Nachtrag

admin am Mrz 29th 2008

täuschend ähnliches Bild des armen Jünglings. Als die Hunde dasselbe erblickten,
sprangen sie an dem fühllosen Erz in die Höhe, leckten ihm schmeichelnd die
Hände und Füße und gebärdeten sich so fröhlich, als hätten sie ihren Herrn wirklich
wiedergefunden.

Prokne und Philomela

In Athen herrschte einst der König Pandion, der Sohn des erdgeborenen Erichthonios
und der Nymphe Pasithea. Er vermählte sich mit der schönen Najade namens Zeuxippe,
die ihm die Zwillinge Erechtheus und Butes und zwei Töchter, Prokne und Philomela,
gebar. Da begab es sich, daß der König von Theben, Labdakos, mit Pandion in
Streit geriet und verheerend in Attika einbrach. Trotz tapferen Widerstandes
wurden die Athener in ihre Stadt zurückgedrängt, und Pandion wandte sich in
der Not um Hilfe an den streitbaren thrakischen Fürsten Tereus, einen Sohn des
Kriegsgottes Ares. Dieser kam schnell über das Meer gefahren und verjagte mit
seinen trotzigen Kriegern die Thebaner bald aus dem attischen Lande. Dem ruhmgekrönten
Befreier gab der dankbare Pandion seine Tochter Prokne zur Gattin. Aber nicht
Hymenäos, der bräutliche Gott, nicht Hera, die Schutzgöttin der Ehe, nicht die
holdseligen Grazien nahten dem Hochzeitsgemache; die schrecklichen Erinnyen
schwenkten die düstern Fackeln, die sie von einem Leichenbegängnis geraubt hatten;
der unheilkündende Uhu saß auf dem Giebel des Hauses, in welchem Tereus und
Prokne Hochzeit hielten. Freilich zogen die jungen Gatten frohgemut über die
Meereswogen, den Göttern dankend, und wurden von den Thrakiern jubelnd empfangen.
Und als Prokne einem Sohne, dem Itys, das Leben schenkte, da ward der Tag in
ganz Thrakien festlich gefeiert.

Fünf Jahre waren vergangen; da ergriff Proknen, die sich im Barbarenlande fern
von der lieben Heimat oft gar einsam fühlte, eine unendliche Sehnsucht nach
Philomela, ihrer einzigen Schwester. Sie ging zu ihrem Gemahle und sprach: »Wenn
du mich noch ein wenig liebst, so sende mich nach Athen, daß ich die teure Schwester
hieher hole, oder reise du selbst und bringe sie mir, wenn auch nur auf kurze
Zeit, zum Besuch. Eine göttliche Gnade wird mir’s scheinen, wenn ich ihr trautes
Antlitz wieder schauen darf. Versprich dem Vater, sie bald zurückzuführen; denn
zärtlich liebt er die Tochter und wird sie nicht lange vermissen wollen.« Tereus
ließ sich leicht erbitten und fuhr zu Schiffe gen Athen. Bald gelangte er in
den Hafen Piräus, wo sein Schwäher ihn bewillkommnete. Schon als sie Hand in
Hand nach der Stadt wandelten, begann Tereus die unheilvolle Bitte vorzubringen
und gelobte dem Könige, daß er für Philomelas baldige Heimkehr sorgen werde.
Siehe, da nahte sie selbst; im Schmuck strahlender Schönheit, einer lieblichen
Nymphe nicht unähnlich, kam sie herbeigeeilt, den Schwager zu begrüßen und tausend
Fragen nach der fernen Schwester zu tun. Kaum aber ward Tereus die reizende
Jungfrau gewahr, da entbrannte sein Herz von stürmischer Liebe zu ihr, so wie
die Flamme das geschichtete Heu und die dürren Dachsparren ergreift und verzehrt.
Rasch war sein Entschluß gefaßt, um jeden Preis Philomela zu entführen, sei
es im Guten oder mit Gewalt. Während so zügellose Leidenschaft im Busen des
Barbaren wogte, hub er wieder an, von den Wünschen der Prokne zu sprechen, sie
sterbe vor Sehnsucht nach der Schwester, um seiner Gattin willen flehe er. Der
Schändliche! Während er ruchlose Pläne brütete, schien er ein zärtlicher Ehemann,
so daß selbst Pandion seinen Eifer lobte. Ja, auch Philomela ward betört; kosend
schlang sie die Arme um des Vaters Nacken und flehte ihn unermüdlich, ihr die
Reise zu gestatten. So ward der Greis von den vereinten Bitten der beiden endlich
besiegt und gab seine Einwilligung, obwohl mit schwerem Herzen. Philomela aber
dankte ihm voll Entzücken, und nun gingen die drei in den Königspalast, sich
an köstlichem Wein und trefflichen Speisen zu erquicken. Dann, als die Sonne
längst hinter den Horizont gesunken war, trennten sie sich, um der Ruhe zu pflegen.

Der Morgen erschien. Beim Abschied drückte der ehrwürdige Pandion die Hand
des Schwiegersohnes und sprach, während heiße Tränen über seine Wangen rollten:
»Mein teurer Sohn, nur weil zärtliche Liebe mich zwingt und ihr alle es wünschet,
vertraue ich dir mein Liebstes an, die traute Tochter. Nun beschwöre ich dich
bei deiner Ehre und unsrer Verwandtschaft, bei den unsterblichen Göttern flehe
ich dich an, beschütze sie wie ein liebevoller Vater und sende sie mir bald
zurück. Ach, sie ist der süßeste Trost meines vielfach leidvollen Alters.« So
sprach er und küßte das geliebte Kind mit Inbrunst. Darauf forderte er von beiden
die Hand zum Zeichen der Treue, trug ihnen herzliche Grüße an Tochter und Enkel
auf, rief noch einmal mit schluchzender Stimme Lebewohl und blieb allein am
Ufer zurück. Vom Ruderschlag rauschten die Wogen, das Schiff fuhr mit vollen
Segeln in die offene See hinaus. Kaum konnte Tereus sich enthalten, laut aufzujauchzen
vor wilder Lust, daß sein Plan gelungen sei. ›Mein ist der Sieg! ‹ rief er im
Herzen und betrachtete die Arglose mit funkelndem Blicke. So blitzt des gierigen
Adlers Auge, wenn er den zappelnden Hasen aus den krummen Klauen in sein hohes
Felsennest niederwirft, aus dem keine Flucht möglich ist.

Bald zeigten sich die Gestade Thrakiens, die Schiffer lenkten zum sichern Hafen
und sprangen ans Land; ermüdet von der Fahrt, eilte jeder der Heimat zu. Tereus

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