Gustav Schwab - Odysseus - Zweiter Teil
admin am Mrz 29th 2008
ein Dämon selbst im Schlafe mit den schmerzlichsten Träumen! So war mir im Augenblicke
noch, als stände mein Gatte mir zur Seite, herrlich von Gestalt, ganz wie er
mit dem Kriegsheere von dannen zog, und mein Herz war voll Freude, denn ich
meinte zuversichtlich, daß es Wahrheit sei!« So schluchzte Penelope, und Odysseus
vernahm die Stimme der Weinenden. Es war ihm ganz bange, vor der Zeit erkannt
zu werden. Eilig raffte er sich auf, verließ den Palast, und unter freiem Himmel
betete er zu Zeus um ein günstiges Zeichen für seine Pläne. Da erschien ein
gewaltiges Licht am Himmel, und ein plötzlicher Donner rollte über dem Palaste
hin. In der nahen Mühle des Palastes hielt eine Müllerin still, die die ganze
Nacht durch gemahlen, blickte zum Himmel empor und rief. »Wie doch Zeus donnert,
und ist weit und breit kein Gewölk zu sehen! Er hat wohl irgendeinem Sterblichen
ein Zeichen gewährt! O Vater der Götter und Menschen, möchtest du auch meinen
Wunsch erfüllen und die verfluchten Freier vertilgen, die mich Tag und Nacht
in der Mühle das Mehl zu ihren Schmäusen bereiten lassen!« Odysseus freute sich
der guten Vorbedeutung und kehrte in den Palast zurück.
Hier wurde es allmählich laut, die Mägde kamen und zündeten das Feuer auf dem
Herd an; Telemach warf sich in die Kleider, trat an die Schwelle der Frauengemächer
und rief der Pflegerin mit verstellten Worten: »Mütterchen, habt ihr den Gast
auch mit Speise und Lager geehrt, oder liegt er unbeachtet da? Die Mutter scheint
mir ganz die Besinnung verloren zu haben, daß sie den schlechten Freiern soviel
Ehre erweist und den besseren Mann ungeehrt läßt!« »Du tust meiner Herrin unrecht«,
antwortete Eurykleia, »der Fremdling trank so lange und so viel Wein, als ihm
beliebte, und Speise verlangte er auch keine mehr. Man bot ihm ein köstliches
Lager an, aber er verschmähte es; mit Mühe ließ er sich ein schlechteres gefallen.«
Nun eilte Telemach, von seinen Hunden begleitet, auf den Markt in die Volksversammlung.
Die Schaffnerin aber befahl den Mägden, alles zu dem bevorstehenden Schmause
des Neumondfestes zuzubereiten; und nun legten die einen purpurne Teppiche auf
die schmucken Sessel, andere scheuerten die Tische mit Schwämmen, wieder andere
reinigten die Mischkrüge und die Becher, und ihrer zwanzig eilten an den Quellbrunnen,
Wasser zu schöpfen. Auch die Diener der Freier kamen heran und spalteten Holz
in der Vorhalle. Der Sauhirt kam mit den fettesten Schweinen herbei und grüßte
seinen alten Gast aufs freundlichste. Melanthios mit zwei Geißhirten brachte
die auserlesensten Ziegen, die von den Knechten in der Halle angebunden wurden.
Dieser sprach im Vorübergehen zu Odysseus mit höhnischem Ton: »Alter Bettler,
bist du immer noch da und weichst nicht von der Türe? Wir nehmen wahrscheinlich
nicht Abschied voneinander, bevor du meine Fäuste gekostet! Gibt es denn gar
keine anderen Schmäuse, denen du nachzuziehen hast?« Odysseus erwiderte auf
diese Schmähworte nichts, sondern schüttelte nur das Haupt.
Nun betrat ein ehrlicher Mann der Palast; es war Philötios, der den Freiern
ein Rind und gemästete Ziegen zu Schiffe herbeigebracht hatte. Dieser sprach
im Vorübergehen zu dem Sauhirten: »Eumaios, wer ist doch der Fremdling, der
jüngst in dieses Haus kam? Er gleicht an Gestalt ganz und gar unserm Könige
Odysseus. Geschieht es doch wohl, daß das Elend auch einmal Könige zu Bettlern
umgestaltet!« Dann nahte er sich dem verkleideten Helden mit einem Handschlage
und sprach: »Fremder Vater, so unglücklich du scheinest, so möge es dir wenigstens
in Zukunft wohlergehen! Mich überlief der Schweiß, als ich dich sah, und Tränen
traten mir in die Augen, denn ich mußte an Odysseus gedenken, der jetzt wohl
auch, in Lumpen gehüllt, in der Welt umherirrt, wenn er anders noch lebt! Schon
als Jüngling hat er mich zum Hüter seiner Rinder gemacht, deren Zucht vortrefflich
gedeiht, leider aber muß ich sie andern zum Schmause daherführen! Auch wäre
ich längst vor Ärger aus diesem Lande geflohen, wenn ich nicht immer noch hoffte,
Odysseus kehre dereinst zurück und jage diesen Schwarm auseinander.« »Kuhhirt«,
erwiderte ihm Odysseus, »du scheinst kein schlechter Mann zu sein; ja beim Zeus
schwöre ich dir, heute noch, und solange du im Palaste bist, kehrt Odysseus
heim, und deine Augen werden es schauen, wie er die Freier abschlachtet!« »Möchte
Zeus es wahr machen«, sagte der Rinderhirt; »meine Hände sollten auch dabei
nicht feiern!«
Der Festschmaus
Die Freier, nachdem sie in ihrer Versammlung sich über Telemachs Ermordung
besprochen, kamen allmählich auch im Palaste an. Sie legten ihre Mäntel ab,
die Tiere wurde geschlachtet, gebraten und verteilt; Diener mischten den Wein
in Krügen, der Sauhirt reicht die Becher umher, Philötios in zierlichen Körben
die Brote, den Wein schenkte Melanthios, und das allgemeine Mahl begann.
Den Odysseus setzte Telemach absichtlich an die Schwelle des Saales auf einen
schlechteren Stuhl und stellte einen armseligen Tisch davor. Hier ließ er ihm
gebratenes Eingeweide auftragen, füllte seinen Becher mit Wein und sprach: »Hier
schmause ruhig, und ich rate niemandem, dich zu schmähen!« Antinoos selbst ermahnte
seine Freunde, den Fremdling gewähren zu lassen, denn er merkte wohl, daß derselbe
unter Zeus’ Schutz stehe; aber Athene stachelte die Freier heimlich zum Spott.
Es war unter ihnen ein schlechtgesinnter Mann, mit Namen Ktesippos, von der
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