Gustav Schwab - Odysseus - Zweiter Teil

admin am Mrz 29th 2008

Ton von sich, wie das Zwitschern der Schwalbe. Die Freier alle durchzuckte ein
Schmerz, und sie erblaßten. Zeus aber donnerte vom Himmel mit heilvoller Vorbedeutung.
Da faßte Odysseus mutig den Pfeil, der auf dem Tische, aus dem Köcher geschüttet,
vor ihm lag, faßte den Bogen, zog die Sehne und die Kerbe und schnellte, mit
sicheren Augen zielend, den aufgelegten Pfeil ab. Keine Axt verfehlte der Schuß:
der Pfeil flog vom vordersten Öhr hindurch bis aus dem letzten. Dann sprach
der Held: »Nun, der Fremdling in deinem Palaste hat dir keine Schande gebracht,
Telemach! Meine Kraft ist noch ungeschwächt, sosehr mich die Freier verhöhnt
haben. Jetzt aber ist es Zeit, daß wir den Achaiern den Abendschmaus geben,
noch eh es Nacht wird, dann folge Lautenspiel und Gesang und was sonst noch
das festliche Mahl erfreuen mag.«

Mit diesem Worte gab Odysseus seinem Sohne den heimlichen Wink. Schnell warf
sich dieser sein Schwert um, griff zum Speer und stellte sich gewappnet neben
den Stuhl seines Vaters.
Die Rache

Da streifte sich Odysseus die Lumpen rückwärts von den Armen, und Bogen und
Köcher voll Geschossen in der Hand, sprang er auf die hohe Schwelle; hier schüttete
er sich die Pfeile vor seinen Füßen aus und rief in die Versammlung hinab: »Der
erste Wettkampf wäre nun vollbracht, ihr Freier! Nun folgt der zweite; und jetzt
wähle ich mir ein Ziel, wie es noch kein Schütze getroffen hat; und doch gedenke
ich es nicht zu verfehlen.« So sprach er und zielte mit dem Bogen auf Antinoos.
Dieser hob eben den gehenkelten goldenen Pokal und führte ihn ahnungslos zum
Munde. Da fuhr ihm der Pfeil des Odysseus in die Gurgel, daß die Spitze aus
dem Genick hervordrang. Der Becher entstürzte seiner Hand; dem Erschossenen
fuhr ein dicker Blutstrahl aus der Nase, und während er zur Seite sank, stieß
er den Tisch samt den Speisen mit dem Fuße um, daß diese auf den Boden rollten.
Als die Freier den Fallenden gewahrten, sprangen sie tobend von ihren Thronsesseln
auf; rings durchforschten sie die Wände des Saales nach Waffen: aber da war
kein Speer und kein Schild zu sehen. Nun machten sie sich mit grimmigen Scheltworten
Luft: »Was schießest du auf Männer, verfluchter Fremdling? Unsern edelsten Genossen
hast du getötet. Aber es ist dein letzter Schuß gewesen, und bald werden dich
die Geier fressen!« Sie meinten nämlich, er habe ihn, ohne es zu wollen, getroffen,
und ahneten nicht, daß sie alle das gleiche Schicksal bedrohe. Odysseus aber
rief mit donnernder Stimme zu ihnen herunter: »Ihr Hunde, ihr meinet, ich komme
nimmermehr von Troja zurück; deswegen verschwelgtet ihr mein Gut, verführtet
mein Gesinde, warbet bei meinem Leben um mein eigenes Weib, scheutet Götter
und Menschen nicht! Jetzt aber ist die Stunde eueres Verderbens gekommen!«

Wie sie solches hörten, wurden die Freier bleich, und Entsetzen ergriff sie.
Jeder sah sich schweigend um, wie er entfliehen möchte; nur Eurymachos faßte
sich und sprach: »Wenn du wirklich Odysseus der Ithaker bist, so hast du ein
Recht, uns zu schelten, denn es ist viel Unziemliches im Palast und auf dem
Lande geschehen. Aber der, der an allem schuldig war, liegt ja bereits von deinem
Pfeil erschossen. Denn Antinoos ist’s, der das alles angestiftet hat, und zwar
warb er nicht einmal ernstlich um deine Gemahlin, sondern er selbst wollte König
in Ithaka werden und gedachte deinen Sohn heimlich zu ermorden. Doch der hat
ja nun sein Teil. Du aber schone deiner Stammesgenossen; laß dich versöhnen!
Jeder von uns soll dir zwanzig Rinder zum Ersatz für das Verzehrte bringen,
auch Erz und Gold, soviel dein Herz verlangt, bis wir dich wieder günstig gemacht
haben!« »Nein, Eurymachos«, antwortete Odysseus finster, »und wenn ihr mir all
euer Erbgut bötet und noch mehr, ich werde nicht ruhen, bis ihr mir alle mit
dem Tod eure Missetaten gebüßt habt. Tut, was ihr wollt, kämpfet oder fliehet,
keiner wird mir entrinnen!«

Herz und Knie zitterten den Freiern. Noch einmal sprach Eurymachos, und zwar
jetzt zu seinen Freunden: »Lieben Männer, dieses Mannes Hände wird niemand mehr
aufhalten; ziehet die Schwerter, wehrt sein Geschoß mit den Tischen ab; alsdann
werfen wir uns auf ihn selber, suchen ihn von der Schwelle zu verdrängen, dann
zerstreuen wir uns durch die Stadt und rufen unsere Freunde auf« So sprach er,
zog sein Schwert aus der Scheide und sprang mit gräßlichem Geschrei empor. Da
durchbohrte ihm der Pfeil des Helden die Leber; das Schwert sank ihm aus der
Hand, er wälzte sich mitsamt dem Tische zu Boden, warf Speisen und Becher zur
Erde und schlug mit der Stirne auf den Estrich. Den Sessel stampfte er mit den
Füßen hinweg; es waren die letzten Zuckungen, und er lag tot auf dem Boden.
Nun stürmte Amphinomos gegen Odysseus hinan, um sich mit dem Schwerte Bahn durch
den Eingang zu machen. Aber diesen erreichte Telemachs Speer im Rücken zwischen
den Schultern, so daß er vorn aus der Brust hervordrang und der Getroffene auf
das Angesicht zu Boden fiel. Telemach entzog sich nach dieser Tat dem Gewühle
der Freier durch einen Sprung, und stellte sich zu seinem Vater auf die Schwelle,
dem er einen Schild, zwei Lanzen und einen ehernen Helm zubrachte. Dann eilte
er selbst zur Türe hinaus und in die Rüstkammer. Hier suchte er für sich und
die Freunde noch weitere vier Schilde, acht Lanzen und vier Helme mit wallendem

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