Gustav Schwab – Odysseus-Zweiter Teil

admin am Okt 13th 2011


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tut anderes not. Wer auch nur einen einzigen Mann aus dem Volke getötet hat,
der flieht Haus und Heimat, auch wenn jener nur wenige Rächer hinterläßt. Wir
aber haben die Stützen des Landes, die edelsten Jünglinge der Insel und der
Nachbarschaft erschlagen, was tun wir?« »Vater«, sagte Telemach, »da mußt du
allein sorgen. Du giltst in aller Welt für den klügsten Ratgeber.« »So will
ich euch denn sagen«, erwiderte Odysseus, »was ich für das Klügste halte: Du,
die Hirten, alles, was im Hause ist, ihr nehmet vor allen Dingen ein Bad und
schmücket euch aufs allerbeste; auch die Mägde kleiden sich in ihre besten Gewande;
der Sänger aber nimmt die Harfe zur Hand und spielt uns allen einen Reihentanz
auf. Wer dann über die Straße geht, wer in der Nähe wohnt, meint nicht anders,
als das Fest dauere noch fort im Hause; und so verbreitet sich wohl das Gerücht
von der Ermordung der Freier nicht eher in der Stadt, als bis wir unsere Besitzungen
auf dem Lande erreicht haben; dann wird uns ein Gott eingeben, was weiter zu
tun ist.«

Bald ertönte das ganze Haus von Harfenspiel, Gesang und Tanz. Auf der Straße
sammelten sich die Einwohner und sprachen zueinander: »Nun ist kein Zweifel!
Penelope hat sich wieder verheiratet, und im Palaste wird das Vermählungsfest
gefeiert. Die böse Frau, konnte sie nicht erwarten, bis der Gemahl ihrer Jugend
zurückgekehrt wäre?« Endlich gegen Abend verlief sich das Volk. Odysseus hatte
sich in dieser Zeit gebadet und gesalbt. Athene aber goß ihm jetzt wieder Anmut
um das Haupt; sein dunkles Haar umringelte in vollem Wuchse den Scheitel, und
einem Unsterblichen gleich stieg er aus der Badwanne. So trat er in den Saal
und setzte sich wieder in seinen Thronsessel, der Gemahlin gegenüber. »Seltsame
Frau«, sprach er, »die Götter haben dir doch ein fühlloses Herz verliehen; kein
anderes Weib wird so hartnäckig ihren Gatten verleugnen, wenn er im zwanzigsten
Jahre nach so viel Trübsal heimkehrt. So wende ich mich denn an dich, Eurykleia,
Mütterchen, daß du mir irgendwo mein Lager bereitest; denn diese hier hat ein
eisernes Herz in der Brust!«

»Unbegreiflicher Mann«, sprach jetzt Penelope, »nicht Stolz nicht Verachtung,
kein ähnliches Gefühl hält mich von dir zurück; ich weiß noch recht gut, wie
du aussahest, als du Ithaka zu Schiffe verließest. Wohl denn, Eurykleia, bereite
ihm das Lager außerhalb des Schlafgemachs, richte es wohl zu mit Vliesen, Mänteln
und Teppichen.«

So versuchte Penelope ihren Gemahl, Odysseus aber blickte unwillig auf und
sprach: »Das war ein kränkendes Wort, Frau; meine Bettstelle vermag kein Sterblicher
zu verrücken, und wenn er alle Jugendkräfte anstrengte. Ich selbst habe mir
die Lade gezimmert, und es ist ein großes Geheimnis daran. Mitten auf dem Platze,
wo wir den Palast anlegten, stand im blühendsten Saft ein schattiger Olivenbaum
und war wie eine Säule gewachsen. Da ließ ich die Wohnung so anlegen, daß derselbe
innerhalb des Schlafgemaches zu stehen kam. Als nun die Kammer schön aus Steinen
erbaut und die Decke von Holz zierlich gebohnt war, kappte ich die Krone des
Ölbaumes ab, den Stamm fing ich an von der Wurzel aus zu behauen und zu glätten.
So bildete ich scharf nach der Richtschnur den Fuß des Bettes und meißelte dieses
selbst bis zur Vollendung aus; dann wurde die Lagerstatt von mir künstlich mit
Gold, Silber und Elfenbein durchwirkt und von starker Stierhaut Riemen darin
für die Betten ausgespannt. Dies ist unser Lager, Penelope! Ob es noch steht,
weiß ich nicht, wer es aber anders gestellt hat, der mußte den Ölbaum von seiner
Wurzel trennen.«

Die Knie zitterten der Königin, als sie das Zeichen erkannte. Weinend erhob
sie sich vom Stuhle, lief auf ihren Gatten zu, umschlang ihm den Hals mit offenen
Armen, küßte sein Haupt und küßte es wieder und begann: »Odysseus, du bist ja
immer so gut, so voll Verstandes gewesen; zürne mir nicht! Die ewigen Götter
haben Leid über uns verhängt, weil es ihnen zu selig deuchte, wenn wir unser
junges Leben in Eintracht miteinander verbringen und auf sanftem Wege dem Alter
nahen sollten. Du mußt mir nicht gram sein, daß ich dich nicht auf der Stelle
zärtlich willkommen geheißen habe. Mein armes Herz war in beständiger Angst,
es möchte mich irgendein schlauer Betrüger täuschen. Jetzt, nachdem du mir genannt
hast, was kein Sterblicher außer dir und mir und unserer alten Pförtnerin Aktoris,
die mir aus dem väterlichen Hause hierher gefolgt ist, wußte: jetzt ist mein
hartes Herz besiegt und überzeugt!«

Die halbe Nacht verging den Gatten unter gegenseitiger Erzählung des unendlichen
Elendes, das sie beide in den zwanzig verflossenen Jahren erduldet, und der
Königin kam kein Schlaf in die Augenlider, bis ihr Gemahl von allen seinen Irrfahrten
ihr den ausführlichsten Bericht abgestattet hatte. Endlich begab sich alles
im Palaste zur erwünschten Ruhe und suchte Erholung von den erschütternden Begebenheiten
des Tages.

Odysseus und Laërtes

Am andern Morgen hatte sich Odysseus in aller Frühe reisefertig gemacht. »Liebes
Weib«, sprach er zu Penelope, »wir beide haben bisher den Becher des Leidens
bis zur Neige geleert: du mein Ausbleiben beweinend, ich durch Zeus und andere


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