Gustav Schwab - Odysseus - Zweiter Teil

admin am Mrz 29th 2008

Roßschweif aus. Damit waffneten sie sich, er und die beiden treuen Hirten. Die
vierte Rüstung brachte er dem Vater, und so standen nun alle vier nebeneinander.

Solange Odysseus noch Pfeile hatte, streckte er mit jedem Schuß einen Freier
darnieder, daß sie übereinandertaumelten. Dann lehnte er den Bogen an den Türpfosten,
warf sich eilig den vierfachen Schild über die Schultern, setzte sich den Helm
aufs Haupt, dessen Busch fürchterlich nickte, und faßte zwei mächtige Lanzen.
In dem Saale war noch eine Seitenpforte angebracht, die in einen Gang führte,
der in den Hausflur auslief. Die Öffnung der Pforte war aber eng und faßte nur
einen einzigen Mann. Dieses Pförtchen hatte Odysseus dem Eumaios zur Hut anvertraut;
nun aber, da jener seine Stelle verlassen, sich zu waffnen, blieb es unbewacht.
Einer von den Freiern, Agelaos, bemerkte dieses. »Wie wäre es«, rief er, »Freunde,
wenn wir uns durch die Seitenpforte flüchteten und so in die Stadt gelangten,
um das Volk aufzuwiegeln, dann hätte der Mann bald ausgewütet!« »Sei kein Tor«,
sagte Melanthios zu ihm, der Ziegenhirt, der in der Nähe stand und auf der Seite
der Freier war, »Pforte und Gang sind so enge, daß nur ein einzelner Mann hindurchkann,
und wenn sich von jenen vieren nur einer darvorstellt, so wehrt er uns allen.
Laß lieber mich unbemerkt hinausschlüpfen, so hol ich euch Waffen genug vom
Söller.« Dies tat der Ziegenhirt und kam auf wiederholten Gängen mit zwölf Schilden
und ebenso vielen Helmen und Lanzen zurück. Unerwartet sah Odysseus seine Feinde
mit Rüstungen umhüllt und lange Speere in den Händen bewegend. Er erschrak und
sprach zu seinem Sohne Telemach: »Das hat uns eine der falschen Mägde oder der
arge Geißhirt zugerichtet!« »Ach, Vater, ich bin selbst schuldig«, erwiderte
Telemach; »ich habe vorhin, als ich die Waffen holte, die Türe der Rüstkammer
in der Eile nur angelehnt.« Der Sauhirt eilte nun hinauf zur Kammer, um sie
zu verschließen. Durch die offene Türe sah er, wie drin schon wieder der Geißhirt
stand, weitere Waffen zu holen. Er eilte mit dieser Nachricht nach der Schwelle
zurück. »Soll ich mich des Schalks bemächtigen?« fragte er seinen Herrn. »Ja«,
erwiderte dieser, »nimm den Rinderhirten mit, überfallet ihn in der Kammer,
drehet ihm die Hände und Füße auf den Rücken und hänget ihn mit einem starken
Seil an die Mittelsäule der Kammer, daß er in Qualen harre. Dann schließet die
Türe zu und kehret zurück.« Die Hirten gehorchten. Sie beschlichen den Falschen,
wie er eben im Winkel der Kammer nach Waffen umherspähte. Als er wieder zu der
Schwelle kam, in der einen Hand einen Helm, in der andern einen alten verschimmelten
Schild, packten sie ihn, warfen den Schreienden zu Boden, fesselten ihm Hände
und Füße auf dem Rücken, knüpften an einen Haken der Decke ein langes Seil,
schlangen es um seinen Leib und zogen ihn an der Säule bis dicht an die Balken
empor. »Wir haben dich sanft gebettet«, sprach der Sauhirt, »schlaf wohl!« Nun
verschlossen sie die Pforte und kehrten auf ihre Posten zu den Helden zurück.
Unverhofft gesellte sich zu den vieren ein fünfter Streiter: es war Athene in
Mentors Gestalt, und Odysseus erkannte die Göttin freudig. Als die Freier den
neuen Kämpfer bemerkten, rief Agelaos zornig hinauf. »Mentor, ich sage dir,
laß dich durch Odysseus nicht verleiten, die Freier zu bekriegen, sonst ermorden
wir mit Vater und Sohn auch dich und dein ganzes Haus!« Athene entbrannte bei
diesen Worten, sie spornte den Odysseus an und sprach: »Dein Mut scheint mir
nicht mehr derselbe zu sein, Freund, wie du ihn zehn Jahre lang vor Troja bewiesest.
Durch deinen Rat sank diese Stadt; und nun, wo es gilt, in deiner eigenen Heimat
Palast und Gut zu verteidigen, zagest du den Freiern gegenüber?« So sprach sie,
seinen Mut anzufeuern, für ihn zu streiten gedachte sie nicht. Denn plötzlich
schwang sie sich in Vogelgestalt empor und saß einer Schwalbe gleich, auf dem
rußigen Gebälk der Decke. »Mentor ist wieder hinweggegangen, der Prahler«, rief
Agelaos seinen Freunden zu, »die viere sind wieder allein. Laßt uns nun den
Kampf wohl überlegen; nicht alle zugleich werfet eure Lanzen, sondern ihr sechse
da zuerst; und zielet mir fein alle nur auf Odysseus: liegt er nur einmal, so
kümmern uns die andern wenig.« Aber Athene vereitelte ihnen den gewaltigen Wurf:
des einen Lanze durchbohrte den Pfosten, des andern fuhr in die Tür; andern
blieb sie in der Wand stecken. Jetzt rief Odysseus seinen Freunden zu: »Wohl
gezielt und geschossen!« und alle vier schickten ihre Lanzen ab, und keiner
fehlte: Odysseus traf den Demoptolemos, Telemach den Euryades, den Elatos der
Sauhirt, der Rinderhirt den Peisander, welche miteinander in den Staub sanken.
Einen Augenblick flüchteten sich die noch übrigen Freier in den äußersten Winkel
des Saals: bald aber wagten sie sich wieder hervor und zogen die Speere aus
den Leichnamen. Dann schossen sie neue Lanzen ab; die meisten fehlten wieder,
nur der Speer des Amphimedon streifte dem Telemach die Knöchelhaut an der einen
Hand, und des Ktesippos Lanze ritzte dem Sauhirt die Schulter über dem Schild.
Beide wurden zum Lohne von den Verletzten durch Lanzenwürfe getötet, und der
Sauhirt begleitete seinen Wurf mit den Worten: »Nimm dies, du Lästerer, für
den Kuhfuß, mit dem du meinen Herrn beschenktest, als er noch im Saale bettelte!«

Den Eurydamas hatte der Wurf des Odysseus niedergestreckt. Jetzt erstach er
mit der Lanze Agelaos, den Sohn des Damastor; Telemach jagte dem Leiokritos,
den Speer durch den Bauch; Athene schüttelte ihren verderblichen Ägisschild

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