Gustav Schwab - Odysseus - Zweiter Teil

admin am Mrz 29th 2008

von der Decke herab und jagte den Freiern Entsetzen ein, daß sie wie Kinder,
von der Bremse gestochen, oder wie kleine Vögel vor den Klauen des Habichts
im Saale hin und her irrten. Odysseus und seine Freunde waren von der Schwelle
herabgesprungen und durchwüteten mit Morden den Saal, daß überall Schädel krachten,
Röcheln sich erhob und der Boden von Blute floß.

Einer der Freier, Leiodes, warf sich dem Odysseus zu Füßen, umklammerte seine
Knie und rief: »Erbarme dich! Nie habe ich Mutwillen in deinem Hause getrieben,
habe die andern gezähmt, aber sie folgten mir nicht! Ich bin ihr Opferer und
habe nichts getan, soll ich denn auch fallen?« »Wenn du ihr Opferer bist«, erwiderte
Odysseus finster, »so hast du wenigstens für sie gebetet!« und nun raffte er
das Schwert des Agelaos, das dieser im Tode sinken lassen, vom Boden auf und
hieb dem Leiodes, während er noch flehte, das Haupt vom Nacken, daß es in den
Staub rollte.

Nahe an der Seitenpforte stand der Sänger Phemios, die Harfe in den Händen.
Er überlegte in der Todesangst, ob er sich durch das Pförtchen in den Hof zu
retten suchen oder die Knie des Odysseus umfassen sollte. Endlich entschloß
er sich zum letztern, legte die Harfe zwischen dem Mischkrug und Sessel zu Boden
und warf sich vor Odysseus nieder. »Erbarme dich meiner!« rief er, seine Knie
umschlingend; »du selbst bereutest es, wenn du den Sänger erschlagen hättest,
der Götter und Menschen mit seinem Lied erfreut. Ich bin der Lehrling eines
Gottes, und wie einen Gott will ich dich im Gesange feiern! Dein Sohn kann es
mir bezeugen, daß ich nicht freiwillig hierherkam, daß sie mich gezwungen haben,
zu singen!« Odysseus hob das Schwert, doch zögerte er; da sprang Telemach herzu
und rief. »Halt, Vater, verwunde mir diesen nicht, er ist unschuldig; auch den
Herold Medon, wenn er nicht schon von den Hirten oder dir ermordet ist, laß
uns verschonen; er hat mich schon als Kind im Hause so sorglich gepflegt und
wollte uns immer wohl.« Medon, der, in eine frische Rinderhaut gehüllt, unter
seinem Sessel verborgen lag, hörte die Fürbitte, wickelte sich los und lag bald
dem Telemach flehend zu Füßen. Da mußte der finstere Held Odysseus lächeln und
sprach: »Seid getrost, ihr beide, Sänger und Herold, Telemachs Bitte schützt
euch. Gehet hinaus und verkündiget den Menschen, wieviel besser es sei, gerecht
als treulos zu handeln.« Die zwei eilten aus dem Saale und setzten sich, noch
immer vor Todesangst zitternd, im Vorhofe nieder.
Bestrafung der Mägde

Odysseus blickte umher und sah keinen lebenden Feind mehr. Sie lagen hingestreckt
in Menge wie Fische, die der Fischer aus dem Netz geschüttet. Da ließ Odysseus
durch seinen Sohn die Pflegerin berufen. Sie fand ihren Herrn unter den Leichen
wie einen Löwen stehen, der Stiere zerrissen hat, dem der Rachen und die Brust
von schwarzem Blute triefen und dessen Auge funkelt. So stand Odysseus, an Händen
und Füßen mit Blut befleckt. Frohlockend jauchzte die Schaffnerin, denn der
Anblick war groß und fürchterlich. »Freue dich, Mutter«, rief ihr der Held ernsthaft
entgegen, »aber jauchze nicht: kein Sterblicher soll über Erschlagene jubeln!
Diese hier hat das Gericht der Götter gefället, nicht ich. Jetzt aber nenne
mir die Weiber des Palasts: welche mich verachtet haben, welche treu geblieben
sind.« »Es sind fünfzig Dienerinnen im Hause«, antwortete Eurykleia, »die wir
Kleider wirken, Wolle kämmen, das Hauswesen bestellen gelehrt haben. Von diesen
haben sich zwölfe von euch abgewendet und weder mir noch Penelope gehorcht,
denn dem Sohn überließ die Mutter das Regiment über die Mägde nicht. - Nun aber
laß mich meine schlummernde Herrin erwecken, o König, und ihr die Freudenbotschaft
verkünden.« »Wecke jene noch nicht«, antwortete Odysseus, »sondern schicke mir
die zwölf treulosen Mägde herunter.« Eurykleia gehorchte, und zitternd erschienen
die Dienerinnen. Da rief Odysseus seinen Sohn und die treuen Hirten zu sich
heran und sprach: »Traget nun die Leichname hinaus und heißet die Weiber Hand
anlegen. Dann lasset sie die Sessel und Tische mit Schwämmen säubern und den
ganzen Saal reinigen. Wenn dies geschehen ist, führt mir die Mägde hinaus zwischen
Küche und Hofmauer und machet sie alle mit dem Schwerte nieder, daß ihnen der
Mutwill ausgetrieben wird, dem sie sich mit den Freiern überlassen haben!« Wehklagend
und weinend sammelten sich die Weiber auf einen Haufen, aber Odysseus trieb
sie zum Werke und herrschte sie an, bis sie die Toten hinausgetragen, Sessel
und Tische gesäubert, den Estrich reingeschaufelt und den Unrat vor die Türe
geschleppt hatten. Dann wurden sie von den Hirten zum Palaste hinaus, zwischen
Küche und Hofmauer gedrängt, wo kein Ausweg war. Und nun sprach Telemach: »Diese
schändlichen Weiber, die mein und meiner Mutter Haupt verunehrt haben, sollen
keines ehrlichen Todes sterben!« Mit diesen Worten knüpfte er von Pfeiler zu
Pfeiler, das Küchengewölbe entlang, ein ausgespanntes Seil, und bald hingen
die Mägde, mit der Schlinge um den Hals, alle zwölf nebeneinander, wie ein Zug
Drosseln im Netze und zuckten nur noch eine kurze Weile mit den Füßen in der
Luft.

Jetzt wurde auch der boshafte Ziegenhirt Melanthios über den Vorhof herbeigeschleppt
und in Stücke gehauen. Als Telemach und die Hirten dies vollbracht hatten, war

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34

Gerne gelesen werden auch:

Allgemein Erzählungen, Sagen Märchen Romane

Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt

Trackback URI | Comments RSS

Schreiben Sie einen Kommentar