Gustav Schwab - Odysseus - Zweiter Teil
admin am Mrz 29th 2008
vermochte sich auch ein Mensch aus eigener Kraft so zu verwandeln!« »Staune
doch den heimkehrenden Vater nicht so grenzenlos an, lieber Sohn!« erwiderte
Odysseus; »ich bin es, der nach zwanzig Jahren in die Heimat zurückkommt, und
kein anderer. Das Wunder ist ein Werk der Göttin Athene; sie hat mich so umgeschaffen,
daß ich bald als ein Bettler einhergehe, bald als ein Jüngling; denn den Göttern
wird es leicht, einen Sterblichen bald zu erniedrigen, bald zu erhöhen.«
So sprach Odysseus und setzte sich. Jetzt erst wagte es der Jüngling, unter
heißen Tränen seinen Vater zu umschlingen; in beiden regte sich der lange Gram,
sie fingen an, laut zu weinen, und ihre Klage tönte so herzzerreißend wie der
Ruf der Vögel, denen man ihre Jungen geraubt hat, ehe sie flügge geworden sind.
Als sie sich genug ausgeweint, fragte endlich Telemach den Vater, auf welchem
Wege er in die Heimat gekommen sei, und nachdem ihm Bescheid geworden, fuhr
Odysseus fort: »Und jetzt bin ich da, mein Sohn, auf Athenes Befehl, daß wir
uns über den Mord unserer Feinde beraten. Nenne mir die Freier der Reihe nach,
daß ich wisse, wieviel ihrer sind und ob wir beide allein zu ihrer Bekämpfung
hinreichen oder ob wir uns nach Bundesgenossen umsehen sollen.« »Ich habe zwar
immer von deinem Ruhme gehört, mein Vater«, erwiderte Telemach, »und daß dein
Arm so stark sei wie dein Rat verständig. Das aber war ein stolzes Wort, und
nimmermehr vermöchten wir zwei etwas gegen so viele. Es sind ihrer nicht nur
zehn oder zwanzig, es sind viel, viel mehr: aus Dulichion allein zweiundfünfzig
der mutigsten Jünglinge, mit sechs Dienern; aus Same vierundzwanzig, aus Zakynth
zwanzig, aus Ithaka selbst zwölf. Mit ihnen sind der Herold Medon, ein Sänger
und zwei Köche. Darum, wenn es möglich ist, laß uns auf weitere Verteidiger
sinnen.« »Bedenke« , sprach Odysseus darauf, »daß Athene und Zeus unsere Bundesgenossen
sind, die, wenn sich einmal in meinem Palaste der Krieg erhoben hat, uns nicht
lange werden auf ihre Hilfe warten lassen. Du selbst nun, lieber Sohn, geh mit
dem nächsten Morgen in die Stadt zurück und setze dich unter die Freier, als
wäre nichts geschehen. Mich wird der Sauhirt, nachdem ich wieder zum greisen
Bettler umgestaltet worden bin, dir nachführen. Welchen Schimpf sie alsdann
mir auch im Saale antun mögen, und wenn sie nach mir werfen und mich an den
Füßen über die Schwelle ziehen, du mußt dein Herz bezähmen und es ertragen.
Mit Worten magst du sie zu besänftigen suchen; aber sie werden dir nicht folgen,
denn ihr Verderben ist beschlossen. Auf einen Wink von mir wirst du sodann die
Rüstungen, die wir im Saale umherhängen haben, in einer der obern Kammern des
Hauses verbergen. Vermissen sie die Freier und fragen darnach, so sagst du nur,
du habest sie wegschaffen lassen, weil sie, vom Rauche des Kamines geschwärzt,
den Glanz, mit dem sie unter Odysseus geschimmert, verloren haben. Für uns beide
lässest du nur zwei Schwerter, zwei Speere und zwei stierlederne Schilde zurück,
damit wir sie zum Kampf ergreifen können, wenn jene in der Verblendung, die
ihnen die Götter senden werden, sich an uns wagen. Übrigens darf kein Mensch
vernehmen, daß Odysseus zurückgekehrt ist, selbst Laërtes, selbst der Sauhirt
nicht, ja nicht einmal Penelope, deine Mutter. Unterdessen wollen wir unsere
Dienstmannen und das Gesinde prüfen, wer davon uns noch ehrt und fürchtet und
wer unser vergessen hat und dich verachtet.« »Lieber Vater«, erwiderte Telemach,
»du sollst mich gewiß nicht nachlässig finden; aber ich glaube nicht, daß die
Prüfung viel helfen wird. Es währt gar zu lange, bis du im Lande umhergehst,
um jeden einzelnen auszuforschen, indessen jene dir im Palaste gemächlich dein
Gut verprassen. Zwar die Weiber im Hause auszukundschaften, das will ich selbst
übernehmen; aber die Männer in den einzelnen Höfen - das versparen wir lieber
für die Zukunft, wenn wir einmal im Palaste Meister sind.« Odysseus gab seinem
Sohne recht und freute sich über seine Besonnenheit.
Vorgänge in der Stadt und im Palast
Das Schiff, das den Telemach und seine Genossen von Pylos nach Ithaka gebracht
hatte, war inzwischen im Hafen der Stadt angekommen, und die Begleiter des Königssohnes
hatten einen Herold zu seiner Mutter Penelope gesendet, um ihr die Botschaft
von der Heimkehr des Sohnes zu überbringen. Mit derselben Nachricht kam gleichzeitig
der Sauhirt vom Lande her, und beide trafen sich im Hause des Königes. Da sprach
der Herold zu Penelope laut vor allen Dienerinnen: »Dein Sohn, o Königin, ist
wiedergekommen.« Eumaios aber sagte ihr im geheim und ohne Zeugen, was ihm sein
junger Herr aufgetragen hatte, insbesondere, daß sie durch eine Schaffnerin
seinem Großvater Laërtes die fröhliche Botschaft auch zukommen lassen möchte.
Als der Sauhirt alles ausgerichtet, eilte er wieder heim zu seinen Schweinen.
Die Freier aber erfuhren die kurze Nachricht von der Heimkehr Telemachs, die
der Herold gebracht hatte, durch die treulosen Dienerinnen. Unmutig setzten
sie sich zusammen auf die Bänke vor dem Tor, und Eurymachos sprach hier in der
Versammlung: »Das hätten wir doch nimmermehr gedacht, daß der Knabe diese Fahrt
so trotzig vollenden würde! Laßt uns nur geschwind ein Schiff ausrüsten, einen
Schnellsegler, unsern Freunden im Seehinterhalte die Botschaft zu bringen, daß
sie vergebens auf ihn warten und nur wieder umkehren dürfen.«
Während Eurymachos sprach, hatte ein anderer Freier, Amphinomos, das Gesicht
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