Gustav Schwab - Odysseus - Zweiter Teil

admin am Mrz 29th 2008

hättest du nicht Lust, dich mir zum Knechte zu verdingen, mir auf meinen Gütern
die Dornen einzusammeln und Bäume zu pflanzen? An Kost und Nahrung sollte dir’s
nicht gebrechen. Aber ich merke wohl, du bettelst lieber und füllst dir deinen
Bauch mit Almosen, was keinen Schweiß kostet.« »Eurymachos«, antwortete Odysseus
mit fester Stimme, »ich wollte, es wäre Frühling und wir mähten miteinander
in die Wette Gras auf der Wiese; du hieltest die Sense und ich hielte sie und
beide müßten wir nüchtern bis spät in die Nacht arbeiten: es sollte sich zeigen,
wer es länger aushielte! Oder ich wollte, wir ständen beide an der Pflugschar:
du solltest sehen, wie ich die Furche in einem Zuge durchschnitte! Oder es wäre
Krieg und ich trüge Schild und Helm, dazu zwei Lanzen; du solltest sehen, ob
ich nicht in den vordersten Reihen kämpfte, und gewiß, es fiele dir nicht ein,
mich höhnend an meinen Magen zu erinnern! Trotziger Mensch, du dünkest dich
groß und gewaltig zu sein, weil du dich nur erst mit wenigen und dazu nicht
mit den Edelsten gemessen hast; aber wenn einmal Odysseus in die Heimat zurückkäme,
da möchten dir bald diese Hallen, so weit sie der Werkmeister gebaut hat, zu
eng werden für die Flucht!«

Jetzt wurde Eurymachos erst recht grimmig. »Elender«, schrie er, »empfang auf
der Stelle den Lohn für deine trunkenen Reden!« Mit diesem Zuruf schleuderte
er einen Fußschemel nach Odysseus, dieser aber warf sich zu den Knien des Amphinomos
nieder, daß der Schemel über ihm hin und dem Mundschenken an die rechte Hand
fuhr, so daß diesem die Weinkanne mit hellem Klang auf den Boden rollte, er
selbst aber mit einem Schrei rückwärts zu Boden fiel.

Die Freier lärmten indessen fort und fluchten dem Fremdlinge, daß er eine solche
Störung in ihre Freuden bringe, bis Telemach höflich, aber bestimmt seine Gäste
einlud, sich zur Nachtruhe zu begeben. Da erhub sich Amphinomos in der Versammlung
und sprach: »Ihr habt billige Worte vernommen, meine Freunde, widersetzet euch
ihnen nicht; auch den Fremdling soll niemand hinfort, weder ihr noch ein Diener
im Palaste, mit Wort oder Werken kränken! Füllet die Becher noch einmal zur
Opferspende, und dann laßt uns nach Hause wandeln. Der Fremdling aber bleibe
hier unter dem Schutze des Telemach, an dessen Herd er sich geflüchtet hat.«
Es geschah, wie Amphinomos geraten hatte, und bald verließen die Freier den
Saal.
Odysseus mit Telemach und Penelope allein

Im Saale standen jetzt nur noch Odysseus und sein Sohn. »Geschwinde laß uns
jetzt die Rüstungen verwahren!« sagte jener zu diesem. Telemach aber rief seine
Pflegerin Eurykleia heraus und sagte: »Mütterchen, halte mir die Mägde drin
zurück, bis ich des Vaters Waffen aus dem beständigen Dampf in die Kammer getragen.«
»Schon recht«, antwortete Eurykleia, »daß du endlich auch einmal darauf denkst,
des Hauses zu warten und dein Gut zu beschirmen, Sohn! Aber wer soll dir die
Fackel vortragen, wenn ich keine Dienerin mit dir gehen lassen darf?« »Der Fremdling
dort!« erwiderte Telemach lächelnd, »wer aus meinem Brotkorb ißt, darf mir nicht
müßig stehen!« Nun trugen Vater und Sohn die Helme, die Schilde, die Lanzen,
alles miteinander in die Kammer, und vor ihnen her schritt mit goldener Feuerschale
Pallas Athene und verbreitete Licht überall. »Welch ein Wunder«, sagte Telemach
leise zum Vater, »wie schimmern die Wände des Hauses! wie deutlich sehe ich
jede Vertiefung, jeden Fichtenbalken, jede Säule, und alles leuchtet wie Feuer!
Fürwahr, es muß ein Gott bei uns sein, ein Himmelsbewohner!« »Sei stille, Sohn«,
antwortete ihm Odysseus, »und forsche nicht; das ist so der Brauch der Unsterblichen.
Lege dich jetzt schlafen; ich selbst will noch ein weniges aufbleiben und Mutter
und Dienerinnen auf die Probe stellen.«

Telemach entfernte sich, und Penelope trat jetzt aus ihrer Kammer, schön wie
Artemis und Aphrodite. Sie stellte sich ihren eigenen, köstlich mit Silber und
Elfenbein ausgelegten Sessel zum Feuer und setzte sich auf den Schafspelz, der
ihn bedeckte. Dann kam eine Schar von Mägden, die räumten Brot und Becher von
den Tischen, stellten diese selbst beiseite und sorgten aufs neue für Beleuchtung
und Heizung des Saales in den Geschirren. Hier geschah es, daß Melantho den
Odysseus zum zweiten Male höhnte. »Fremdling«, sagte sie, »du wirst doch nicht
die Nacht über dableiben und im Palaste herumlungern wollen? Begnüge dich mit
dem Genossen und geh auf der Stelle aus der Türe hinaus, wenn nicht dieser Feuerbrand
dir nachfliegen soll!« Odysseus schaute sie finster an und entgegnete: »Unbegreifliche,
warum bist du so erbittert auf mich, weil ich in Lumpen gehe und bettle? Ist
das nicht das gemeinsame Schicksal aller Umherirrenden? Einst war auch ich glücklich,
wohnte im reichen Hause, gab dem wandernden Fremdling, wie auch sein Aussehen
sein mochte, was er bedurfte. Auch Diener und Dienerinnen hatte ich genug; doch
das alles hat mir Zeus genommen. Bedenke, Weib, daß es dir auch so gehen könnte;
wie, wenn die Fürstin einmal dir ernstlich zürnete? wenn gar Odysseus heimkäme?
Noch ist die Hoffnung dazu nicht ganz verschwunden! Oder wenn Telemach, der
kein Kind mehr ist, an seiner Stelle handelte?«

Penelope hörte, was der Bettler sprach, und schalt die übermütige Dienerin:
»Schamloses Weib, ich kenne deine schlechte Seele wohl und weiß, was du tust;

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