Nachtrag
admin am Mrz 29th 2008
ward. Und als sie einst, von Alter und Jahren aufgelöst, zusammen vor den heiligen
Stufen standen, des wundervollen Geschickes gedenkend, da sah Baucis ihren Philemon
und Philemon seine Baucis in grünem Laube verschwinden; schon wuchsen um beider
Antlitz schattige Wipfel in die Höhe. »Leb wohl, du Trauter!« »Leb wohl, du
Liebe!« so sprachen sie beide wechselnd, solang sie noch zu reden vermochten.
So endigte das ehrwürdige Paar; er ward zur Eiche, sie zur Linde, und noch im
Tode stehen sie traulich zusammen, wie sie im Leben unzertrennlich waren. Fromme
sind den Göttern wert; Ehre wird denen zuteil, die Ehre erweisen.
Arachne
In Hypäpa, einer kleinen Stadt Lydiens, wohnte eine Jungfrau von niederer Herkunft,
Arachne geheißen. Ihr Vater Idmon war Purpurfärber zu Kolophon, auch ihre Mutter,
die der Tod frühe hingerafft hatte, war von armen Eltern entsprossen. Dennoch
pries man den Namen Arachnes in den lydischen Städten, da sie als Weberin durch
Kunst und Fleiß alle sterblichen Weiber übertraf; selbst die Nymphen des rebenbewachsenen
Tmolosgebirges und des Flusses Paktolos kamen in die ärmliche Hütte der Jungfrau,
um ihrer Arbeit staunend zuzuschauen. Niemals war so die Kunst mit der Anmut
gepaart; ob sie die grobe Wolle zuerst aufwickelte, ob sie die Fäden feiner
und feiner zog, ob sie mit dem flinken Daumen die Spindel umschwang oder mit
der Nadel stickte: es schien stets, als ob Pallas Athene selbst sie unterwiesen
hätte. Davon aber wollte Arachne nichts wissen, sondern sie rief oft beleidigt:
»Nicht von der Göttin lernte ich die Kunst! Sie komme und messe sich mit mir.
Besiegt sie mich, so will ich jede Strafe erdulden!« Athene hörte ihr Prahlen
mit Unwillen, nahm die Gestalt eines alten Mütterchens an, umgab sich die Stirn
mit grauem Haar und nahm einen stützenden Stab in die welken Hände. So verwandelt,
trat sie in die Hütte Arachnes und begann: »Nicht nur Widriges hat das Greisenalter;
mit den Jahren reift die Erfahrung. Darum verachte nicht meinen Rat! Suche du
dir den Ruhm, daß du künstlicher als alle Sterblichen die Wolle zu weben verstehst;
aber der Göttin weiche in Demut. Flehe sie um Verzeihung für dein überkühnes
Wort; dann wird sie gern der Bittenden vergeben.« Finsteren Blickes ließ Arachne
den Faden fahren und sprach, vor Zorn bebend: »Töricht bist du, Alte; die Last
der Jahre hat dir den Sinn geschwächt. Zu lange leben ist nicht gut! Solches
Geschwätz predige deiner Tochter vor, ich bedarf deines Rates nicht und verschmähe
deine Ermahnung. Warum kommt Pallas nicht selbst? Warum vermeidet sie den Wettstreit
mit mir?« Jetzt war die Langmut der Göttin zu Ende. »Sie ist schon da!« rief
sie und stand plötzlich in ihrer wahren himmlischen Gestalt da. Die Nymphen
und die lydischen Frauen, die zugegen waren, fielen der Göttin huldigend zu
Füßen; nur Arachne bebte nicht, ein flüchtiges Erröten überzog ihr trotziges
Antlitz, und verwegen beharrte sie bei ihrem Entschluß; von törichter Ruhmbegierde
getrieben, rannte sie selbst in ihr drohendes Geschick. Und die Zeustochter
warnte nicht mehr, sondern nahm den Kampf an.
Alsbald stellten beide an gesonderten Orten den Webstuhl auf und begannen mit
Lust die kundigen Hände zu regen. Purpur und tausend andre Farben, die das ungewohnte
Auge verwirren, webten sie kunstvoll durcheinander; auch goldene Fäden liefen
hindurch; und so erhoben sich bald wundersame Gebilde vor den staunenden Blicken
der Schauenden. Athene bildete den Felsen der athenischen Burg und ihren vielbesungenen
Streit mit dem Meeresgott um des Landes Besitz. Zwölf Götter, Zeus mitten unter
ihnen, saßen dabei, ehrwürdigen und heiligen Ernstes. Hier stand Poseidon, wie
er den riesigen Dreizack in den Felsen stößt, daß die salzige Meeresflut herausspringt.
Dort aber erschien sie selbst, die göttliche Künstlerin, mit Schild und Lanze
gewappnet, den Helm auf dem Haupte, auf der Brust die schreckliche Ägis, wie
sie mit der Spitze des Speeres den Ölbaum aus dem unfruchtbaren Boden hervortreibt,
zum Staunen der Götter und zum Heile des Landes. So webte Athene ihren eignen
Sieg in das Gespinst. In die vier Ecken aber wirkte sie vier Beispiele menschlichen
Hochmuts, der durch die Rache der Götter ein trauriges Ende nahm: Hier erblickte
man den thrakischen König Hämos mit seinem Weibe Rhodope, die in ihrem Übermut
sich Zeus und Hera nannten und deshalb in ragende Berge verwandelt wurden; hier
die unselige Mutter der Pygmäen, die, von Hera besiegt, zum Kranich wurde und
so mit ihren eignen Kindern kämpfen mußte; in der dritten Ecke war Antigone,
die reizende Tochter Laomedons, zu schauen; diese war auf ihre Schönheit und
besonders auf ihr herrliches Lockenhaar so stolz, daß sie sich der Hera verglich.
Aber die Götterkönigin verwandelte die Haare in Schlangen, die sie bissen und
quälten, bis Zeus die Unglückliche aus Mitleid zum Storche umschuf; noch jetzt
frohlockt sie klappernd über ihre Schönheit. Endlich bildete Pallas den Kinyras,
wie er das Schicksal seiner Töchter beweinte. Sie hatten durch ihren Stolz den
Zorn der Hera gereizt und wurden von ihr in steinerne Stufen vor ihrem Tempel
verwandelt. Der Vater warf sich jammernd auf sie nieder und bedeckte den fühllosen
Marmor mit heißen Tränen. Alle diese Gemälde hatte Athene in den Teppich gewebt
und mit einem Kranze von Ölbaumblättern umgeben.
Arachne dagegen wirkte in ihr Gewebe mancherlei Bilder, in denen sie die Götter
zu verhöhnen trachtete, so namentlich den Zeus, wie er bald als Stier, bald
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