Gustav Schwab – Odysseus-Zweiter Teil
admin am Okt 13th 2011
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mit ihm verlassen.«
Hierauf befahl sie dem Sauhirten, den Freiern Bogen und Pfeile vorzulegen.
Weinend empfing Eumaios die Waffen aus der Lade und breitete sie vor den Kämpfern
aus; und auch der Rinderhirt weinte. Das ärgerte den Antinoos. »Dumme Bauern«,
schalt er, »was macht ihr mit euren Tränen unserer Königin das Herz schwer!
Sättigt euch beim Mahle, oder weinet vor der Türe draußen! Wir aber, ihr Freier,
wollen uns an den schweren Wettstreit machen; denn diesen Bogen da zu spannen
dünkt mich gar nichts Leichtes. Unter uns allen ist kein Mann wie Odysseus;
ich erinnere mich seiner noch wohl, obgleich ich damals noch ein kleiner Knabe
war und kaum reden konnte.« So sprach Antinoos, im Herzen aber dachte er sich
die Bogensehne schon gespannt und den Pfeil durch die Äxte hindurchgeflogen.
Ihm aber war der erste Pfeil aus der Hand des Odysseus beschieden.
Jetzo stand Telemach auf und sprach: »Fürwahr, Zeus hat mir meinen Verstand
genommen! Meine Mutter erklärt sich bereit, dieses Haus zu verlassen und einem
Freier zu folgen, und ich lache dazu. Wohlan, ihr Freier, ihr waget den Wettkampf
um ein Weib, wie in ganz Griechenland keines mehr ist. Doch das wisset ihr selbst,
und ich brauche meine Mutter euch nicht zu loben. Drum ohne Zögern den Bogen
gespannt! Hätte ich doch selbst Lust, mich im Wettkampf zu versuchen; dann,
wenn ich euch besiegte, würde mir die Mutter das Haus nicht verlassen!« So sprach
er, warf Purpurmantel und Schwert von der Schulter, zog eine Furche durch den
Estrich des Saales, bohrte die Äxte, eine um die andere, in den Boden und stampfte
die Erde wieder fest. Alle Zuschauer bewunderten seine Kraft und sichere Genauigkeit.
Dann griff er selbst nach dem Bogen und stellte sich damit auf die Schwelle.
Dreimal versuchte er den Bogen zu spannen, dreimal versagte ihm die Kraft. Nun
zog er die Sehne zum viertenmal an, und jetzt wäre es ihm gelungen; aber ein
Wink des Vaters hielt ihn mitten in der Anstrengung zurück. »Ihr Götter«, rief
er, »entweder bin ich ein Schwächling oder noch zu jung und nicht imstande einen
Beleidiger von mir abzuwehren! So versucht es denn ihr andern, die ihr kräftiger
seid als ich!« Also sprechend, lehnte er Bogen und Pfeil an den Türpfosten und
setzte sich wieder nieder auf den Thronsessel, von dem er aufgestanden war.
Mit triumphierender Miene erhob sich jetzt Antinoos und sprach: »Auf denn,
ihr Freunde, fangt an dort hinten, von der Linken zur Rechten, wie der Weinschenke
den Umgang hält!« Da stand zuerst Leiodes auf, der ihr Opferer war und immer
zuhinterst im Winkel am großen Mischkruge saß; er war der einzige, dem der Unfug
der Freier zuwider war und der die ganze Rotte haßte. Dieser trat in die Schwelle
und bemühte sich vergebens, den Bogen zu spannen. »Tu es ein anderer«, rief
er, indem er die Hände schlaff herabsinken ließ, »ich bin der Rechte nicht!
und vielleicht ist keiner in der Runde, der es vermag.« Mit diesen Worten lehnte
er Bogen und Köcher an den Pfosten. Aber Antinoos schalt ihn und sprach: »Das
ist eine ärgerliche Rede, Leiodes; weil du ihn nicht spannen kannst, soll es
auch kein anderer vermögen? Auf, Melanthios«, sagte er dann zum Ziegenhirten,
»Zünd ein Feuer an, stell uns den Sessel davor und bring uns eine tüchtige Scheibe
Speck aus der Kammer, da wollen wir den ausgedörrten Bogen wärmen und salben,
dann soll es besser gehen!« Es geschah, wie er befohlen, aber es war vergebens.
Umsonst bemühte sich ein Freier nach dem andern, den Bogen zu spannen. Zuletzt
waren nur noch die beiden tapfersten, Antinoos und Eurymachos, übrig.
Odysseus entdeckt sich den guten Hirten
Nun geschah es, daß sich beim Hinausgehen aus dem Palaste der Rinderhirt und
der Sauhirt begegneten, und ihnen folgte auf dem Fuße der Held Odysseus. Als
sie Pforte und Vorhof hinter sich hatten, holte er jene ein und sprach zu ihnen
leise und vertraulich: »Ihr Freunde, ich möchte wohl ein Wort mit euch reden,
wenn ich mich auf euch verlassen kann; sonst schwiege ich lieber. Wie wär es,
wenn den Odysseus jetzt plötzlich ein Gott aus der Fremde zurückführte? Würdet
ihr die Freier verteidigen oder ihn? Redet unverhohlen, ganz wie es euch ums
Herz ist.« »O Zeus im Olymp«, rief der Rinderhirt zuerst, »wenn mir dieser Wunsch
gewährt würde, wenn der Held käme! du solltest sehen, wie sich meine Arme regen
würden!« Ebenso flehte Eumaios zu allen Göttern, daß sie dem Odysseus Heimkehr
verleihen möchten.
Als nun dieser ihres Herzens Gesinnung erkannt hatte, da sprach er: »Nun denn,
ihr Kinder, so vernehmt’s: ich selber bin Odysseus! Nach unsäglichen Leiden
komme ich im zwanzigsten Jahr zurück in meine Heimat, und ich sehe, daß ich
euch beiden willkommen bin, euch allein unter allem Gesinde; denn keinen unter
allen hörte ich jemals um meine Wiederkehr zu den Göttern flehen. Dafür will
ich auch jedem von euch, wenn ich die Freier bezwungen habe, ein Weib geben,
Äcker schenken, Häuser bauen, ganz nahe bei meinem Hause, und Telemach soll
euch behandeln wie seine leiblichen Brüder. Damit ihr aber an der Wahrheit meiner
Aussage nicht zweifelt, so erkennet hier die Narbe von jener Wunde, die der
Eber dem Knaben auf der Jagd beigebracht hat.« Damit schob er die Lumpen seines
Kleides auseinander und entblößte die große Narbe. Jetzt fingen die beiden Hirten
zu weinen an, umschlangen ihren Gebieter und küßten ihm Gesicht und Schultern.
Tags: Odysseus, Sagen, Schwab
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