Gustav Schwab - Odysseus - Zweiter Teil
admin am Mrz 29th 2008
Insel Same. »Ihr Freier, höret«, sprach dieser mit höhnischem Lächeln: »Zwar
hat der Fremdling längst seinen Anteil, so gut wie wir selber, und es wäre auch
nicht recht, wenn Telemach einen so vornehmen Gast überginge! Doch will ich
ihm noch ein besonderes Gastgeschenk verehren; er mag die Schaffnerin damit
bezahlen, die ihm den Schmutz vom Leibe gewaschen hat!« So höhnend zog er einen
Kuhfuß aus dem Korbe und schleuderte ihn mit seiner nervichten Hand nach dem
Bettler. Aber Odysseus bog mit dem Haupte aus und drängte den Zorn mit einem
gräßlichen Lächeln in die Brust zurück; der Knochen fuhr an die Mauer.
Jetzt stand Telemach auf und rief. »Schätze dich glücklich, Ktesippos, daß
du den Fremdling nicht getroffen hast; wäre es geschehen, ich hätte dir die
Lanze durch den Leib gestoßen, und dein Vater hätte dir eine Leichenfeier statt
der Hochzeit rüsten können! Drum erlaube sich keiner mehr eine Ungebühr in meiner
Wohnung! Lieber bringet mich selbst um, als daß ihr die Fremdlinge beleidiget;
es wäre mir auch besser, zu sterben, als immer so schändliche Taten mit anzusehen!«
Alle verstummten, als sie so ernstliche Worte hörten; endlich stand Agelaos,
der Sohn des Damastor, unter ihnen auf und sprach: »Telemach hat recht! Aber
er und seine Mutter sollen jetzt ein Wort in Güte mit sich reden lassen. Solange
noch irgendeine Hoffnung vorhanden war, daß Odysseus jemals in seine Heimat
zurückkehren könne, so war es begreiflich, wenn man die Freier hinhielt. Jetzt
aber ist es keinem Zweifel unterworfen, daß jener niemals zurückkommt. Wohlan
denn, Telemach, tritt zu deiner Mutter, bestimme sie, den Edelsten unter uns
Freiern und der die meisten Gaben bietet, zu wählen, damit du selbst hinfort
ungeschmälert dein väterliches Erbe genießen kannst!«
Telemach erhob sich von seinem Sitz und sprach: »Beim Zeus, auch ich verzögere
die Wahl nicht länger; vielmehr spreche ich schon lange der Mutter zu, sich
für einen von ihren Bewerbern zu entscheiden. Nur, mit Gewalt werde ich sie
nie aus dem Hause treiben!« Diese Worte Telemachs wurden mit einem unbändigen
Gelächter von den Freiern aufgenommen, denn schon verwirrte Pallas Athene ihren
Geist, daß sie grinsend ihre Gesichter verzerrten; auch aßen sie das Fleisch
halb roh und blutig hinein: plötzlich füllten sich ihre Augen mit Tränen, und
sie gingen von der größten Ausgelassenheit zur tiefsten Schwermut über. Dies
alles bemerkte der Seher Theoklymenos wohl. »Was ist euch«, sprach er, »ihr
Armen? Eure Häupter sind ja wie in Nacht gehüllt, eure Augen sind voll Wassers,
und aus eurem Munde tönen Wehklagen! Und was schaue ich, an allen Wänden trieft
Blut, Halle und Vorhof wimmeln von Gestalten des Hades, und die Sonne am Himmel
ist ausgelöscht!« Die Freier aber verfielen wieder in ihre vorige Lustigkeit
und fingen aus Leibeskräften zu lachen an. Endlich sprach Eurymachos zu den
andern: »Dieser Fremdling, der sich erst seit kurzem in unserer Mitte befindet,
ist wahrhaftig ein rechter Narr. Schnell, ihr Diener, wenn er hier im Saale
nichts als Nacht sieht, so führt ihn hinaus auf Straße und Markt!« »Ich brauche
deine Begleiter nicht, Eurymachos«, antwortete Theoklymenos entrüstet, indem
er aufstand. »Augen, Ohren und Füße sind gesund, auch ist bei mir der Verstand
noch am rechten Ort; ich gehe von selbst, denn der Geist weissagt mir das Unheil,
das euch naht und dem keiner von euch entflieht.« So sprach er und verließ eilig
den Palast, ging zu Peiraios, seinem vorigen Gastfreund, und fand bei diesem
die freundlichste Aufnahme.
Die Freier aber fuhren fort, den Telemach zu verhöhnen. »Schlechtere Gäste
als du, Telemach«, sprach einer von ihnen, »hat doch kein Mensch in der Welt
beherbergt: einen ausgehungerten Bettler und einen Narren, der wahrsagt! Wahrhaftig,
du solltest mit ihnen durch Griechenland reisen und sie für Geld auf den Märkten
sehen lassen!« Telemach schwieg und schickte seinem Vater einen Blick zu, denn
er erwartete nur das Zeichen, um loszubrechen.
Der Wettkampf mit dem Bogen
Jetzt war auch Penelopes Zeit gekommen. Sie nahm einen schönen Schlüssel aus
Erz mit elfenbeinernem Griffe zur Hand und eilte damit, von Dienerinnen begleitet,
in eine ferne Hinterkammer, wo allerlei kostbare Geräte des Königs Odysseus
aus Erz, Gold und Eisen aufbewahrt waren. Unter andern lag hier auch sein Bogen
und der Köcher voller Pfeile, beides Geschenke eines lakedaimonischen Gastfreundes.
Als Penelope die Pforte aufgeschlossen, schob sie die Riegel zurück. Diese krachten,
wie ein Stier im Felde brüllt, die Türflügel öffneten sich, und Penelope trat
ein und musterte die Kästen, wo Kleider und Geräte verwahrt lagen. Da fand sie
auch Bogen und Köcher an einem Nagel hängen, streckte sich und nahm beide herab.
Der Schmerz überwältigte sie, sie warf sich auf einen Stuhl, und Bogen und Köcher
auf dem Schoße, saß sie lang in Tränen da. Endlich erhob sie sich; die Waffen
wurden in eine Lade gelegt, mit welcher ihr die Dienerinnen folgten. So trat
sie mitten unter die Freier in den Saal, ließ Stille gebieten und sprach: »Wohlan,
ihr Freier, wer mich erwerben will, der gürte sich, es gilt jetzt einen Wettkampf!
Hier ist der große Bogen meines erhabenen Gemahls: Wer ihn am leichtesten spannt
und durch die Löcher von zwölf hintereinander aufgestellten Äxten hinschnellt,
dem will ich folgen als sein Gemahlin, will diesen Palast meines ersten Gatten
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