Gustav Schwab - Odysseus - Zweiter Teil

admin am Mrz 29th 2008

Odysseus als Bettler im Saal

Im Innern des Hauses wurde Telemach zuerst den Sauhirten gewahr und rief ihn
heran. Eumaios schaute sich vorsichtig um, ergriff den leeren Stuhl, auf welchem
der Fleischzerleger vor dem Mahle zu sitzen pflegte, und setzte sich auf einen
Wink an den Tisch seines Herrn, diesem gegenüber, wo ihm sofort der Herold Fleisch
und Brot reichte. Bald nach ihm wankte auch Odysseus der Bettler am Stabe herein
und setzte sich innerhalb der Pforte auf die Schwelle von Eschenholz nieder,
an den einen der schön geschnitzten Türpfosten aus Zypressenholz gelehnt. Sobald
Telemach ihn erblickte, langte er aus dem vor ihm stehenden Korb ein ganzes
Brot, nahm dazu eine Handvoll Fleisch und gab beides dem Sauhirten mit den Worten:
»Hier, mein Freund, reiche diese Gaben dem Fremdling, und sag ihm, er soll sich
der Scham entschlagen und bei den Freiern herumbetteln!« Odysseus empfing die
Gabe segnend mit beiden Händen, legte sie sich vor die Füße auf seinen Ranzen
und fing an zu essen. Das ganze Mahl über hatte der Sänger Phemios die Gäste
mit seinem Lied ergötzt; jetzt schwieg er, und man hörte nur noch den wilden
Lärm der Schmausenden durch den Saal. In diesem Augenblicke näherte sich die
Göttin Athene unsichtbar dem Odysseus und trieb ihn an, Brocken von den Freiern
einzusammeln, um die billiger denkenden von den rohen unterscheiden zu lernen.
Aber dennoch war ihnen allen miteinander das Verderben von der Göttin zugedacht:
es sollte nur einer milderen Todes sterben als der andere. Odysseus befolgte
das Geheiß der Göttin, er ging flehend von Mann zu Mann und streckte seine Hand
hin, so geläufig, als wäre er seit lange den Bettel gewohnt. Manche zeigten
sich mitleidig und gaben ihm, und es entstand ein Fragen unter den Freiern,
woher der Mann wohl kommen möge. Da sagte zu ihnen der Ziegenhirt Melanthios:
»Ich habe den Burschen zuvor schon gesehen, der Sauhirt hat ihn hereingebracht.«
Diesen fuhr jetzt der Freier Antinoos zornig an: »Du berüchtigter Sauhirt, sag
uns, warum hast du diesen Menschen in die Stadt geführt? Haben wir nicht Landstreicher
genug, daß du uns auch noch diesen Fresser in den Saal schleppst?« »Harter Mann«,
antwortete Eumaios gelassen, »den Seher, den Arzt, den Baumeister, den Sänger,
der uns durch seine Lieder erfreut, sie alle beruft man wetteifernd in die Paläste
der Großen; den Bettler hat niemand berufen: er kommt von selber; aber man stößt
ihn auch nicht hinaus! Und das soll auch diesem nicht geschehen, solange Penelope
und Telemach dies Haus bewohnen.« Aber Telemach hieß ihn schweigen und sagte:
»Bemühe dich mit keiner Antwort, Eumaios; du kennst ja die böse Gewohnheit dieses
Mannes, andere zu beleidigen. Dir aber, Antinoos, sage ich: Du bist nicht mein
Vormund, daß du mir gebieten dürftest, diesen Fremdling aus dem Hause zu treiben.
Gib ihm vielmehr und schone meines Gutes nicht! Aber freilich, du willst lieber
selbst verzehren als andern geben!« »Siehe da, wie der trotzige Knabe mich schmäht!«
rief Antinoos dagegen; »wollte jeder Freier diesem Bettler eine Gabe reichen,
er brauchte drei Monate lang das Haus nicht wieder zu betreten!« Damit ergriff
er seinen Fußschemel, und als Odysseus auf seinem Rückwege zu der Schwelle eben
an ihm vorüberging und auch ihn noch um eine Gabe anflehte, wobei er von langen
Bettlerfahrten durch Ägypten und Zypern ihm vorjammerte, rief dieser unwillig:
»Welch ein Dämon hat uns diesen zudringlichen Schmarotzer gesandt! Weiche von
meinem Tisch, daß ich dir dein Ägypten und Zypern nicht gesegne!« Und als Odysseus
murrend sich zurückzog, warf ihm Antinoos den Fußschemel nach, daß dieser ihm
rechts auf die Schulter flog, dicht ans Halsgelenk. Odysseus stand unverrückt
wie ein Fels und schüttelte schweigend sein Haupt, voll von Entwürfen. Dann
kehrte er zur Schwelle zurück, legte den mit Gaben gefüllten Ranzen zu Boden
und klagte niedersitzend den Freiern die Kränkung, die ihm Antinoos angetan.
Dieser aber rief dem Bettler zu: »Schweige und friß, du Fremdling, oder packe
dich, sonst zieht man dich an Hand und Fuß über die Schwelle, daß dir die Glieder
bluten!«

Diese Roheit empörte selbst die Freier; einer aus ihnen erhub sich und sprach:
»Antinoos, du hast nicht wohl daran getan, den Unglücklichen zu werfen. Wie
nun, wenn es ein Himmelsbote wäre, der Menschengestalt angenommen? Denn solches
geschieht ja manchmal!« Aber Antinoos achtete nicht auf diese Warnung. Telemach
selbst sah schweigend die Mißhandlung seines Vaters und drängte seinen Ingrimm
in den Busen zurück.

In ihrem Frauengemache konnte Penelope durch die offenen Fenster alles vernehmen,
was im Saale geschah. So hörte sie auch, wie es dem Bettler dort erging, und
empfand Mitleiden mit ihm. Sie ließ in der Stille den Sauhirten zu sich hereinrufen
und befahl ihm, jenen kommen zu heißen. »Vielleicht«, setzte sie hinzu, »weiß
er mir etwas von meinem Gemahl zu berichten oder hat ihn gar selbst gesehen,
denn er scheint weit in der Welt umhergewandert zu sein.« »Ja«, antwortete Eumaios,
»wenn die Freier schweigen und hören möchten, er könnte vieles erzählen. Drei
Tage schon beherberge ich ihn, und seine Berichte entzückten mein Herz, als
wären sie das Lied eines Sängers. Er ist von Kreta und mit deinem Gemahl, wie
er behauptet, durch väterliches Gastrecht verbunden. Und so will er denn auch
wissen, daß Odysseus gegenwärtig im Lande der Thesproter lebe und nächstens

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