Gustav Schwab - Odysseus - Zweiter Teil
admin am Mrz 29th 2008
und fahre nur in der Nacht; für guten Wind wird ein Gott sorgen. Hast du sodann
das nächste Ufer von Ithaka erreicht, so sende deine Genossen alle sogleich
nach der Stadt, du selbst aber begib dich vor allen Dingen zu dem treuen Hirten,
der deine Schweine bewacht; bei ihm bleibst du bis an den Morgen, und von dort
aus meldest du der Mutter Penelope deine glückliche Zurückkunft aus Pylos!«
Nachdem sie also gesprochen, flog die Göttin wieder zum Olymp empor. Telemach
aber weckte den Sohn Nestors, indem er ihn mit dem Fuß an die Ferse stieß, und
rief. »Wach auf, Peisistratos, schirre die Rosse vor den Wagen und laß uns die
Heimfahrt beginnen!« »Wie«, antwortete der Sohn Nestors noch im halben Schlummer,
»wir werden doch im Dunkel der Nacht nicht auf die Fahrt gehen wollen? Warte
doch, bis der Morgen kommt; dann legt uns der König Menelaos schöne Geschenke
in den Wagensessel und entläßt uns mit freundlichen Abschiedsworten.« Während
sie so noch länger miteinander über die Abreise unterhandelten, erschien die
Morgenröte, und Menelaos erhub sich noch vor den Jünglingen von dem Lager. Als
ihn Telemach in der Ferne durch die Halle wandeln sah, warf er sich schnell
in seinen Leibrock, schlug den Mantel um die Schultern, trat zu dem Fürsten
und bat ihn um Entlassung in die Heimat. Freundlich entgegnete ihm Menelaos:
»Lieber Gast, ich bin weit entfernt, dich länger aufhalten zu wollen, wenn du
dich nach Hause sehnest. Ich selbst kann den Wirt nur tadeln, der durch lästige
Freundschaft sich gegen seinen Gastfreund als ein Feind beweist. Es ist ebenso
unrecht, einen Eilenden aufzuhalten, als einen Zögernden an die Heimkehr zu
erinnern. Warte nur so lange, bis ich dir Geschenke in den Wagen gelegt und
die Weiber dir einen Schmaus bereitet haben.« »Edler Fürst«, antwortete Telemach,
»ich wünsche nur deswegen heimzukehren, um nicht, während ich nach dem Vater
forsche, selbst zugrunde zu gehen; denn es warten allerlei Gefahren auf mich,
und im väterlichen Palaste wird mein Erbgut aufgezehrt.« Als Menelaos dieses
hörte, sorgte er in aller Eile für das Mahl und verfügte sich mit Helena und
Megapenthes in die Vorratskammer. Hier suchte er selbst einen goldenen Becher
heraus, seinem Sohne Megapenthes gab er einen schönen silbernen Krug zu tragen,
und aus dem Kasten suchte Helena das unterste ihrer selbstgewirkten Gewande
hervor, welches das schönste und größte von allen war. Mit diesen Gaben kehrten
sie zu dem Gastfreunde zurück; Menelaos reichte ihm den Becher, sein Sohn stellte
den Krug vor ihm auf, und Helena ging mit ihrem Gewand in den Händen ihm entgegen
und sprach: »Nimm dieses Geschenk, lieber Sohn, als ein Andenken aus der Hand
Helenas; am Hochzeitstage soll es deine junge Braut tragen; bis dahin mag es
im Gemache deiner Mutter liegen. Du aber kehre mit fröhlichem Herzen in das
Haus deiner Väter zurück!«
Telemach empfing die Gaben mit ehrerbietigem Danke, und sein Freund Peisistratos
legte sie, jedes einzelne bewundernd, im Wagenkorbe nieder. Dann führte Menelaos
die Gäste noch einmal in seinen Saal, und der Abschiedsimbiß wurde genossen.
Als sie schon auf dem Wagen saßen, trat Menelaos, mit einem vollen Becher in
der Rechten, noch einmal vor die Rosse, brachte zu glücklicher Abfahrt den Unsterblichen
eine Opferspende dar, trank mit einem Handschlag den Jünglingen zu, sagte ihnen
Lebewohl und gab ihnen einen Gruß an seinen greisen Freund Nestor auf. Während
Telemach noch dankte und seinen Wunsch aussprach, den Vater Odysseus im Palaste
heimgekehrt zu treffen und ihm von des Menelaos Gastfreundschaft Bericht abstatten
zu können, siehe, da flog ein Adler, mit einer zahmen Gans aus dem Hofe in den
Klauen, von schreienden Männern und Weibern verfolgt, rechts her gerade vor
die Rosse der Jünglinge. Alle freuten sich über dieses Zeichen, Helena aber
sprach: »Höret meine Weissagung, ihr Freunde! Wie der Adler, aus seinem Nest
im Gebirge gekommen, die Gans weggerafft hat, die sich vom Fett unsrer Wohnung
mästete, so wird Odysseus nach langer Irrfahrt und Qual als Rächer in die Heimat
zurückkehren oder ist schon zurückgekehrt, den gemästeten Freiern zum Verderben!«
»Geb es Zeus so«, antwortete Telemach, »dann, edle Fürstin, will ich dich zu
Hause stets wie eine Göttin anflehen.«
Und nun eilten die beiden Gäste mit dem Wagen davon. Am Abend übernachteten
sie, gastreich gepflegt, wieder in der Burg bei dem gütigen Helden Diokles zu
Pherai, und am zweiten Tage erreichten sie glücklich die Stadt Pylos. Aber ehe
sie hineinfuhren, wandte sich Telemach bittend an seinen jungen Freund: »Lieber
Peisistratos«, sprach er, »so befreundet unsere Väter sind, so innig diese Fahrt
uns beide vereinigt hat: verarge mir’s nicht, wenn ich die Stadt nicht betreten
will, daß dein greiser Vater mich nicht aus lauter Liebe mit Zwang in seiner
Wohnung zurückhalte, denn du weißt ja selbst, wie sehr ich meine Heimkehr beschleunigen
muß. »Peisistratos fand sein Gesuch natürlich, lenkte mit seinen Rossen an der
Stadt vorüber und brachte den Jüngling geradenwegs an den Strand zu seinem Schiffe.
Hier nahm er recht herzlichen Abschied von seinem Freunde und sprach: »Besteige
nur rasch dein Schiff und fahre davon; denn erführe mein Vater, daß du da bist,
er würde gewiß selbst kommen und dich nötigen, in seinem Palast einzukehren.«
Telemach gehorchte seinen Worten; die Genossen bestiegen das Schiff und setzten
sich auf die Ruderbänke, er selbst aber stellte sich noch auf dem Strande hinten
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