Nachtrag

admin am Mrz 29th 2008

schreiend stieß er den Tisch mit dem scheußlichen Mahle um, riß sein Schwert
aus der Scheide und stürzte den fliehenden Schwestern nach. Sie schienen von
Fittichen getragen zu werden. Ja, wirklich hoben Flügel sie empor: die eine
floh in den Wald, die andere schwang sich unter das Dach. Prokne war zur Nachtigall,
Philomela zur Schwalbe geworden; noch trägt sie am Brustgefieder blutige Flecken,
die Spur des Mordes. Aber auch der ruchlose Tereus, der sie verfolgte, sollte
nicht mehr unter Menschen wandeln, er ward zum Wiedehopf. Mit hoch emporragendem
Helmbusch und langem, spitzigem Schnabel verfolgt er auf ewig die Nachtigall
und die Schwalbe. (1)

1.

Eine verwandte, minder grausige Sage lautet folgendermaßen: Aedon, die Gemahlin
des Thebanischen Königs Zethos, war neidisch auf das Mutterglück ihrer Schwägerin
Niobe, denn diese hatte sechs Söhne und sechs Töchter, sie selbst aber nur ein
einziges Kind, den Itys. Von grimmiger Eifersucht bewegt, schlich sie bei Nacht
in das Gemach, wo ein Sohn der Niobe mit Itys zusammen lag, und ermordete -
statt des Niobesohnes - ihr eigenes Kind. Als sie am nächsten Morgen ihre Tat
entdeckte, faßte sie namenlose Verzweiflung. Die Götter aber fühlten Mitleid
mit der unglücklichen Mutter und verwandelten sie in eine Nachtigall. Nun sitzt
sie, wenn der Frühling kommt, im dichten Laube und klagt mit melodischer Stimme
um das geliebte Kind, das sie selber ermordet hat. »Itys, Itys!« ruft sie unzählige
Male.

Prokris und Kephalos

Die schönste unter den Töchtern des Erechtheus war Prokris. Mit ihr war Kephalos,
ein Sohn des Hermes und der Kekropstochter Herse, durch innige Liebe verbunden,
und als Erechtheus ihre Hände am Hochzeitstag aneinandergelegt hatte, priesen
sie alle Athener als die glücklichsten Gatten. Doch dieses Glück sollte nicht
von langer Dauer sein. Kaum war der zweite Monat vergangen, als Kephalos eines
Morgens auf die Hirschjagd hinauszog in die Wälder des Hymettos. Da erblickte
den göttergestalteten Jüngling die rosige Eos (Aurora), und von zärtlicher Leidenschaft
ergriffen, entführte sie ihn durch die Luft in ihren strahlenden Palast. Aber
so schön sie war, das Herz des Kephalos vermochte sie nicht zu umstricken; er
dachte nur an seine traute Gattin, mit Tränen im Auge rief er ihren Namen und
flehte die Göttin an, ihn seiner geliebten Prokris wiederzugeben. Traurig, doch
nicht ungerührt, hörte ihn Eos und sprach: »Still, Liebloser! Genug der Klagen!
Du sollst deine Prokris wieder besitzen. Doch ich ahn es, es kommt die Zeit,
wo du sie nie gesehen zu haben wünschest.« So sprach sie grollend und entließ
ihn. Während er nun nach der Heimat eilte, kamen ihm die Worte der Göttin nicht
aus dem Sinne, und indem er über ihre Bedeutung nachgrübelte, stieg allmählich
Furcht in ihm auf und Argwohn, ob auch Prokris ihm den Schwur der Treue unverbrüchlich
gehalten. Endlich beschloß er, in verwandelter Gestalt das heimische Haus zu
betreten, um die Gattin zu prüfen, und Eos selbst schien die Züge seines Angesichts
zu verändern. So ging er nach Athen und trat in sein Haus. Dort fand er nichts
Tadelnswürdiges; alles verkündete die sittsame Zucht der Herrin und ihre Sorge
um den verschwundenen Gatten. Durch manche Listen gelang es ihm, sich Eingang
bei der Tochter des Erechtheus zu verschaffen, aber alle seine Künste scheiterten
an ihrer Treue. Da ward es ihm schwer, seine Verstellung nicht aufzugeben. Am
liebsten hätte er sich dem edlen Weibe an die Brust geworfen, sie mit Küssen
und Tränen bedeckt. Aber in unheilvoller Verblendung genügte ihm die bestandene
Probe nicht, und als er nun immer reichere Geschenke versprach und sie überredete,
Kephalos sei nicht mehr am Leben, da begann zuletzt Prokris’ standhafter Sinn
zu wanken. Alsbald übermannte ihn unbilliger Zorn, und er rief: »Treulose, du
bist entlarvt! Wisse, ich bin dein Gatte, den du verraten wolltest.« Sie antwortete
ihm nichts; gekränkt und von Scham und Trauer gebeugt, floh sie das Haus des
arglistigen Mannes. Auf der fernen Insel Kreta irrte sie in den Bergen umher,
im Gefolge der jagdliebenden Artemis, der jungfräulichen Göttin, denn alle Männer
waren ihr verhaßt. Kephalos aber ward von bittrer Reue ergriffen; er sagte sich
selbst, daß er schändlich und unwürdig gehandelt, und heiße Sehnsucht nach der
Geliebten zehrte an seinem Herzen. Ach, auch sie konnte die alte Liebe nicht
vergessen. Als Artemis einst die bevorzugte Genossin mit einem nie fehlenden
Wurfspieß und dem berühmten, windschnellen Hunde Lälaps beschenkt hatte, kehrte
Prokris samt den Wundergaben nach Athen zurück, verzieh dem reuigen Gatten von
Herzen gern und lebte mit ihm selige Jahre der Eintracht und innigster Liebe.
Hund und Wurfspieß, deren sie nun nicht mehr bedurfte, schenkte sie ihm gleichsam
als Morgengabe zur zweiten Vermählung1).

Das Glück der beiden zärtlichen Gatten dauerte einige Jahre, aber ein trauriges
Ende war ihm beschieden. Wenn früh die Dämmerung am Himmel aufstieg, pflegte
Kephalos als rüstiger Jäger sich vom Lager zu erheben und in den waldigen Bergen
dem Weidwerk obzuliegen; ohne Diener, ohne Roß und Hunde zog er hinaus. Wenn
er nun erwünschte Beute gemacht hatte, so suchte er erquickenden Schatten und
rief, ermüdet und heiß von der Jagd, die kühle Luft an, daß sie mit labendem

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