Gustav Schwab - Odysseus - Zweiter Teil

admin am Mrz 29th 2008

an das Steuerruder des Schiffes und brachte seiner Beschützerin Athene unter
Gebet ein Opfer dar.

Während er dies tat, näherte sich ein Mann mit hastigen Schritten dem äußersten
Ufer, streckte seine Hände nach Telemach aus und rief: »Bei deinem Opfer, Jüngling,
bei den Göttern und bei der Wohlfahrt deines Hauptes und der Deinigen flehe
ich zu dir: sage mir, wer du bist und wo du wohnest.« Als Telemach ihm alles
der Wahrheit nach kurz zugerufen, fuhr er fort zu bitten: »Auch ich bin auf
der Wanderschaft begriffen. Ich bin der Seher Theoklymenos, mein Geschlecht
stammt aus Pylos, ich selbst aber hausete zu Argos. Dort hab ich im Streit und
Jähzorn einen Mann aus mächtigem Geschlecht erschlagen und bin seinen Brüdern
und Verwandten, die mir den Tod geschworen haben, entronnen. Hinfort bleibt
mir nichts übrig, als wie ein Verbannter durch die Welt zu irren. Du aber, guter
Jüngling, betrachte mich als einen Schutzflehenden und laß mich zu dir ins Schiff,
denn meine Verfolger sind mir auf den Fersen!«

Telemach, der einen milden Sinn hatte, nahm den Fremdling gern in sein Schiff
auf und versprach ihm, auch in Ithaka für seinen Lebensunterhalt zu sorgen.
Er empfing den Speer aus den Händen des Fremden und legte ihn aufs Verdeck nieder;
dann bestieg er selbst mit dem Seher das Schiff und setzte sich mit ihm an das
Steuerende; die Seile, mit welchen das Fahrzeug am Gestade angebunden war, wurden
abgelöst, der Mast aus Fichtenholz in die mittlere Vertiefung des Schiffsbodens
gestellt und hoch aufgerichtet, die weißen Segel mit Riemen an den Stangen aufgespannt,
und unter dem Sausen des günstigen Windes flog das Schiff davon.
Gespräche beim Sauhirten

In der Hütte des Sauhirten zu Ithaka saß Odysseus mit Eumaios und den andern
Hirten am Abende dieses Tages vergnüglich bei der Nachtkost, und um ihn zu versuchen,
wie lang er ihm wohl Herberge gönnen werde, sprach er nach dem Essen zu seinem
Wirt: »Morgen, mein Freund, will ich an meinem Bettelstab in die Stadt gehen,
um euch nicht länger beschwerlich zu fallen. Da rate mir denn und gib mir einen
Begleiter mit, der mir den Weg zeige, denn ich will in der Götter Namen die
Stadt durchirren und sehen, wo ich ein wenig Wein und Brot erhalte. Auch möchte
ich gern in den Palast des Königs Odysseus gehen und dort seiner Gemahlin Penelope
sagen, was ich von ihm weiß. Am Ende würde ich auch den Freiern gegen Unterkunft
und Speise meine Dienste anbieten; verstehe ich mich doch trefflich aufs Holzspalten,
Feueranmachen, Bratspießwenden, Speisevorlegen und Weinverteilen und auf andere
derlei Geschäfte, wie sie Vornehme von den Geringern zu fordern pflegen.« Aber
der Sauhirt runzelte die Stirn und erwiderte: »Gast, was kommt dir für ein Gedanke
in den Sinn, willst du dich ganz ins Verderben stürzen? Meinst du, die trotzigen
Freier werden nach deinen Diensten lüstern sein? Die haben ganz andere Diener,
als du einer wärst! Jünglinge in den zierlichsten Kleidern, mit blühendem Antlitze,
das Haupt von Salben duftend, stehen ihnen zu Gebot und bedienen die prächtigen
Tische, welche stets mit Fleisch, Brot und Wein belastet sind. Bleib du bei
uns, wo deine Gesellschaft weder mir noch den Meinigen beschwerlich ist, und
warte auf den guten Sohn des Odysseus, der dich mit aller Notdurft wohl versorgen
wird!«

Odysseus nahm das Anerbieten dankbar an und bat darauf den Hirten, ihm auch
zu erzählen, wie es den Eltern seines Herrn gehe, ob sie noch leben oder schon
in den Hades hinabgestiegen seien. »Laërtes, der Vater, lebt noch«, antwortete
ihm Eumaios, »aber er beweint untröstlich den entfernten Sohn und die Gattin,
die der Gram um den Verlorenen getötet hat. Auch ich muß diese gute Frau beweinen;
ist doch sie es, die mich mit ihrer Tochter Ktimene fast wie einen Sohn aufgezogen
hat. Als später die Tochter nach Same vermählt wurde, stattete mich die Mutter
reichlich aus und schickte mich hierher aufs Land. Jetzt muß ich freilich vieles
entbehren und nähre mich, so gut ich kann, von meinem Amte hier. Penelope, die
jetzige Königin, kann nichts für mich tun; sie ist von den Freiern umgeben und
bewacht, und ein ehrlicher Diener kann gar nicht bis zu ihr durchdringen.« »Guter
Sauhirt«, fragte Odysseus weiter, »woher stammest du denn, und wie bist du in
den Dienst dieses Hauses gekommen?« Der Hirt schenkte seinem Gaste den Becher
wieder voll und erwiderte: »Trink, mein guter Alter, und laß dich die lange
Geschichte nicht verdrießen; hier zwingt uns ja niemand, früh zu Bette zu gehen,
und wir können die ganze Nacht durchschwatzen. Dort über Ortygia hin liegt eine
nicht sonderlich bevölkerte, aber fruchtbare und gesunde Insel mit Namen Syria,
mit zwei Städten. Über beide herrschte als mächtiger Fürst mein Vater Ktesios,
der Sohn des Ormenos. Als ich noch ein kleiner Knabe war, landeten dort trügerische
Seefahrer aus Phönizien, die allerlei niedliche Waren auf ihrem Schiffe zum
Verkauf mitbrachten und lang an unsrer Küste blieben. Nun hatten wir damals
ein phönizisches Weib, schön und schlank von Gestalt, die mein Vater als Sklavin
erstanden hatte und die wegen ihrer kunstreichen Arbeiten sehr beliebt war,
in unserer Wohnung. Diese wurde mit einem der phönizischen Krämer ihrer Landsleute
vertraut und hängte ihr Herz an ihn. Der Schiffer versprach ihr, sie mit sich
als seine Gattin in seine und ihre Heimat nach Sidon zu führen, und die treulose

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