Gustav Schwab – Odysseus-Zweiter Teil
admin am Okt 13th 2011
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Sohn gekommen sind und sie mit ihren Märchen über unsern armen Herrn bis zu
Tränen gerührt haben, bis man ihnen Mantel und Leibrock dargereicht und sie
wohl bewirtet hatte. Ihm aber haben gewiß Hunde und Vögel schon lange das Fleisch
von den Gebeinen verzehrt, oder die Fische haben’s gefressen, und die nackten
Knochen liegen am Kieselstrande. Ach, nimmermehr bekomme ich einen so gütigen
Herrn; er war gar zu freundlich, gar zu liebreich. Wenn ich an ihn denke, ist
mir gar nicht, als dächte ich an meinen Gebieter, sondern wie ein älterer Bruder
steht er mir vor der Seele.«
»Nun, mein Lieber«, antwortete ihm Odysseus, »weil dein ungläubiges Herz so
zuversichtlich seine Rückkehr leugnet, so sage ich dir mit einem Eidschwur:
Odysseus kommt! Meinen Lohn, den Mantel und Leibrock, verlange ich erst, wenn
er da ist; denn so entblößt ich bin, mit einer Fabel möchte ich mir’s nicht
verdienen; ich hasse die Lügner bis auf den Tod. So höre denn, was ich dir bei
Zeus, bei diesem deinem gastlichen Tische und bei dem Herde des Odysseus schwöre:
Wann dieser Monat abgelaufen ist, wird er eintreten in sein Haus und die Frechen
züchtigen, die es wagen, sein Weib und seinen Sohn zu beschweren.« »O Greis«,
erwiderte Eumaios, »ich werde dir so wenig den Lohn für deine Botschaft zu entrichten
haben, als Odysseus nach Hause zurückkehrt. Fasle nicht, trinke ruhig deinen
Wein und sprich von etwas anderem. Deinen Eid laß gut sein! Von Odysseus hoffe
ich nichts mehr; mir macht jetzt nur sein Sohn Telemach Sorge; in ihm hoffte
ich einst an Leib und Seele den Vater wiederzuschauen. Aber ein Gott oder Mensch
hat ihm den Sinn betört: er ist gen Pylos gefahren, um nach dem Vater zu forschen;
unterdessen legten sich die Freier zu Schiff in einen Hinterhalt und werden
mit ihm den letzten Sprößling vom uralten Stamme des Arkeisios vertilgen. Doch
erzähle du, Greis, mir jetzt dein eigenes Leiden: Wer bist du, und was brachte
dich nach Ithaka?«
Odysseus macht sich den Scherz und erzählte dem Sauhirten ein langes Märchen,
in dem er sich für den verarmten Sohn eines reichen Mannes von der Insel Kreta
ausgab und die buntesten Abenteuer von sich zum besten gab. Auch den Krieg vor
Troja hatte er mitgemacht und den Odysseus dort kennengelernt. Auf der Heimkehr
verschlug ihn der Sturm an die Küste der Thesproten, bei deren Könige er wieder
etwas von Odysseus vernommen haben wollte. Dieser sei der Gast jenes Fürsten
gewesen und habe ihn kurz vor der Ankunft des Bettlers verlassen, um zu Dodona
beim Orakel den Ratschluß Zeus’ zu vernehmen.
Als er mit dem langen Gewebe seiner Lügen zu Ende war, sprach der Sauhirt ganz
gerührt: »Unglücklicher Fremdling, wie hast du mir das Herz im Leib aufgeregt,
indem du mir deine mühseligen Irrfahrten so ausführlich geschildert! Nur eines
glaube ich dir nicht: nämlich das, was du mir von Odysseus sagst. Was brauchst
du auch so in den Wind hinein zu lügen! Mir ist es ganz entleidet, nach meinem
Herrn umherzufragen und zu forschen, seit mich ein Ätolier angelogen hat, der,
wegen eines Totschlags flüchtig, in mein Gehege kam und mir beteuerte, daß er
selbst ihn auf der Insel Kreta bei Idomeneus seine vom Sturm zerschmetterten
Schiffe ausbessernd und ergänzend angetroffen habe. Im Sommer oder doch im Herbste
komme er mit seinen Genossen und unendlichem Gute gewiß zurück. Darum, du Unglücklicher,
bemühe dich nicht, meine Gunst durch solche Lügen erschmeicheln zu wollen, das
Gastrecht ist dir ja ohnedem gesichert.«
»Guter Hirte«, antwortete Odysseus, »ich will dir einen Vergleich vorschlagen:
Wenn jener wirklich zurückkommt, so sollst du mich mit Mantel und Leibrock nach
Dulichion entlassen, wohin mein Herz verlangt; kommt aber dein Herr nicht heim,
so hetze die Knechte gegen mich, daß sie mich von einer Felsenspitze ins Meer
stürzen, damit andern Bettlern die Lust zu lügen vergeht,« »Ei, das wäre ein
schöner Ruhm für mich«, fiel ihm der Sauhirt in die Rede, »wenn ich meinen Gast,
den ich in die Hütte geführt und bewirtet habe, hintendrein erschlüge! Da könnte
ich ja in meinem Leben nicht mehr zu Zeus beten! Doch das Abendessen wird bald
herankommen, und es ist an der Zeit, daß meine Knechte heimkehren, dann wollen
wir wieder fröhlich sein.« Wirklich kamen auch bald darauf die Schweine mit
ihren Hütern herbei und wurden grunzend in die Kofen getrieben. Jetzo befahl
der Hirt, ein fünfjähriges Mastschwein zur Ehre seines Gastes zu schlachten.
Ein Teil wurde unter Gebet den Nymphen und dem Gotte Hermes geopfert, einen
andere reichte er den Hütern, das beste Rückenstück wurde seinem Gast zuteil,
obgleich er in seinen Augen nur ein Bettler war.
Das rührte den Odysseus in der Seele, und er rief dankbar aus: »Möge dich,
guter Eumaios, Zeus so lieben, wie du mich, der in solcher Gestalt zu dir kam,
geehrt hast!« Der Sauhirt sprach ihm freundlich zum Mahle zu, und während sie
sich fröhlich in der Hütte sättigten, bedeckten draußen Wolken den Mond, der
Westwind sauste, und bald ergoß sich der Regen in Strömen. Den Helden fing es
in seinen Bettlerlumpen zu frieren an, und um den Hirten zu versuchen, ob er
in seiner Aufmerksamkeit so weit gehen würde, ihm seinen warmen Mantel abzutreten,
fing er wieder an, ein recht erlogenes Märchen zu erzählen. »Höret mich«, sprach
er, »Eumaios und ihr andern Hirten! Der gute Wein betört mich nun einmal, zu
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