Gustav Schwab – Odysseus-Zweiter Teil

admin am Okt 13th 2011


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Insel Ithaka zu erzählen wissen!«

Wie herzlich froh war Odysseus, als er den Namen seines Vaterlandes nennen
hörte! Doch hütete er sich wohl, dem vermeintlichen Hirten sogleich seinen Namen
zu nennen. Er stellte sich, als käme er mit der Hälfte seines Gutes von Kreta,
der fernen Insel, her, wo er die andere Hälfte seinen Söhnen zurückgelassen.
Mord, an dem Räuber seiner Habe verübt, habe ihn genötigt, sich aus der Heimat
zu flüchten. So erzählte er eine weitläufige Fabel. Als er am Ende war, lächelte
Pallas Athene, fuhr ihm streichelnd über die Wange und verwandelte sich plötzlich
in eine schöne, schlanke Jungfrau. »Wahrhaftig«, sprach sie zu ihm, »das müßte
ein Ausbund von Schlauheit sein, der dich in Listen besiegte, und wenn es auch
eine Gottheit wäre! Selbst im eigenen Lande legst du die Verstellung nicht ab!
Doch reden wir nicht länger davon; bist du doch der Klügste aller Sterblichen
wie ich die Einsichtsvollste unter den Göttern. Mich hast du aber doch nicht
erkannt, hast nicht geahnt, daß ich auch zuletzt noch in allen Gefahren neben
dir stand und dir die Liebe des Phäakenvolkes zuwege brachte. Und jetzt bin
ich gekommen, um dir das geschenkte Gut verbergen zu helfen, zugleich, um dir
zu sagen, was für Prüfungen dich im eigenen Palaste erwarten, und Rat darüber
mit dir zu pflegen.«

Staunend blickte Odysseus an der Göttin empor und antwortete ihr: »Wie sollte
auch ein Sterblicher dich erkennen, erhabene Tochter des Zeus, wenn du in allerlei
Gestalten verkleidet ihm begegnest! Habe ich dich doch nicht in deiner eigenen
Gestalt gesehen, seit Troja zerstört ward, nur daß du im Phäakenlande dich mir
zu erkennen gegeben und mir den Weg in die Stadt gezeigt. Jetzt aber beschwöre
ich dich bei deinem Vater: sage mir, ist’s wirklich wahr, daß ich im geliebten
Vaterlande bin, und tröstest du mein Herz nicht mit einer Täuschung?« »Überzeuge
dich mit deinen eigenen Augen«, antwortete Athene; »erkennst du nicht die Bucht
des Phorkys, den Ölbaum dort, die Nymphengrotte, wo du so manche Sühnopfer dargebracht
hast, und jenes finstere Waldgebirg, es ist ja das dir wohlbekannte Neriton!«
So sprach Athene und zerstreute schnell den Nebel vor den Augen des Helden,
daß das Heimatland klar vor ihm lag. Erfreut warf sich Odysseus auf die mütterlicher
Erde nieder, sie zu küssen, und betete zu den Nymphen, den Schutzgottheiten
des Ortes, wo er stand. Hierauf half ihm die Göttin die Habe, die er mitgebracht
hatte, in der Felskluft verbergen, und als alles wohl versteckt und ein Stein
davorgewälzt war, setzten sich Göttin und Held unter den Olivenbaum und beratschlagten
über den Untergang der Freier, von deren frechen Werbungen in seinem eigenen
Hause sowie von der Treue seiner Gattin Athene ihrem Schützling ausführlichen
Bericht erstattete. »Wehe mir!« rief Odysseus, als er alles vernommen, »hättest
du mir nicht alle diese Umstände verkündigt, gnädige Göttin, so hätte mich zu
Hause ein ebenso schmählicher Tod erwartet wie den Agamemnon in Mykene. Wenn
aber du mir ernstlich deine Hilfe gewährest, so fürchte ich, der einzelne Mann,
selbst dreihundert Feinde nicht.«

Hierauf erwiderte die Göttin: »Sei getrost, mein Freund; nimmermehr werde ich
dich versäumen. Vor allen Dingen will ich dafür sorgen, daß kein Mensch auf
diesem Eilande dich erkenne. Das Fleisch um deine stattlichen Glieder soll zusammenschrumpfen,
dein braunes Haar vom Haupte schwinden; deinen Leib hülle ich in einen Kittel,
in welchem jedermann dich nur mit Abscheu betrachtet; deine strahlenden Augen
mach ich blöde, so daß du nicht nur den Freiern, sondern auch deinem Weib und
deinem Sohne ganz entstellt erscheinest. Zuerst nun heiße ich dich deinen redlichsten
Untertan aufsuchen, den Hirten, der die Schweine bewacht und mit treuer Seele
an dir hängt. Bei der Quelle Arethusa am Koraxfelsen wirst du ihn finden, wie
er seine Herde hütet; dort setzest du dich zu ihm und erkundigst dich nach allem,
was zu Hause vorgeht. Unterdessen eile ich nach Sparta und rufe deinen lieben
Sohn Telemach zurück, der dort beim Fürsten Menelaos nach deinem Schicksale
geforscht hat.« »Ei, warum hast du ihm nicht lieber alles gleich gesagt«, fragte
Odysseus etwas ärgerlich, »da dir doch alles bekannt war? Sollte etwa auch er
im Elend auf dem Ozean umherirren gleich mir, während Fremde sein Gut verpraßten?«
Aber die Göttin sprach ihm Mut und Trost ein und sagte: »Ängstige dich nicht
um deinen Sohn, mein Lieber! Ich selbst habe ihn geleitet, und meine Absicht
bei seiner Reise war, den Jüngling in der Fremde zu bilden und ihn sich Ruhm
gewinnen zu lassen, damit auch er den Freiern als ein Mann entgegentreten könnte.
Auch drückt ihn keineswegs ein Leiden; ruhig sitzt er im Palaste des Menelaos,
und nichts, was sein Herz nur wünschen mag, fehlt ihm. Es ist wahr, die Freier
haben ihm zu Schiffe einen Hinterhalt gestellt und gehen darauf aus, ihn umzubringen,
bevor er die Heimat wieder erreicht. Ich aber fürchte nichts für ihn. Ehe dies
geschieht, wird noch viele von den Freiern selbst der Boden decken!«

So sprach die Göttin und berührte den Helden leicht mit ihrem Stab, worauf
ihm sogleich die Glieder zusammenschrumpften und er in einen zerlumpten, schmutzigen
Bettler verwandelt wurde. Sie reichte ihm den Bettelstab nebst einem garstigen
zerflickten Ranzen an einem geflochtenen Tragbande und verschwand.

Odysseus bei dem Sauhirten


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