Gustav Schwab - Odysseus - Zweiter Teil

admin am Mrz 29th 2008

Sklavin gelobte ihm dagegen, aus meines Vaters Hause nicht nur die Hände voll
Gold als Fährlohn mitzubringen, sondern auch noch etwas Besseres: ›Ich erziehe
nämlich‹, sagte sie, ›den kleinen Sohn des Fürsten; er ist schon recht gescheit
für sein Alter und läuft so mit, wenn ich Gänge außer dem Hause zu machen habe.
Diesen schaffe ich euch auf das Schiff, und ihr werdet keinen kleinen Gewinn
von ihm machen.‹

So sprach das falsche Weib und ging nach dem Palaste zurück, als wenn nichts
geschehen wäre; denn die Kaufleute verweilten noch ein ganzes Jahr auf der Insel.
Als sie sich endlich mit dem schwerbeladenen Schiffe zur Heimfahrt rüsteten,
erschien ein listiger Mann mit einem goldenen Halsbande im Palaste meines Vaters
und bot es zum Verkauf an. Mutter und Mägde umstanden ihn im Saal, faßten es
eine um die andere mit der Hand, musterten es mit den Augen und feilschten um
den Preis. Währenddessen gab der Mann - denn es war ein Bote der Phönizier -
dem Weib einen heimlichen Wink. Kaum hatte er das Haus verlassen, so nahm diese
mich an der Hand und entführte mich aus dem Palast. Im Vorsaale fand sie Tische
und Becher für Gäste des Vaters aus der Ratsversammlung gerüstet. Da sah ich,
wie sie schnell drei goldene Gefäße hinwegnahm und im Wurf ihres Gewandes verbarg;
in meiner Einfalt besann ich mich nicht darüber, sondern folgte ihr. Die Sonne
war eben am Untergehen, als wir im Hafen anlegten und mit der übrigen Mannschaft
das Schiff bestiegen.

Wir fuhren mit günstigem Winde ab und mochten etwa sechs Tage lang gesteuert
sein, als das verräterische Weib, vom Pfeile der Artemis, wie man sagt, getroffen,
plötzlich im Schiffsraume tot zu Boden fiel, wie ein Seehuhn, das der Jäger
geschossen. Man warf sie über Bord, den Fischen zur Beute, und ich kleines Kind
blieb allein, ohne einen Menschen, der sich meiner angenommen hätte, auf dem
Schiffe. Die Phönizier aber landeten endlich in Ithaka, wo mich der alte Laërtes
von den Kaufleuten erhandelte. Auf diese Weise habe ich zuerst unsre Insel mit
Augen gesehen.«

»Nun«, sprach Odysseus, »du darfst doch nicht ganz unzufrieden mit deinem Schicksale
sein, denn Zeus hat dir zu dem Bösen doch auch Gutes beschert und einem freundlichen
Mann in die Hand gegeben, der es dir an nichts fehlen ließ und auf dessen Gute
du noch immer in Gemächlichkeit lebst. Ich Armer dagegen irre in beständiger
Verbannung umher.«

Unter solchen Gesprächen war ihnen die Nacht fast ganz dahingeschwunden, und
sie schliefen nur noch weniges, bis die anbrechende Morgenröte sie weckte.
Telemach kommt heim

An demselben Morgen landete Telemach mit seinen Begleitern an Ithakas Gestade.
Dem Rate Athenes gehorchend, hieß er diese ohne Verzug nach der Stadt fortrudern,
versprach ihnen, am andern Tage durch ein fröhliches Mahl den Dank für die Reise
zu bezahlen, und schickte sich zum Wege nach dem Hirten an. »Aber wo soll ich
hingehen, mein Sohn«, fragte den Scheidenden Theoklymenos, »wer in der Stadt
wird mich aufnehmen? Soll ich etwa geradenwegs auf den Palast deiner Mutter
zugehen?« »Hätte unser Haus«, antwortete Telemach, »ein anderes Ansehen, als
es gegenwärtig hat, so würde ich dir unbedenklich dazu raten; so aber würdest
du von den Freiern doch nicht vorgelassen, und meine Mutter webt im einsamsten
Gemache des Hauses an einem Gewande. Da wäre es noch klüger, dich in das Haus
des Eurymachos zu begeben, der ein Sohn des in Ithaka hoch angesehenen Mannes,
des Polybos, und der Erste unter denen ist, die sich um meine Mutter bewerben.«
Während er noch redete, flog ein Habicht mit einer Taube vorüber, deren Gefieder
er berupfte. Da führte der Seher den Jüngling bei der Hand auf die Seite und
sagte ihm ins Ohr: »Sohn, wenn meine Kunst mich nicht ganz täuscht, so gilt
dieses Zeichen deinem Hause. Nie wird ein anderes Geschlecht auf Ithaka walten:
ihr seid die ewigen Beherrscher dieses Landes!«

Ehe nun Telemach von Theoklymenos Abschied nahm, empfahl er diesen noch seinem
vertrautesten Freunde, dem Peiraios, dem Sohne des Klytios, daß er den Fremdling
in seine eigene Wohnung aufnehmen und liebreich pflegen möchte, bis Telemach
in die Stadt käme. Dann schied er, und die Genossen fuhren weiter.

Inzwischen rüsteten Odysseus und der Sauhirte in der Hütte das Frühstück, und
die Knechte trieben die Schweine hinaus. Als sie behaglich beim Mahle saßen,
ließen sich draußen Fußtritte hören, und die Hunde wurden laut, doch ohne zu
bellen; sie schienen vielmehr einem Herankommenden zu schmeicheln. »Gewiß«,
sagte Odysseus zu dem Hirten, »besucht dich ein Freund oder Bekannter; denn
gegen Fremde gebärden sich deine Hunde ganz anders, das hab ich erfahren!«

Das Wort war noch nicht ganz ausgeredet, als sein lieber Sohn Telemach unter
der Hüttentür stand. Der Sauhirt ließ das Trinkgeschirr vor freudiger Bestürzung
aus der Hand sinken, eilte seinem jungen Herrn entgegen, umschlang ihn und bedeckte
ihm weinend Antlitz, Augen und Hände mit seinen Küssen, als wäre er vom Tode
erstanden. Ein alter Vater kann seinen einzigen spätgeborenen Sohn, wenn dieser
nach zehn Jahren aus der Fremde kommt, nicht herzlicher bewillkommnen. Jener
trat erst über die Schwelle, als er von seinem Diener vernommen, daß in der

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