Gustav Schwab - Odysseus - Zweiter Teil
admin am Mrz 29th 2008
du sollst es mir mit deinem Kopfe büßen! Hast du doch selbst von mir gehört,
daß ich den Fremdling ehre und ihn in meinen eigenen Gemächern über den Gemahl
befragen will, und dennoch wagst du’s, denselben zu verhöhnen!« Melantho schlich
eingeschüchtert davon, die Schaffnerin mußte dem Bettler einen Stuhl hinstellen,
und nun begann Penelope das Gespräch: »Vor allen Dingen, Fremdling«, sagte sie,
»nenne mir dein Haus und Geschlecht.« »Königin«, antwortete Odysseus, »du bist
eine untadelhafte Frau, auch deines Gatten Ruhm ist groß; dein Volk, dein Land
hat ein gutes Lob. Du aber frage mich nach allem, nur nicht nach meinem Geschlecht
und nach meiner Heimat, ich habe zu viel Weh erduldet, als daß ich daran erinnert
werden dürfte. Wenn ich es aufzählen sollte, so müßte ich trostlos klagen und
würde von den Dienerinnen oder gar von dir selber mit Recht gescholten.« Hierauf
fuhr Penelope fort: »Du siehest, Fremdling, daß es auch mir nicht besser ergangen
ist, seit mein geliebter Gemahl mich verlassen hat. Du kannst die Männer selbst
zählen, die um mich werben und mich bedrängen und denen ich seit drei Jahren
durch eine List entgangen bin, die ich jetzt nicht mehr fortsetzen kann.« Damit
erzählte sie ihm von ihrem Gewebe und wie der Betrug durch die Mägde entdeckt
worden war. »Hinfort kann ich«, endete sie, »der Vermählung nicht mehr ausweichen;
meine Eltern drängen mich, mein Sohn zürnt über die Verschwendung seines Erbguts.
So siehst du, wie es mir ergeht. Nun wohlan, verschweige mir auch dein Geschlecht
nicht, Mann; du bist doch nicht der fabelhaften Eiche oder dem Felsen entsprossen!«
»Wenn du mich nötigest«, erwiderte Odysseus, »so will ich es dir wohl sagen.«
Und nun fing der Schalk an, sein altes Lügenmärchen von Kreta zu erzählen. Dieses
sah der Wahrheit so ähnlich, daß Penelope in Tränen zerfloß und es den Odysseus
im innersten Herzen erbarmte. Dennoch standen ihm die Augensterne wie Horn oder
Eisen unbeweglich unter den Augenlidern, und er war besonnen genug, die Tränen
zurückzuhalten. Als die Königin lange genug geweint, begann sie von neuem: »Jetzt
muß ich doch auch ein wenig prüfen, Fremdling, ob es wirklich wahr ist, wie
du erzählest, daß du meinen Gemahl in deinem Hause bewirtet hast. Sage mir doch,
welches Gewand er trug, wie er aussah, wie sein Gefolge war.« »Du verlangst
etwas Schweres nach so langer Trennung«, erwiderte Odysseus, »denn es geht nun
ins zwanzigste Jahr, daß der Held bei uns auf Kreta landete. Doch soviel ich
mich erinnere, war sein Kleid zwiefach, purpurn, von langer Wolle, eine goldene
Spange daran, die mit doppelten Röhren schloß, vom war ein prächtiges Stickwerk
angebracht, ein Rehlein, das zwischen den Vorderklauen eines Hundes zappelte;
unter dem Purpurmantel schaute der feinste schneeweiße Leibrock hervor. Ein
bucklichter Herold mit Lockenhaar und braunem Gesichte, namens Eurybates, folgte
ihm.« Von neuem mußte die Königin weinen, denn alle Zeichen trafen genau ein.
Odysseus tröstete sie mit einem neuen Märchen, in das er jedoch manche Wahrheit
einmischte, von seiner Landung auf Thrinakia und seinem Aufenthalt im Lande
der Phäaken. Das alles wollte der Bettler vom Könige der Thesproten wissen,
wo Odysseus vor seiner Reise zum Orakel nach Dodona sich zuletzt aufgehalten
und große Schätze hinterlegt habe, die der Bettler selbst gesehen zu haben vorgab.
Somit sei seine Rückkunft so gut als gewiß.
Aber seine Worte vermochten Penelope nicht zu überzeugen. »Mir ahnet im Geiste«,
sprach sie mit gesenktem Haupte, »daß das niemals geschehen wird.« Sie wollte
nun den Mägden befehlen, dem Fremdling die Füße zu waschen und ihm ein gutes,
warmes Lager zu bereiten. Odysseus schlug jedoch den Dienst von den verhaßten
Dienerinnen aus und wollte nicht anders denn wie bisher auf schlechtem Stroh
liegen. »Nur wenn du ein altes, redliches Mütterchen hast, Königin«, sprach
er, »das soviel im Leben duldete wie ich selbst, das mag mir die Füße waschen.«
»Nun, so erhebe dich, ehrliche Eurykleia«, rief Penelope; »hast du doch einst
den Odysseus großgezogen; wasche nun diesem da die Füße, der gerade so alt ist
wie dein Herr. Ach«, sagte sie mit einem Blick auf den Bettler, »solche Füße,
solche Hände hat vielleicht jetzt auch Odysseus; pflegen doch die Menschen im
Unglück frühe zu altern!« Die greise Pflegerin weinte bei diesen Worten, und
als sie sich anschickte, dem Fremdlinge die Füße zu waschen und ihn nun schärfer
ins Auge faßte, da sprach sie: »Es haben uns schon viele Fremdlinge besucht,
aber dem Odysseus so ähnlich an Stimme, Gestalt und Füßen wie du ist mir noch
nie ein Mensch erschienen!« »Ja, das haben alle gesagt, die uns beide gesehen«,
antwortete Odysseus gleichgültig, während er am Feuerherde saß und sie die zum
Fußwaschen bestimmte Wanne mit kaltem und kochendem Wasser mischend füllte.
Als sie sich an die Arbeit machte, rückte Odysseus vorsichtig ins Dunkel, denn
er hatte von seiner frühen Jugend her über dem rechten Knie eine tiefe Narbe,
wo ihm einmal auf der Jagd ein Eber mit dem Zahne seitwärts ins Fleisch gefahren
war. An diesem Mal fürchtete Odysseus von der Alten erkannt zu werden und rückte
deswegen mit den Füßen aus dem Licht. Aber es war vergebens. Sowie die Schaffnerin
mit den flachen Händen über die Stelle fuhr, erkannte sie die Narbe unter dem
Druck und ließ vor Freude und Schrecken das Bein in die Wanne gleiten, daß das
Erz klang und das Wasser überspritzte. Atem und Stimme stockten ihr, und ihr
Auge fällte sich mit Tränen. Endlich faßte sie den Helden beim Knie: »Odysseus,
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