Gustav Schwab - Odysseus - Zweiter Teil
admin am Mrz 29th 2008
»Ich verarge dir deinen Eifer nicht, gute Mutter«, erwiderte hierauf Telemach;
»auch fehlt es mir nicht an der Erkenntnis des Rechten; aber diese feindseligen
Männer, die um mich her sitzen, betäuben mich ganz, und nirgends finde ich einen,
der mich unterstützte. Doch ist der Kampf des Fremden mit Iros gar nicht ausgegangen,
wie es die Freier wünschten; möchten diese doch ebenso gezwungen ihr Haupt hängen
lassen, wie jener Elende draußen an der Schwelle des Hofes dasitzt!« Telemach
hatte dieses so gesprochen, daß die Freier es nicht hören konnten, Eurymachos
aber rief ganz trunken von dem Anblicke der reizenden Königin: »Ikarios’ Tochter,
wenn dich alle Achaier in ganz Griechenland sehen könnten, wahrhaftig, es erschienen
morgen noch viel mehr Freier zum Schmause: so weit übertriffst du alle Weiber
an Gestalt und Geist!« »Ach, Eurymachos«, antwortete Penelope, »meine Schönheit
ist dahin, seit mein Gemahl mit den Griechen gen Troja fuhr! Käme er wieder
zurück und beschirmte mein Leben, ja dann möchte ich wieder aufblühen; jetzt
aber traure ich. Ach, als Odysseus das Ufer verließ und mir zuletzt die Hand
reichte, da sprach er: ›Liebes Weib, die Griechen werden, denk ich, wohl nicht
alle gesund von Troja heimkehren: die Trojaner sollen des Streites kundige Männer
sein, treffliche Speerschleuderer, Bogenschützen, Wagenlenker. So weiß denn
auch ich nicht, ob mein Dämon mich zurückführen oder dort wegraffen wird. Beschicke
du alles im Hause, und sorge mir für Vater und Mutter womöglich noch zärtlicher,
als du bisher getan hast. Und wenn dein Sohn herangewachsen ist und ich nicht
mehr heimkehre, dann magst du dich vermählen, wenn du willst, und unsere Wohnung
verlassen.‹ So sprach er, und nun wird alles wahr! Weh mir, der entsetzliche
Tag der Hochzeit naht heran, und unter welchem Kummer gehe ich ihm entgegen!
Denn diese Freier da haben ganz andere Sitte, als man sonst bei Brautwerbern
findet. Wenn andere eines ansehnlichen Mannes Tochter zum Weibe begehren, so
bringen sie Rinder und Schafe zum Schmause mit und Geschenke für die Braut und
verprassen nicht fremdes Gut ohne alle Entschädigung!«
Mit inniger Lust hörte Odysseus diese klugen Worte. Für die Freier übernahm
Antinoos die Antwort und erwiderte: »Edle Königin, gern wird dir jeder von uns
die köstlichsten Gaben darbringen, und wir bitten dich, entziehe dich unsern
Geschenken nicht. Aber in unsere Heimat kehren wir nicht zurück, bis du dir
den Bräutigam aus unserer Mitte auserkoren hast.« Alle Freier stimmten in diese
Rede ein. Diener wurden abgeschickt, und bald kamen die Geschenke heran. Antinoos
ließ ein gewirktes buntes Gewand, an dem zwölf goldene Spangen hinabliefen,
die mit schön gebogenen Haken in die Schlußringe eingriffen, herbeibringen;
Eurymachos ein kunstvolles goldenes Brustgeschmeide, mit anderem edlen Metall
eingelegt, das wie die Sonne strahlte; Eurydamas ein Paar Ohrringe, jeder in
drei Diamanten spielend; aus Peisanders Palast wurde ein Halsband voll der köstlichsten
Kleinode dahergetragen, und so reichte ihr auch jeder der andern Freier ein
besonderes Geschenk dar. Dienerinnen des Hauses kamen, nahmen die Geschenke
in Empfang, und Penelope stieg mit denselben wieder in den Söller empor.
Odysseus abermals verhöhnt
Die Freier vergnügten sich jetzt, bis der Abend hereinbrach, im Reihentanze
und schwärmten ganz ausgelassen. Als es dunkel wurde, stellten die Mägde drei
Feuerlampen zur Beleuchtung im Saale umher und legten getrocknete Scheiter,
mit Kienspänen gemischt, hinein. Während sie nun in die Wette die Glut anfachten,
gesellte sich Odysseus zu ihnen und sagte: »Ihr Mägde des Odysseus, des allzulange
abwesenden Herrn, höret, euch ziemte besser, droben bei eurer ehrwürdigen Fürstin
zu sitzen, die Spindel zu drehen und Wolle zu kämmen. Für das Feuer im Saale
lasset mich sorgen! Und blieben die Freier bis zum hellen Morgen da, ich will
nicht müde werden; ich bin ans Dulden gewöhnt!«
Die Mägde sahen einander an und schlugen ein Gelächter auf. Endlich sprach
eine junge, schöne Dienerin, Melantho, welche von Penelope wie ein Kind aufgezogen
worden, die aber jetzt mit dem Freier Eurymachos in schändlichem Einverständnisse
lebte, die frechen Schmähworte: »Du elender Bettler, du bist ein rechter Narr,
daß du nicht in eine Schmiedeesse oder andere Herberge schlafen gehest und hier,
wo soviel edlere Männer sind als du, uns Gesetze vorschreiben willst. Sprichst
du im Rausche, oder bis du beständig ein solcher Tor? Oder schwindelt dir, weil
du den Iros besiegt hast? Nimm dich in acht, daß nicht ein Besserer sich erhebt,
dir rechts und links mit derber Hand das Haupt zerschlägt und dich vom Blute
triefend aus dem Palaste verstößt!«»Hündin«, antwortete Odysseus finster,»ich
gehe, deine frechen Worte dem Telemach zu melden, daß er dich in Stücke zerhaue!«
Die Mägde meinten, er habe im Ernste geredet, und sein Wort scheuchte sie auseinander,
daß sie mit bebenden Knien aus dem Saale flohen. Nun stellte sich Odysseus selbst
an die Feuerschalen, fachte die Flamme an und hing seinen Rachegedanken nach.
Athene aber spornte das Herz der üppigen Freier zum kränkenden Spott, und Eurymachos
sagte zu seinen Gesellen, daß ein lautes Gelächter entstand: »Der Mann ist wahrhaftig
als eine lebendige Leuchte von einem Gott in diesen Saal geschickt worden: schimmert
nicht sein Kahlkopf, auf dem auch kein einziges Härchen mehr zu erblicken ist,
gerade wie eine Fackel?« Und zu Odysseus gewendet, sprach er: »Hör, Bursche,
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