Nachtrag
admin am Mrz 29th 2008
entlockend. Mit Entzücken horchte Midas ihm zu. Als Pan geendigt, trat Apollon
vor, das goldlockige Haupt von Lorbeer umwunden, im langen, purpurnen Gewand,
in der Linken die elfenbeinerne Leier, Antlitz und Haltung voll göttlicher Hoheit;
so rührte er die Saiten, daß himmlische Töne ihnen entrauschten und alle Hörer
mit Wonne und Ehrfurcht erfüllten. Und Tmolos, ein kundiger Richter, erkannte
ihm den Preis zu. Während nun alle andern seinem Spruche einmütig Beifall zollten,
konnte Midas den schwatzhaften Mund nicht halten und tadelte laut die Entscheidung;
dem Pan gebühre der Preis. Da trat Apollon unsichtbar zu dem törichten Könige
und faßte ihn an beiden Ohren. Mit einem leichten Ruck zog er sie in die Höhe,
und siehe, sie spitzten sich zu und umhüllten sich mit grauen Zotten, leicht
beweglich schuf der Gott das untere Gelenk, denn er duldete nicht, daß so dumme
Ohren noch menschliche Gestalt behielten. Zwei lange Eselsohren schmückten das
Haupt des armen Königs, der sich der schimpflichen Anhängsel bitterlich schämte.
Durch einen gewaltigen Turban suchte er seine Schande zu bedecken und vor aller
Welt zu verheimlichen. Aber dem einen Diener, der ihm das Haar zu scheren pflegte,
konnten sie nicht verborgen bleiben. Kaum erblickte jener die neue Zierde seines
Herrn, als er auch schon vor Begierde brannte, das Geheimnis auszuschwatzen.
Nur wagte er nicht, es einem Menschen zu verraten; um aber dennoch sein Herz
zu erleichtern, ging er an das Ufer des Flusses, grub ein Loch in die Erde und
flüsterte sein seltsames Geheimnis hinein. Darauf schüttete er die Grube sorgfältig
wieder zu und ging erleichtert von dannen. Aber es währte nicht lange, da entsproß
jener Stelle ein dichter Wald von Schilfrohr, und die Halme rauschten so wunderlich,
wenn ein Lüftchen über sie hinstrich, und flüsterten so leise und doch so vernehmlich
einander zu: »König Midas hat Eselsohren!« So ward das Geheimnis verraten.
Hyakinthos
Der jüngste unter den Söhnen des lakonischen Königs Amyklas war Hyakinthos.
Phöbos Apollon sah den lieblichen Knaben und gewann eine herzliche Zuneigung
zu ihm. Ja, er gedachte ihn einstens in den Olymp zu erheben, auf daß er ihn
ewig in seiner Nähe hätte. Aber ein trauriges Geschick gönnte dem Sterblichen
die Verherrlichung nicht und raffte ihn in zarter Jugendblüte dahin. Oft verließ
Apollon das heilige Delphi, um an dem Gestade des Eurotas in der Nähe der mauerlosen
Stadt Sparta sich der Gesellschaft seines Lieblings zu erfreuen. Leier und Bogen
vergaß er über heitern Spielen und verschmähte es nicht, mit Hyakinthos auf
der Jagd durch die rauhen Höhen des Taygetos zu schweifen. Einst um die Mittagsstunde,
als die Sonne ihre heißen Strahlen senkrecht herniedersandte, warfen die beiden
ihre Gewänder von sich, salbten ihre Körper mit Öl und begannen die Diskosscheibe
zu werfen. Da nahm Apollon zuerst die schwere Scheibe, schwang sie wägend im
Arm und schleuderte sie dann so gewaltig in die Höhe, daß sie am Himmel eine
Wolke zerteilte. Lange währte es, bis das runde Erz wieder auf die Erde herabfiel.
Eifrig, es seinem göttlichen Lehrmeister nachzutun, sprang der Knabe hinzu und
wollte die Scheibe fassen. Aber vom felsigen Grunde prallte sie jach in die
Höhe und ach - dem holden Kinde ins Antlitz. Bleich wie der Getroffene eilte
Apollon herbei und fing den Zusammenbrechenden in seinen Armen auf. Bald suchte
er die erstarrenden Glieder zu erwärmen, bald wischte er das Blut von der schrecklichen
Wunde, bald legte er heilsame Kräuter auf, um die fliehende Seele seines Lieblings
zu halten. Doch alles war vergebens! Wie eine zarte Blume, im Garten gebrochen,
plötzlich ihr welkendes Haupt herniedersinken läßt, so sank das Haupt des armen
Knaben, welk und matt, zurück an die Brust des Gottes. Dieser rief ihn mit den
zärtlichsten Namen und bedeckte sein Antlitz mit bittern Tränen. Ach, warum
ist er denn ein Gott, daß er nicht für ihn oder doch mit ihm sterben kann! Endlich
rief er: »Nein, süßes Kind, nicht völlig sollst du sterben, mein Lied soll von
dir singen, und als Blume noch sollst du meinen Schmerz verkünden.« So rief
Apollon, und siehe, aus dem strömenden Blut, das die Gräser rot färbt, sprießt
eine Blume hervor von düsterm Glanz wie tyrischer Purpur, lilienförmig wachsen
an einem Stengel zahlreiche Blumen, und jede zeigt auf ihren Blättchen in deutlicher
Schrift die Seufzer des Gottes: Aï, das ist: Wehe! Wehe! - So ersteht nun mit
jedem Lenz die Blume, die des Götterlieblings Namen fährt, und stirbt wie jener
bald wieder dahin, ein Bild der Vergänglichkeit alles Schönen auf der Erde.
In Lakonien aber ward alljährlich, wenn der Sommer kam, dem Hyakinthos und seinem
göttlichen Freunde zu Ehren ein großes Fest, die Hyakinthien, gefeiert, wobei
man des Knaben wehmütig, als eines Frühverstorbenen, und heiter, als eines Vergötterten,
gedachte.
Atalante
Die heldenmütige Jungfrau, die an der Jagd des Kalydonischen Ebers so rühmlichen
Anteil nahm, ward von ihrem Vater, welcher sich männliche Nachkommenschaft gewünscht
hatte, gleich nach ihrer Geburt ausgesetzt. In den Bergen fand eine Bärin, der
man die Jungen getötet, das schreiende Kindlein, nahm es sorglich in den Rachen
und trug es in ihre Höhle, wo sie es mit ihrer Milch säugte. Als einst Jäger
die Gegend durchstreiften, fanden sie das Kind, nahmen es mit sich und zogen
es zu einer blühenden Jungfrau auf. In den kühlen Bergwäldern Arkadiens erwachsen,
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