Nachtrag
admin am Mrz 29th 2008
kinderlos, schalteten sie in dem niedrigen Häuschen, das sie allein miteinander
bewohnten.
Als nun die hohen Gestalten der beiden Götter diesem ärmlichen Dache sich nahten
und die niedere Pforte mit gebücktem Haupte durchschritten, kam ihnen das wackre
Paar mit herzlichem Gruße entgegen, der Greis stellte die Sessel zurecht, die
Baucis mit grobem Gewebe bedeckte, und bat die Gäste, sich auszuruhen. Das Mütterchen
eilte geschäftig zum Herde, stöberte in der lauen Asche nach einem glimmenden
Funken, häufte trocknes Holz und Reisig und blies aus dem Qualm mit schwachem
Atem die Flamme an. Drauf trug sie gespaltenes Holz herzu und schob es unter
den kleinen Kessel, der über dem Feuer hing. Unterdessen hatte Philemon Kohl
aus dem wohlbewässerten Gärtchen geholt, den die Alte eifrig entblätterte, hob
mit der zweizinkigen Gabel einen geräucherten Schweinsrücken von der rußigen
Decke des Gemaches (lange hatten sie ihn zu festlicher Gelegenheit aufgespart)
und schnitt ein mäßiges Stück von der Schulter, um es ins siedende Wasser zu
werfen. Damit nun aber den Fremdlingen die Weile nicht lang werde, bemühten
sie sich, durch harmloses Gespräch sie zu unterhalten. Auch gossen sie Wasser
in die hölzerne Wanne, auf daß jene am Fußbad sich erquickten. Freundlich lächelnd
nahmen die Götter das liebreich Gebotene an, und während sie die Füße behaglich
ins Wasser streckten, richteten die guten Wirte das Ruhebett. Dieses stand inmitten
der Stube, mit Teichschilf waren die Polster gestopft, von Weidengeflecht die
Füße und das Gestell; aber Philemon brachte Teppiche geschleppt, die sonst nur
an festlichen Tagen hervorgeholt wurden - ach, auch sie waren alt und schlecht,
und dennoch legten die göttlichen Gäste sich gern darauf, um nun das fertige
Mahl zu genießen. Denn jetzt stellte das Mütterchen, geschürzt und mit zitternden
Händen, den dreibeinigen Tisch vor das Lager, und da er nicht fest stehen wollte,
schob sie dem zu kurzen Fuß eine Scherbe unter; darauf rieb sie die Platte mit
frischer Krauseminze und trug die Speisen auf. Da waren Oliven, herbstliche
Kornelkirschen, eingemacht in klarem, dicklichtem Safte, auch Rettich, Endivien
und trefflicher Käse und Eier, in warmer Asche gesotten. Alles das brachte Baucis
auf irdenem Geschirr, und dabei prangte der bunte tönerne Mischkrug und zierliche
Becher aus Buchenholz, innen mit gelbem Wachs geglättet. Weder von hohem Alter
noch gar zu süß war der Wein, den der redliche Wirt einschenkte. Jetzt aber
sandte der Herd die warmen Gerichte, und die Becher wurden zur Seite geschoben,
damit es an Platz nicht mangle für den Nachtisch. Nüsse, Feigen und runzlichte
Datteln wurden herbeigetragen, auch zwei Körbchen mit Pflaumen und duftenden
Äpfeln; selbst Trauben vom purpurnen Weinstock fehlten nicht, und in der Mitte
der Tafel prangte eine weißliche Honigscheibe. Die schönste Würze des Mahles
aber waren die guten freundlichen Gesichter der wackern Alten, aus denen Freigebigkeit
und treuherziger Sinn sprachen.
Während nun alle an Speise und Trank sich labten, bemerkte Philemon, daß der
Mischkrug trotz der immer von neuem gefüllten Becher sich nicht leeren wollte
und stets der Wein wieder bis zum Rande emporwuchs. Da erkannte er mit Staunen
und Furcht, wen er beherbergte; ängstlich flehte er samt seiner greisen Genossin
mit emporgehobenen Armen und demütig gesenkten Augen, daß sie gnädig auf das
dürftige Mahl schauten und ob der schlechten Bewirtung nicht zürnten. Ach, was
sollen sie nur den himmlischen Gästen bieten? Richtig, da fällt ihnen ein: draußen
im Ställchen ist ja die einzige Gans, die wollen sie sogleich opfern! Beide
eilen hinaus, aber die Gans ist schneller als sie; mit Geschrei und flatternden
Flügeln entwischt sie den keuchenden Alten und lockt sie bald hier-, bald dorthin.
Zuletzt gar rannte sie ins Haus hinein und verkroch sich hinter den Gästen,
als ob sie die Unsterblichen um Schutz flehte. Und er ward ihr gewährt; die
Gäste wehrten dem Eifer der beiden Alten und sprachen mild lächelnden Mundes
also: »Wir sind Götter! Der Menschen Gastlichkeit zu erforschen, stiegen wir
nieder zur Erde. Eure Nachbarn fanden wir ruchlos, und sie sollen der Strafe
nicht entrinnen. Ihr aber verlaßt dieses Haus und folget uns hinauf auf die
Höhe des Berges, damit ihr nicht unschuldig mit den Schuldigen leidet.« Die
beiden gehorchten; auf Stäbe gestützt, strebten sie mühsam den steilen Berg
hinan. Noch einen Pfeilschuß waren sie vom höchsten Gipfel entfernt, da wandten
sie ängstlich den Blick und sahen die ganze Flur in einen wogenden See verwandelt,
nur einzig ihr Häuschen war von allen Gebäuden noch übrig. Während sie noch
staunten und das Schicksal der andern beweinten, siehe, da ward die alte ärmliche
Hütte zum ragenden Tempel; von Säulen getragen, schimmerte das goldne Dach,
Marmor deckte den Boden. Und jetzt wandte sich Zeus mit gütigem Antlitz zu den
zitternden Alten und sprach: »Saget mir, du redlicher Greis und du, des Redlichen
würdige Gattin, was wünschet ihr euch?« Nur wenige Worte wechselte Philemon
mit seinem Weibe, dann sprach er: »Eure Priester möchten wir sein! Vergönnet
uns, jenes Tempels zu pflegen. Und weil wir so lange in Eintracht miteinander
gelebt haben, o so lasset uns beide in einer Stunde dahinsterben; dann schau
ich niemals das Grab des lieben Weibes, noch muß mich jene bestatten.« Ihr Wunsch
ward erfüllt. Sie hüteten beide des Tempels, solange ihnen das Leben gegönnt
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