Nachtrag

admin am Mrz 29th 2008

dieser sogleich die kräftigsten argivischen Jünglinge um sich, führte sie hinaus
in die Gebirge und jagte mit ihnen unter lautem Geschrei und begeisterten Tänzen
die Rasenden vor sich her bis in die Nähe von Sikyon. Während der Hetzjagd starb
die älteste von den Töchtern des Prötos, die beiden andern aber wurden feierlich
gereinigt, indem Melampus durch Gebete und Opfer die erzürnte Hera versöhnte.
So kamen sie wieder glücklich zu Verstand, und ihr Vater gab außer dem versprochenen
Lande die eine dem Melampus, die andere dem Bias zur Gattin, wodurch die Brüder
mächtige Könige wurden. Von ihnen stammte eine große und glorreiche Nachkommenschaft
ab, die Melampodiden, auf welche sich die Sehergabe des Ahnherren forterbte.

Orpheus und Eurydike

Der unvergleichliche Sänger Orpheus war ein Sohn des thrakischen Königs und
Flußgottes Öagros und der Muse Kalliope. Apollon selbst, der melodische Gott,
schenkte ihm ein Saitenspiel, und wenn Orpheus dasselbe rührte und dazu seinen
herrlichen Gesang, den seine Mutter ihn gelehrt hatte, ertönen ließ, so kamen
die Vögel in der Luft, die Fische im Wasser, die Tiere des Waldes, ja die Bäume
und Felsen herbei, um den wundervollen Klängen zu lauschen. Seine Gattin war
die holdselige Najade Eurydike, und sie liebten sich beide auf das zärtlichste.
Aber ach, nur allzu kurz war ihr Glück; denn kaum waren die fröhlichen Lieder
der Hochzeit verstummt, da raffte ein früher Tod die blühende Gattin dahin.
Auf grüner Aue lustwandelte die schöne Eurydike mit ihren Gespielinnen, den
Nymphen; da stach sie eine giftige Natter, die im Grase versteckt lag, in die
zarte Ferse, und sterbend sank die Liebliche ihren erschreckten Freundinnen
in die Arme. Unaufhörlich hallten nun die Berge und Täler vom Schluchzen und
Klagen der Nymphen wider, und unter ihnen jammerte und sang Orpheus, seinen
Schmerz in wehmütigen Liedern austönend; da trauerten die Vöglein und die klugen
Hirsche und Rehe mit dem verlassenen Gatten. Aber sein Flehen und Weinen brachte
die Verlorne nicht zurück. Da faßte er einen unerhörten Entschluß: Hinunter
in das grausige Reich der Schatten wollte er steigen, um das finstere Königspaar
zur Rückgabe Eurydikes zu bewegen. Durch die Pforte der Unterwelt bei Tainaron
ging er hinab; schaurig umschwebten die Schatten der Toten den Lebenden, er
aber schritt mitten durch die Schrecknisse des Orkus, bis er vor den Thron des
bleichen Hades und seiner strengen Gemahlin trat. Dort faßte er seine Leier
und sang zum süßen Klange der Saiten: »O ihr Herrscher des unterirdischen Reiches,
gönnet mir, Wahres zu reden, und höret gnädig meine Bitten an! Nicht kam ich
herab, von Neugier getrieben, den Tartaros zu schauen, nicht um den dreiköpfigen
Hund zu fesseln; ach nein, um der Gattin willen nah ich mich euch. Vom Biß der
tückischen Natter vergiftet, sank die Teure in der Jugend Blüte dahin, nur wenige
Tage war sie meines Hauses Stolz und Freude. Sehet, ich wollte es tragen, das
unermeßliche Leid; als Mann hab ich lange gerungen. Aber die Liebe zerbricht
mir das Herz, ich kann nicht ohne Eurydike sein. Darum fleh ich zu euch, furchtbare,
heilige Götter des Todes! bei diesen grauenvollen Orten, bei der schweigenden
Öde eurer Gefilde: Gebt sie mir wieder, die traute Gattin; laßt sie frei, und
schenket ihr das allzufrüh verblühte Leben von neuem! Aber kann es nicht sein,
o so nehmet auch mich unter die Toten auf, nimmer kehr ich ohne sie zurück.«
Also sang er und rührte mit den Fingern die Saiten. Siehe, da horchten die blutlosen
Schatten und weinten. Der unselige Tantalos haschte nicht mehr nach den entschlüpfenden
Wassern, Ixions sausendes Rad stand still, die Töchter des Danaos ließen ab
vom vergeblichen Mühen und lehnten horchend an der Urne, Sisyphos selbst vergaß
seiner Qual und setzte sich auf den tückischen Felsblock, den sanften Klagetönen
zu lauschen. Damals, so sagt man, rannen selbst von den Wangen der furchtbaren
Eumeniden Tränen hernieder, und das düstere Herrscherpaar fühlte sich zum ersten
Mal von Mitleid bewegt. Persephone rief den Schatten Eurydikes, der unsicheren
Schrittes herankam. »Nimm sie mit dir«, sprach die Totenkönigin, »aber wisse:
nur wenn du keinen Blick auf die Folgende wirfst, ehe du das Tor der Unterwelt
durchschritten, nur dann gehört sie dir; doch schaust du dich zu frühe nach
ihr um, so wird dir die Gnade entzogen.«

Schweigend und schnellen Schrittes klimmen nun die beiden den finstern Weg
empor, vom Grauen der Nacht umgeben. Da ward Orpheus von unsäglicher Sehnsucht
ergriffen, er lauschte, ob er nicht den Atemzug der Geliebten oder das Rauschen
ihres Gewandes hörte - aber still, totenstill war alles um ihn her. Von Angst
und Liebe überwältigt, seiner selbst kaum mächtig, wagte er es, einen schnellen
Blick rückwärts nach der Ersehnten zu werfen. O Jammer! Da schwebt sie, das
Auge traurig und voll Zärtlichkeit auf ihn heftend, zurück in die schaurige
Tiefe. Verzweiflungsvoll streckt er die Arme nach der Entschwindenden. Ach,
umsonst! Zum zweiten Male stirbt sie den Tod, doch ohne Klage - hätte sie klagen
können, so innig geliebt zu sein? Schon ist sie fast seinen Blicken entschwunden:
»Leb wohl, leb wohl!« so tönt es leise verhallend aus der Ferne. Starr vor Gram
und Entsetzen stand Orpheus zuerst, dann stürzte er zurück in die finsteren
Klüfte; aber jetzt wehrte ihm Charon und weigerte sich, ihn über den schwarzen
Styx zu fahren. Sieben Tage und Nächte saß nun der Arme am Ufer, ohne Speise

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