Gustav Schwab - Odysseus - Zweiter Teil

admin am Mrz 29th 2008

In dieser Gestalt wandelte der ganz unkenntlich gemachte Held über die Höhen
des Waldgebirges hin nach der Stelle, die ihm seine Beschützerin bezeichnet
hatte und wo er wirklich den treuesten seiner Knechte, den Sauhirten Eumaios,
antraf. Er fand diesen auf der Hochebene des Gebirges, wo er seiner Herde ringsum
aus schweren Steinen, die er selbst herbeigeschleppt, ein Gehege gepflanzt hatte.
Innerhalb desselben standen, einer an dem andern, zwölf Kofen, in deren jedem
fünfzig Mutterschweine zur Zucht eingesperrt lagen; die männlichen, in weit
geringerer Anzahl, ruhten außerhalb der Ställe. Von diesen nämlich ließen die
Freier Tag für Tag dem Sauhirten einen gemästeten Eber zu ihren Schmäusen abfordern,
und es waren ihrer nur noch dreihundertsechzig. Die Herde bewachten vier Hunde,
die so wild aussahen wie reißende Wölfe.

Der Sauhirt war gerade damit beschäftigt, sich schönes Stierleder zu Sohlen
zu schneiden, seine Knechte hatten sich alle zerstreut; drei waren mit den ausgetriebenen
Schweinen auf der Weide; ein vierter war nach der Stadt geschickt worden, um
den übermütigen Freiern das verlangte Mastschwein zu bringen.

Die Hunde wurden den herannahenden Odysseus zuerst gewahr und stürzten bellend
auf ihn los; dieser legte den Stab aus der Hand und setzte sich. Gewiß hätte
er nun in seinem eigenen Gehöfte die Schmach erfahren müssen, von seinen Hunden
angefallen zu werden, wenn der Sauhirt nicht aus der Türe seiner Hütte hervorgeeilt
wäre und, das Sohlenleder aus den Händen lassend, den Tieren Einhalt getan und
sie mit Steinen auseinandergescheucht hätte. Dann wandte er sich zu seinem Herrn,
den er für einen Bettler hielt, und sprach: »Wahrhaftig, es hätte wenig gefehlt,
o Greis, so hätten dich die Hunde zerfleischt, und du hättest mir zu der Trübsal,
die ich schon habe, noch weitern Kummer bereitet! Ist es doch genug, daß ich
hilflos um meinen armen, fernen Herrn jammern muß. Hier sitze ich und mäste
seine fetten Schweine für andere Leute zum Schmaus, während er selbst vielleicht
im Elende nicht einmal ein Stückchen trockenes Brot zu verzehren hat und in
der Fremde herumirrt, wenn er anders das Tageslicht noch sieht! Komm in die
Hütte, armer Mann, und laß dich mit Wein und Speise erquicken, und wenn du satt
bist, sage mir, von wannen du bist und was für Gram du erduldet hast, daß du
so gar jämmerlich aussiehst!«

Beide betraten die Hütte, der Sauhirt streute dem Ankömmling Laub und Reisig
auf den Boden, breitete seine eigene Lagerdecke, ein großes, zottiges Gemsfell,
darüber und hieß ihn sich niederlassen. Als Odysseus dankbar seine Freude über
einen so gütigen Empfang aussprach, antwortet ihm Eumaios: »Sieh, Alter, man
soll keinen Gast verschmähen, auch den geringsten nicht. Meine Gabe ist freilich
nur klein. Wäre mein guter Herr zu Hause geblieben, so hätte ich es wohl noch
besser; Haus, Gut und Weib hätte er mir gegeben, und ich könnte Fremdlinge anders
bewirten! Nun aber ist er zugrunde gegangen. Möchte doch Helenas Stamm im Unheil
vergehen, die so viele Tapfere ins Verderben gestürzt!«

So sprach der Sauhirt, umschlang sich seinen Leibrock mit dem Gürtel und ging
hin zu den Kofen, wo ihm die Ferkel scharenweise lagen. Von denen nahm er zwei,
schlachtete sie zur Bewirtung seines Gastes, zerschnitt das Fleisch, steckte
es an Spieße, bestreute es mit weißem Mehl und legte das Gebratene frisch an
den Spießen dem Gaste vor. In eine hölzerne Kanne goß er aus dem Kruge süßen
alten Wein, setzte sich dem Fremdling gegenüber und sagte: »Iß nun, fremder
Mann, so gut wir es haben! Es ist eben Ferkelfleisch, denn die Mastschweine
essen mir die Freier weg, diese gewalttätigen Menschen, die weniger Götterfurcht
im Herzen haben als die frechsten Seeräuber! Wahrscheinlich haben sie von dem
Tode meines Herrn Kunde, daß sie um seine Gattin gar nicht werben wie andere
Leute, sondern, niemals zu den Ihrigen heimkehrend, in aller Ruhe fremdes Gut
verprassen. Tag und Nacht schlachten sie nicht ein- und zwei-, nein mehreremal
und leeren dazu ein Weinfaß ums andere. Ach, mein Herr war so reich wie zwanzig
andere zusammen! Zwölf Rinderherden, ebenso viele Schaf-, Schweine- und Ziegenherden
besitzt er auf dem Lande, die ihm teils Hirten, teils Mietlinge versehen. In
dieser Gegend allein sind eilf Ziegenherden, welche wackre Männer hüten: sie
müssen den Freiern alle Tage den auserlesensten Geißbock abliefern. Ich bin
sein Oberhirte über die Schweine, auch ich muß Tag für Tag den besten Eber auswählen
und den unersättlichen Schwelgern zusenden!«

Während der Hirt so sprach, verschlang Odysseus, wie einer, der nicht denkt,
was er tut, hastig das Fleisch und trank den Wein in raschen Zügen, ohne ein
Wort zu sprechen. Sein Geist war ganz mit der Rache beschäftigt, die er an den
Freiern zu nehmen vorhatte. Als er satt gegessen und getrunken und der Hirt
ihm den Becher noch einmal vollgefüllt, trank er ihm freundlich zu und sprach:
»Bezeichne mir doch deinen Herrn näher, lieber Freund! Es wäre gar nicht unmöglich,
daß ich ihn kennte und ihm irgendwo einmal begegnet hätte; denn ich bin gar
weit in der Fremde herumgekommen.« Aber der Sauhirt antwortete ihm ganz ungläubig:
»Meinst du, wir werden einem umherirrenden Manne, der uns von unserm Herrn etwas
erzählen will, so leicht Glauben beimessen? Wie oft ist es schon geschehen,
daß Landfahrer, die nach einer Pflege verlangten, vor meine Herrin und ihren

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