Gustav Schwab - Odysseus - Zweiter Teil
admin am Mrz 29th 2008
schwatzen, und entlockt mir Worte, die vielleicht besser verschwiegen blieben.
Als wir einst vor Troja uns in einen Hinterhalt gelegt, wir drei, Odysseus,
Menelaos und ich, mit einer Schar von Kriegern, schmiegten wir uns der Burg
gegenüber zwischen Rohr und Sumpf unter unsre Rüstungen, und es wurde Nacht.
Der Nordwind kam mit einem Schneegestöber, und bald hatte der Frost unsre Schilde
mit einem Rande von Glatteis umzogen. Den beiden andern tat dieses nicht viel,
sie hatten sich in ihre Mäntel gewickelt und schlummerten von der Kälte unangefochten
unter ihren Schilden. Ich dagegen hatte beim Weggehen unbedachtsamerweise meinen
Mantel den Freunden zurückgelassen, denn auf eine solche Kälte hatte ich keineswegs
gerechnet, sondern war nur im Gürtel und mit dem Schilde ausgegangen. Nun war
noch ein Drittel der Nacht übrig und die Morgenkälte am schneidendsten. Da stieß
ich endlich meinen Nachbar, den schlafenden Odysseus, mit dem Ellbogen an und
ermunterte ihn mit den Worten: ›Du, wenn die Nacht noch lange währt, so bringt
mich der Frost um. Ein böser Dämon hat mich verführt, im bloßen Rocke ohne Mantel
zu gehen!‹ Wie das Odysseus hörte, der bekanntlich ein Mann zum Rat so gut wie
zur Schlacht war, so flüsterte er mir zu: ›Still, daß kein Achaier uns hört;
dir soll bald geholfen sein!‹ Dann richtete er sich vom Lager auf, stützte sein
Haupt auf den Ellenbogen und rief über die Schläfer hin: ›Ihr Freunde, die Götter
haben mir einen warnenden Traum gesendet: wir haben uns zu weit von den Schiffen
entfernt; will nicht einer gehen und dem Agamemnon die Aufforderung bringen,
uns noch mehr Streitgenossen zu schicken?‹ Auf diese Worte sprang einer unsrer
Krieger, Thoas, der Sohn des Andraimon, dienstbereit vom Boden auf, legte seinen
Mantel von sich und eilte zu den Schiffen. Ich aber wickelte mich behaglich
in denselben und schlief nun getrost bis zur Morgenröte. Ja, wär ich noch der
junge stattliche Mann wie damals, so würde mir, aus Liebe wie aus Scheu, wohl
auch irgendein Sauhirt im Gehege hier seinen Mantel zum Schirme gegen den Nachtfrost
leihen. Jetzt kümmert sich freilich kein Mensch in meinen Lumpen um mich!«
»Das ist ein schönes Gleichnis«, sagte Eumaios lachend, »das du uns da erzählt
hast, Fremdling, drum soll es dir auch jetzt weder an Kleidung noch an irgend
etwas anderem mangeln. Morgen mußt du freilich wieder mit deinen Lumpen fürliebnehmen,
denn wir selbst haben nichts übriges zum Anlegen; wenn aber der Sohn des Odysseus
glücklich heimkehren sollte, so wird er dich ganz gewiß mit Mantel und Leibrock
beschenken und dich geleiten lassen, wohin du wünschest.« So sprechend, erhob
sich Eumaios und bereitete seinem Gaste nicht weit vom Feuerherd ein Bett, das
er ihm aus Schafpelzen und Ziegenhäuten zurechtmachte, und nachdem sich Odysseus
darauf niedergelegt, deckte er ihn mit einem dichten großen Mantel zu, den er
selbst bei den heftigen Winterstürmen anzuziehen pflegte.
So lag denn der Held warm gebettet und schickte sich zum Schlummer an; neben
ihm legten sich auch die Knechte zum Schlafe nieder; aber Eumaios wählte sein
Nachtlager nicht in der Hütte, denn er mochte nicht entfernt von seinen Schweinen
schlafen; er nahm vielmehr die Waffen zur Hand und begab sich hinaus zu den
Ställen, das Schwert um die Schulter gegürtet und in einen dichten Mantel gehüllt.
Auch ein zottiges Ziegenfell nahm er mit zur Unterlage, und in der Hand trug
er einen scharfen Spieß, Hunde und Männer, die etwa herannahen könnten, damit
zu schrecken. So legte er sich, vor dem schneidenden Nordwinde geschirmt, vor
die Kofen seiner Schweine. Odysseus war noch nicht eingeschlafen, als der Sauhirt
in diesem Aufzuge die Hütte verließ. Er blickte ihm teilnehmend nach und freute
sich innerlich im Herzen, einen so ehrlichen und getreuen Knecht zu besitzen,
der das Gut seines Herrn, den er längst für verloren hielt, mit so gewissenhafter
Sorgfalt verwaltete. In diesem Gefühl überließ sich der Held dem erquickenden
Schlummer.
Telemach verläßt Sparta
Pallas Athene, die Göttin, wandelte inzwischen nach Sparta und fand dort die
beiden Jüngling aus Pylos und aus Ithaka bei dem Fürsten Menelaos auf ihr Nachtlager
hingestreckt. Peisistratos, der Sohn des Nestor, lag in süßem Schlafe, den Telemach
aber labte kein Schlummer. Er wachte die ganze Nacht hindurch aus Bekümmernis
über das Schicksal seines Vaters. Da sah er auf einmal die Tochter des Zeus
vor seinem Bette stehen, die also zu ihm sprach: »Du tust nicht wohl daran,
Telemach, fern von deinem Hause dich in der Irre umherzutreiben, während in
deinem Palaste zügellose Männer dein Gut unter sich verteilen. Wohlan, bitte
den Fürsten Menelaos unverzüglich um die Heimfahrt, ehe deine Mutter eine Beute
der Freier wird! Denn bereits stürmen Vater und Brüder auf sie ein und verlangen,
daß sie den Eurymachos zum Gemahl erkiese, der allerdings mit seinen Geschenken
alle andern übertroffen hat und sich noch zu reichlicherer Bräutigamsgabe erbietet.
Wenn sie aber diesen wählt, dann magst du selbst zusehen, wie es dir ergehen
wird! Eile daher zurück, und im schlimmsten Fall übergib deine Güter einer getreuen
Dienerin, bis dir die Götter einmal eine würdige Gemahlin bescheren. Aber noch
eines vernimm: In der Meerenge zwischen Ithaka und Same liegen die tapfersten
Freier in einem Hinterhalte und sind dazu gerüstet, dich umzubringen, ehe du
dein Vaterland wieder erreichest. Steure deswegen fern von den andern Inseln
Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34
Gerne gelesen werden auch:
Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt