Gustav Schwab - Odysseus - Zweiter Teil

admin am Mrz 29th 2008

das Werk der Rache beendigt, und sie kehrten zu Odysseus in den Saal zurück.

Hierauf befahl Odysseus der Schaffnerin Eurykleia, Glut und Schwefel auf einer
Pfanne zu bringen und Saal, Haus und Vorhof zu durchräuchern. Noch ehe sie aber
dieses Geschäft vornahm, brachte sie ihrem königlichen Herrn Mantel und Leibrock.
»Du sollst mir«, sprach sie, »lieber Sohn und unser aller Herr, nicht mehr so
mit Lumpen bedeckt im Saale dastehen, du, die herrliche Heldengestalt! Das wäre
ja ganz unziemlich.« Odysseus aber ließ die Kleider noch liegen und hieß die
Alte an ihr Geschäft gehen. Während diese nun den Saal und das ganze Haus durchräucherte,
rief sie auch die treu gebliebenen Dienerinnen herbei. Diese drängten sich bald
um ihren geliebten Herrn, hießen ihn mit Freudentränen willkommen, drückten
ihr Angesicht auf seine Hände und konnten sich mit Küssen nicht ersättigen.
Odysseus aber weinte und schluchzte vor Freuden; denn jetzt erkannte er, wer
ihm treu geblieben war.
Odysseus und Penelope

Als das Mütterchen mit der Räucherung fertig war, stieg es empor zum Söller,
um jetzt endlich der geliebten Herrin zu verkündigen, daß ihr Gemahl Odysseus
es sei und kein anderer, der in die Heimat zurückgekommen. Die Füße der Alten
trippelten hurtig, aber die Knie versagten ihr beinahe. So trat sie vor das
Lager Penelopes, und die Schlummernde weckend, sprach sie: »Liebe Tochter, erwache,
du sollst mit deinen eigenen Augen dasjenige sehen, worauf du von Tag zu Tag
gewartet hast: Odysseus ist daheim; Odysseus ist endlich im Palaste! Er hat
die trotzigen Freier, die dich so sehr geängstigt, die seine Habe verzehrten,
die seinen Sohn beschimpften - er hat sie erschlagen!«

Penelope rieb sich den Schlummer aus den Augen und sagte: »Mütterchen, du bist
eine Törin; die Götter haben dich mit Irrsinn geschlagen. Was weckst du mich
mit deiner lügenhaften Botschaft aus dem sanftesten Schlummer? Seit Odysseus
ausgefahren ist, habe ich nicht mehr so fest geschlafen! Hätte mich eine andere
mit diesem Märchen getäuscht, ich würde sie nicht nur mit scheltenden Worten
fortschicken; und auch dich schützt nur dein Alter; aber auf der Stelle geh
mir hinunter in den Saal.«

»Tochter, zürne nicht«, entgegnete die Schaffnerin«, der Fremdling ist’s, der
Bettler, dessen alle im Saale spotteten. Dein Sohn Telemach wußte es längst,
aber er sollte das Geheimnis verbergen, bis Rache an den Freiern genommen war.«

Als sie solches hörte, sprang die Fürstin vom Lager und schmiegte sich an die
Alte, und unter einem Strome von Tränen sprach sie: »Mütterchen, wenn du wirklich
die Wahrheit redest, wenn Odysseus wirklich im Palast ist: sage mir, wie bewältigte
er die Freier, die zahllos versammelten?« »Ich selber habe es weder gesehen
noch gehört«, antwortete Eurykleia, »denn wir Frauen saßen voll Angst in den
festverschlossenen Gemächern; aber das Ächzen hörte ich wohl; und als mich endlich
dein Sohn herbeirief, da fand ich deinen Gemahl dastehen, von Leichen umringt;
denn die Freier alle lagen auf dem Boden übereinandergestreckt. So blutig er
anzuschauen war, er hätte dir doch gefallen, Tochter; jetzt aber liegen die
Leichname alle weit draußen vor der Hofpforte; das ganze Haus ist von mir mit
reinigendem Schwefel durchräuchert worden: du kannst ohne alles Grauen hinabsteigen.«
»Alte, ich kann es immer noch nicht glauben«, sprach Penelope, »es ist ein Unsterblicher,
der die Freier erschlagen hat. Aber Odysseus - ach nein, der ist ferne, der
ist nicht mehr am Leben!« »Ungläubiges Herz«, entgegnete kopfschüttelnd die
Schaffnerin, »so will ich dir noch ein untrüglicheres Zeichen angeben. Du kennst
ja die Narbe, die von des Ebers Zahne herrührt; damals nun, als ich auf deinen
Befehl dem Bettler die Füße wusch, da erkannte ich sie und wollte dir’s auf
der Stelle verkündigen, aber er schnürte mir die Gurgel zu und litt es nicht.«
»So laß uns denn hinabgehen«, sagte Penelope, vor Furcht und Hoffnung zitternd;
und so stiegen sie beide miteinander hinab in den Saal und schritten über die
Schwelle. Hier setzte sich Penelope, ohne ein Wort zu reden, im Glanze des Herdfeuers
dem Odysseus gegenüber. Er selbst saß an der Säule mit gesenkten Augen und wartete
auf ihr Wort. Aber Staunen und Zweifel machte die Königin stumm: bald glaubte
sie sein Angesicht zu erkennen, bald deuchte es ihr wieder fremd, und ihre Augen
ruhten nur auf den Lumpen des Bettlers. Endlich trat Telemach zur Mutter und
sprach halb lächelnd, halb scheltend: »Böse Mutter, wie kannst du so unempfindlich
bleiben? Setze dich doch zum Vater, forsche, frage! Welches andere Weib, wenn
ihr Gatte nach so viel Jammer im zwanzigsten Jahre heimkehrt, würde sich so
gebärden! Hast du denn allein statt des Herzens einen Stein im Busen?«

»Ach lieber Sohn«, erwiderte Penelope, »ich bin in Staunen verloren; ich kann
ihn nicht anreden, ich kann ihn nicht fragen, ich kann ihm nicht gerade ins
Angesicht schauen! Und doch ist er es wirklich, er ist’s mein Odysseus, er ist
zurückgekommen in sein Haus! Doch werden wir einander schon erkennen, und viel
sicherer, denn wir haben geheime Zeichen, die niemand sonst bekannt sind.« Da
wandte sich Odysseus mit sanftem Lächeln an seinen Sohn und sprach: »Laß die
Mutter immerhin mich versuchen; sie verachtet mich, weil ich in so gar häßliche
Lumpen gehüllt bin. Nun, wir wollen sehen, wie wir sie überzeugen. Jetzt aber

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