Gustav Schwab - Odysseus - Zweiter Teil

admin am Mrz 29th 2008

Götter von der Heimkehr ins Vaterland abgehalten. Jetzt, nachdem wir beide wieder
vereinigt sind, unsere Herrschaft, unser Besitz uns wieder gesichert ist, sorge
du für alles Gut, das mir im Palaste noch geblieben ist. Was die Freier in ihrer
Üppigkeit uns verpraßt haben, das werden uns teils die Geschenke, mit welchen
sie zuletzt ihre Bewerbung unterstützt haben, teils Raub und Gaben, die ich
aus der Fremde mitbringe, reichlich ersetzen, so daß unsere Meierhöfe bald wieder
gefüllt sein werden. Ich selbst aber will mich jetzt auf das Landgut hinausbegeben,
wo mein guter alter Vater mich schon so lange betrauert. Ich rate dir aber,
da das Gerücht von der Ermordung der Freier sich doch allmählich in der Stadt
verbreiten muß, daß du mit deinen Dienerinnen dich in die Frauengemächer zurückziehest
und niemand Gelegenheit gebest, dich zu schauen und zu befragen.«

So sprach Odysseus, warf sich sein Schwert um die Schulter und weckte nun auch
seinen Sohn Telemach und die beiden Hirten, die sofort alle drei auf seinen
Befehl gleichfalls die Waffen ergriffen und mit dem ersten Frühlichte, den Helden
an der Spitze, durch die Stadt eilten. Ihre Beschirmerin aber, Pallas Athene,
hüllte die Wandelnden in einen dichten Nebel, so daß kein einziger Bewohner
der Stadt sie erkannte.

Es dauerte nicht allzu lange, so hatten die vier Wanderer den lieblich gelegenen
wohlgeordneten Meierhof des greisen Laërtes erreicht. Es war eines der ersten
Güter, das der Vater des Odysseus zum Ererbten an sich gebracht hatte. In der
Mitte des Hofes lag, von Wirtschaftsgebäuden umringt, das Wohnhaus. Hier aßen
und schliefen die Knechte, die ihm das Feld bestellten. Ebendaselbst wohnte
auch eine alte Sizilierin, die auf dem einsamen Landgute den alten Mann mit
größter Sorgfalt pflegte. Als sie nun vor der Wohnung standen, sprach er zum
Sohn und zu den Hirten: »Betretet ihr einstweilen das Haus und schlachtet ein
auserlesenes Mastschwein für unser Mittagsmahl. Ich selbst will aufs Feld hinausgehen,
wo der gute Vater ohne Zweifel bei der Arbeit ist, und ihn auf die Probe stellen,
ob er mich wohl noch erkennt. Es wird nicht lange währen, so kehre ich mit ihm
zurück, und wir feiern dann zusammen das fröhliche Mahl.« Odysseus reichte seinen
Genossen Schwert und Speer, und diese wandten sich der Wohnung zu.

Er nun schlug den Weg nach den Pflanzungen seines Vaters ein und kam zuerst
durch den Wurzgarten. Vergebens sah er sich hier nach dem Oberknechte Dolios,
dessen Söhnen und den übrigen Knechten um. Sie waren alle ins Feld hinausgegangen,
um Dornsträucher zu suchen und damit die Einfriedigung um die Baumpflanzung
herzustellen. Als der König in dieser letzteren angekommen war, fand er endlich
den alten Vater selbst, zwischen den schönen Reihengängen seiner Bäume stehend,
wie er eben beschäftigt war, ein kleines Bäumchen umzugraben. Der Greis sah
einem alten Knechte nicht unähnlich: er hatte einen groben, schmutzigen, an
vielen Stellen geflickten Leibrock an; um die Beine trug er ein paar alte Felle
von Ochsenleder, um sich damit gegen die Dornen zu schützen, an den Händen Handschuhe,
auf dem Kopf eine Mütze von Geißfell. Als Odysseus seinen Vater in diesem elenden
Aufzuge erblickte, gebeugt vom Alter, die Spuren des tiefsten Kummers auf dem
Gesichte, mußte sich der Held vor Schmerz an den Stamm eines Birnbaums lehnen
und weinte bitterlich. Am liebsten hätte er den Vater unter Küssen umarmt und
ihm auf einmal gesagt, daß er sein Sohn sei und endlich ins Land der Väter zurückgekehrt.
Doch konnte er der Versuchung nicht widerstehen, auch den Vater auszuforschen
und mit leisem Tadel sein Herz auf die Probe zu stellen. So trat er denn, während
der Greis mit gebücktem Haupte eifrig die Erde um den jungen Baumsproß auflockerte,
diesem näher und begann also: »Greis, du scheinst dich recht gut auf den Gartenbau
zu verstehen. Reben, Oliven-, Feigen-, Birn- und Apfelbäume, alle sind aufs
beste gepflegt; auch den Blumen- und Gemüsebeeten fehlt es nirgends an der nötigen
Sorge. Aber an einem fehlt es dir doch, und nimm es mir nicht übel, daß ich
dir’s ehrlich sage: du selbst scheinst nicht gehörig gepflegt zu werden, Alter,
daß du in solchem Schmutz und so häßlicher Kleidung einhergehest! Von deinem
Herrn ist das nicht wohlgetan. Auch scheint mir deine eigene Trägheit nicht
an dieser Behandlung schuld zu sein. Betrachtet man deine Gestalt und Größe,
so findet sich gar nichts Knechtisches an dir, du hast vielmehr ein königliches
Ansehen; ein Mann wie du verdiente es, gebadet und wohlgespeist auszuruhen,
wie man’s den Alten gönnen mag. So sage mir doch, wer ist dein Herr und für
wen bestellst du diesen Garten? Und ist dieses Land wirklich Ithaka, wie mir
ein Mann, dem ich eben begegnete, gesagt hat? Es war übrigens ein unfreundlicher
Mensch; er antwortete mir nicht einmal, als ich ihn fragte, ob der Gastfreund
noch lebe, den ich hier besuchen will. In meiner Heimat habe ich nämlich vor
langer Zeit einen Mann beherbergt, - es ist noch nie ein lieberer Gast über
meine Schwelle gekommen. Dieser stammte von Ithaka und erzählte mir, daß er
ein Sohn des Königs Laërtes sei; ich bewirtete den werten Freund aufs allerbeste
und reichte ihm ein stattliches Ehrengeschenk, als er von mir schied: sieben
Talente des feinsten Goldes, einen silbernen Krug mit den schönsten Blumengewinden
vom selben Metall, zwölf Teppiche, ebenso viele Leibröcke und Mäntel und vier
schmucke, kunstbegabte Mägde, die er sich selbst auslesen durfte.«

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