Gustav Schwab - Odysseus - Zweiter Teil

admin am Mrz 29th 2008

So fabelte der erfindungsreiche Odysseus. Sein Vater aber hatte bei dieser
Nachricht das Haupt vom Boden aufgerichtet. Tränen waren ihm in die Augen getreten,
und er sprach: »Freilich, guter Fremdling, bist du in das Land gekommen, nach
welchem du fragst. Aber es wohnen mutwillige, frevelhafte Menschen darin, die
du mit allen deinen Geschenken nicht zu ersättigen vermöchtest. Der Mann, welchen
du suchst, ist nicht mehr da. Hättest du ihn noch lebend auf Ithaka getroffen,
o wie reichlich hätte er deine schönen Geschenke dir vergolten! Aber sage mir,
wie lang ist es her, daß dein unglücklicher Gastfreund, mein Sohn, dich besucht
hat? Denn er ist es gewesen, mein armer Sohn, der jetzt vielleicht irgendwo
im tiefen Meeresgrunde liegt oder dessen Fleisch die wilden Tiere und die Raubvögel
verzehrt haben. Nicht die Eltern haben ihm das Totenhemde angezogen; nicht seine
edle Gattin Penelope hat schluchzend am Bette des Gatten geweint und ihm die
Augen zugedrückt! Aber wer und woher bist denn du, wo ist dein Schiff, wo sind
deine Genossen? Oder kamst du auf einem gedungenen Fahrzeug als Reisender und
bist allein an unserm Ufer ausgestiegen?«

»Ich will dir nichts vorenthalten, edler Greis«, antwortete Odysseus, »ich
bin Eperitos, der Sohn des Apheidas aus Alybas; ein Sturm hat mich wider Willen
von Sikanien an euer Gestade getrieben, wo mein Schiff nicht ferne von der Stadt
vor Anker liegt. Fünf Jahre sind’s, daß dein Sohn Odysseus meine Heimat verlassen
hat. Er ging fröhlichen Mutes, und Glücksvögel begleiteten ihn. Wir gedachten
uns noch oft als Gastfreunde zu sehen und uns gegenseitig schöne Gaben zu verehren.«

Dem alten Laërtes wurde es Nacht vor den Augen, mit beiden Händen langte er
nach der schwarzen Erde, streute sie sich auf sein schneeweißes Haupt und fing
laut zu jammern an. Jetzt wallte dem Sohn das Herz über, der Atem wollte ihm
die Brust zersprangen; er stürzte auf seinen Vater zu, umschlang ihn unter Küssen
und rief. »Ich selber bin es, Vater, ich selbst, nach welchem du fragst! Im
zwanzigsten Jahre bin ich in die Heimat zurückgekommen. Trockne deine Tränen,
gib allem Jammer Abschied, denn ich sage dir’s kurz: alle Freier habe ich in
unserem Palaste erschlagen!«

Staunend blickte ihn Laërtes an und rief endlich laut aus: »Wenn du wirklich
Odysseus, wenn du mein heimgekehrter Sohn bist, so gib mir ein unzweifelhaftes
Zeichen, auf daß ich glaube!« »Vor allen Dingen«, erwiderte Odysseus, »sieh
hier die Narbe, lieber Vater, die von der Wunde des Ebers auf jener Jagd herrührt,
als ihr mich selbst, du und die Mutter, zu ihrem guten alten Vater Autolykos
schicktet, daß ich die Gaben, die er mir einst verheißen hatte, bei ihm abholen
sollte. Aber du sollst auch noch ein zweites Zeichen haben: ich will dir die
Bäume zeigen, die du mir einst geschenkt hast. Denn als ich noch ein kleines
Kind war und dich in den Garten begleitete, da gingen wir zwischen den Reihen
umher, und du zeigtest und benanntest mir die verschiedenen Gattungen. Dreizehn
Birnbäume hast du mir geschenkt, zehn Äpfelbäume, vierzig kleine Feigenbäume
und fünfzig Weinreben dazu, die jeden Herbst voll prächtiger Trauben stehen
müssen.« Der Greis konnte nicht mehr zweifeln, er sank am Herzen seines Sohnes
in Ohnmacht. Dieser hielt ihn aufrecht in den nervigen Armen. Endlich, als sein
Bewußtsein zurückgekehrt war, rief er mit lauter Stimme: »Zeus und ihr Götter
alle! Ja ihr lebet noch, sonst wären die Freier nicht bestraft worden! Aber
jetzt ängstigt mich eine neue Sorge um dich, mein Sohn. Die edelsten Häuser
in Ithaka und den Inseln sind durch dich verwaist: die Stadt, die ganze Nachbarschaft
wird sich gegen dich erheben.« »Sei guten Mutes, lieber Vater«, sprach Odysseus,
»und laß dich das jetzt nicht bekümmern. Folge mir zu deinem Wohnhause; dort
harren schon dein Enkel Telemach, der Rinderhirt und der Sauhirt und haben uns
das Morgenessen bereitet.«

So gingen sie beide zusammen in das Landhaus, wo sie den Telemach und die Hirten
schon mit Zerlegung des Fleisches beschäftigt fanden und der rote Festwein eingeschenkt
in den Pokalen perlte. Noch vor dem Schmause wurde Laërtes auf Veranstaltung
seiner treuen alten Dienerin gebadet und gesalbt und legte zum ersten Male nach
langen Jahren wieder sein schönes fürstliches Gewand an. Während er sich damit
bekleidete, nahte sich ihm unsichtbar die Göttin Pallas Athene und verlieh auch
dem Greise aufrechten Wuchs und Hoheit der Gestalt. Als er wieder zu den andern
eintrat, blickte sein Sohn Odysseus verwundert an ihm empor und sprach: »Vater,
sicherlich hat einer der unsterblichen Götter dir Gestalt und Wuchs verherrlicht!«
»Ja, bei allen Göttern!« sagte Laërtes, »hätte ich, wie ich mich heute verjüngt
und kräftig fühle, gestern bei dir im Saale gestanden und an deiner Seite gekämpft,
fürwahr, es wäre mancher Freier sterbend vor mir ins Knie gesunken!«

So wechselten sie miteinander freudige Gespräche und setzten sich endlich alle
ums Mahl. Jetzt kam auch der alte Meier Dolios samt seinen Söhnen müde von der
Feldarbeit zurück. Über die Schwelle getreten, sahen sie den König Odysseus
dasitzen, erkannten ihn und standen staunend, wie in den Boden gewurzelt. Odysseus
aber redete ihnen freundlich zu: »Geschwind, Alter, setze dich mit deinen Söhnen
zu uns ans Mahl, wir harren schon lang auf euch! Nehmt euch ein andermal Zeit
zum Staunen.« Da eilte Dolios mit ausgebreiteten Armen auf den Helden zu, ergriff

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