Gustav Schwab - Odysseus - Zweiter Teil

admin am Mrz 29th 2008

seine Hand und bedeckte sie mit Küssen. »Lieber Herr, Heil dir und Segen«, rief
er, »nachdem du unser aller Wunsch erfüllt hast und endlich heimgekommen bist!
Sage mir, weiß Penelope schon, oder sollen wir ihr Botschaft zukommen lassen?«
»Sie weiß alles«, antwortete Odysseus, »du darfst dich nicht bemühen.« Da setzte
sich Dolios zum Mahle; seine Söhne drängten sich um Odysseus, drückten ihm die
Hände und hießen ihn willkommen; dann nahmen auch sie an der Seite ihres Vaters
Platz, und alles schmauste fröhlich zusammen.
Aufruhr in der Stadt durch Athene gestillt

In der Stadt Ithaka eilte inzwischen das Gerücht durch alle Straßen und verkündigte
das grausame Verhängnis, das die Freier getroffen hatte. Von allen Seiten her
drängten sich jetzt die Blutsverwandten der Gefallenen nach dem Palaste des
Odysseus, wo sie an einer abgelegenen und abgesonderten Stelle des Hofes die
Leichname der Ihrigen aufgeschichtet fanden. Unter lauten Wehklagen, darein
sich Drohungen mischten, trugen sie die Toten, ein jeder den Seinigen, hinaus
und bestatteten sie; die aber aus andern Städten und Inseln waren, wurden auf
schnellen Fischerkähnen in ihre Heimat gesendet. Dann versammelten sich die
Väter, Brüder und Anverwandten der Freier insgesamt auf dem Markte, und in der
zahlreichen Volksversammlung trat Eupeithes auf. Dies war der Vater des Antinoos,
des jugendlichsten und trotzigsten Freiers, des ersten, der von Odysseus’ Pfeile
gefallen war. Der Vater war ein mächtiger, hochangesehener, noch rüstiger Mann,
dem unheilbarer Schmerz um den Tod seines Sohnes an der Seele nagte. Dieser
vergoß Tränen vor dem Volke und sprach: »Freunde, gedenket an das mannigfaltige
Unglück, das der Mann, den ich vor euch verklage, über Ithaka und die Nachbarstädte
gebracht hat! Vor zwanzig Jahren entführte er uns so viele und so tapfere Männer
auf seinen Schiffen, verlor die Schiffe, verlor die Genossen. Endlich allein
wieder heimgekehrt, hat er die edelsten Jünglinge unseres Volksstamms erschlagen.
Auf denn, ehe sich der Verbrecher hinüber auf die Pelopsinsel nach Pylos oder
Elis rettet; folget ihm nach, ergreifet ihn! Wir könnten sonst vor Schmach die
Augen nicht wieder aufschlagen, ja für unsere spätesten Geschlechter wäre es
noch eine Schande, wenn wir, ihre Ahnen, die Mörder unserer leiblichen Söhne
und Brüder nicht bestraft hätten. Ich wenigstens könnte nicht mehr mit gutem
Gewissen leben: über ein kurzes, so zöge der Schatten des Sohnes mich zu sich
hinab! Darum ihnen nach, wenn ihr Männer seid! Greifen wir Vater und Sohn, ehe
sie uns übers Meer entrinnen!«

Erbarmen ergriff die ganze Versammlung, als sie den Mann unter Tränen so reden
hörten. In diesem Augenblicke kamen aus des Königes Palaste Phemios der Sänger
und der Herold Medon gewandelt und traten auf dem Markt in den Kreis der Versammelten.
Die Männer staunten nicht wenig, die beiden längst auch verloren Geachteten
noch am Leben zu sehen. Hierauf erbat sich Medon der Herold das Wort und sprach
zu dem versammelten Volk: »Männer von Ithaka, höret meine Rede! Was Odysseus
vollbracht hat, das hat er, ich kann es euch beschwören, nicht ohne den Ratschluß
der Unsterblichen vollendet. Ich selbst habe den Gott gesehen, der ihm in Mentors
Gestalt immer zur Seite war und bald dem Odysseus das Herz kräftigte, bald umhertobend
im Saale die Besinnung der Freier zerrüttete. Das Werk dieses Gottes ist es,
daß sie sterbend übereinandertaumelten.«

Entsetzen ergriff das versammelte Volk, wie es den Herold so sprechen hörte.
Als der erste Eindruck vorüber war, nahm ein ergrauter Held, Halitherses, der
Sohn Mastors, der allein unter allen auf die Vergangenheit zurückzublicken und
hinüberzuschauen in die Zukunft verstand, in der Versammlung das Wort und sprach:
»Höret, ihr Einwohner von Ithaka, was ich euch zu Gemüte führen will. Ihr selbst
seid schuld an allem, was geschehen ist. Warum waret ihr so träge, warum habt
ihr meinen und Mentors Rat nicht befolgt und habt eure üppigen Söhne nicht im
Zaume gehalten, als sie Tag für Tag hingingen, dem abwesenden Manne sein Gut
verpraßten und unwürdige Forderungen an seine Gemahlin richteten, als käme er
nimmermehr zurück? Ihr selbst habt euch alles dasjenige zuzuschreiben, was jetzt
im Palaste vorgefallen ist. Und wenn ihr klug seid, so werdet ihr mitnichten
den Mann verfolgen, der sich nur der Feinde seines Hauses erwehrt hat. Tut ihr
es, so komme das Unheil über euch, das ihr euch selbst herbeiziehet.«

Halitherses trat unter das Volk zurück, und unter der Versammlung entstand
Getümmel und Zwiespalt. Die eine Hälfte erhob sich zornig und stürmisch, die
andere beharrte bei der Beratung. Die aufgeregte Hälfte hielt es mit den Vorschlägen
des Eupeithes; dieser Teil der Bürger warf sich in die Rüstungen, kam auf dem
Blachfelde vor der Stadt zusammen, und nun stellte sich Eupeithes an die Spitze
der Heerschar und machte sich mit ihr auf, den Tod seines Sohnes und der andern
Freier zu rächen.

Sobald Pallas Athene vom Olymp herab den Auszug dieses Haufens gewahr wurde,
trat sie vor ihren Vater Zeus und sprach: »Herr der Götter, eröffne mir, mit
welchem Rate deine Weisheit sich trägt. Willst du die ruhigen Einwohner Ithakas
durch Krieg und Zwietracht züchtigen, oder gedenkst du den Streit beider Parteien
im Frieden beizulegen?« »Was willst du schon Beschlossenes erforschen, Tochter!«

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