Gefallen und
eile hinein in die Stadt zu Penelope, meiner Mutter, und sag ihr, daß ich da
bin, doch so, daß es ja kein Freier vernimmt.« »Soll ich«, fragte Eumaios, »nicht
den Umweg über den Aufenthalt deines Großvaters Laërtes machen und ihm deine
Heimkehr auch zu wissen tun? Seitdem du nach Pylos gefahren bist, erzählen sie,
habe er keine Speise und keinen Trank mehr genossen und nicht mehr nach den
Feldarbeiten gesehen; in beständiger Betrübnis sitze er da, von den Gliedern
schwinde ihm das Fleisch.« »So betrübt es ist«, antwortete Telemach, »so kann
ich dich doch den Umweg nicht machen lassen. Nicht bald genug kann mir die Mutter
wissen, daß ich wiedergekommen bin!« So sprach er und trieb den Diener an. Der
Sauhirt langte sich seine Sohlen hervor, band sie sich unter die Füße, griff
zu seiner Lanze und eilte fort.
Odysseus gibt sich dem Sohne zu erkennen
Pallas Athene, die Göttin, hatte nur den Augenblick abgewartet, wo Eumaios
die Hütte verlassen haben würde. Da erschien sie unter der Türe in Gestalt einer
schönen Jungfrau, doch nicht dem Telemach sichtbar, sondern nur seinem Vater
und den Hunden; diese aber bellten nicht, sondern verkrochen sich winselnd nach
der andern Seite des Hofes. Dem Odysseus winkte die Göttin; er verstand ihr
Gebot und verließ auf der Stelle die Hütte. An der Hofmauer fand er seine Beschützerin
stehen, die zu ihm sprach: »Jetzt, Odysseus, brauchst du dich nicht länger vor
dem Sohne zu verbergen. Beide miteinander möget ihr zum Verderben der Freier
in die Stadt eingehen. Ich selbst werde euch auch nicht lange fehlen; denn ich
brenne vor Begierde, diese Frevler zu bekämpfen!« So sprach die Göttin und berührte
den Bettler mit ihrem goldenen Stab. Da war ein Wunder zu sehen. Mantel und
Leibrock wie früher umgab des Helden sich verjüngende Gestalt wieder; sein Wuchs
strebte empor, sein Antlitz bräunte sich, die Wangen wurden voller, die Haare
dicht, und um das Kinn sproßte wieder das gekräuselte schwarze Barthaar. Nachdem
sie solches vollbracht hatte, verschwand Athene.
Als Odysseus wieder in die Hütte eintrat, sah ihn der Sohn mit Staunen an,
glaubte einen Gott zu erblicken, und mit abgewandten Augen sprach er: »Fremdling,
du siehst ganz anders aus als vorhin: andre Kleider hast du an, deine ganze
Gestalt ist verwandelt; du bist fürwahr einer der Himmlischen! Laß dir opfern
und schone unser!« »Nein, ich bin kein Gott«, rief Odysseus; »erkenne mich doch,
Kind, ich bin ja dein Vater, um den du dich soviel gegrämt hast!« Die so lange
gewaltsam gehemmten Tränen stürzten ihm bei diesen Worten aus den Augen; er
eilte auf den Sohn zu und umfing ihn unter Küssen. Aber Telemach konnte es noch
immer nicht glauben. »Nein, nein«, rief er, »du bist nicht mein Vater Odysseus,
ein böser Dämon täuscht mich, damit ich nur noch tiefer ins Leid versinke. Wie
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