Gustav Schwab - Meleager und die Eberjagd

admin am Mrz 29th 2008

um, das schäumende Maul ihm bändigend, als er plötzlich: »Wehe mir!« ausrief,
den Zaum aus den erschlaffenden Händen fahren ließ und, einen Pfeil mitten ins
Herz geheftet, langsam rechts am Buge des Rosses heruntersank. Sein Bruder Sipylos,
der ihm zunächst sich tummelte, hatte das Gerassel des Köchers in den Lüften
gehört und floh mit verhängtem Zügel, wie ein Steuermann vor dem Wetter jedes
Lüftchen in den Segeln auffängt, um in den Hafen einzulaufen. Dennoch holte
ihn ein durch die Luft schwirrender Pfeil ein, zitternd haftete ihm der Schaft
hoch im Genick, und das nackte Eisen ragte zum Halse heraus. Über die Mähne
des galoppierenden Pferdes herab glitt der tödlich Getroffene zu Boden und besprengte
die Erde mit seinem rauchenden Blut. Zwei andere, der eine hieß wie sein Großvater,
Tantalos, der andere Phaidimos, lagen miteinander ringend, in fester Umschlingung
Brust an Brust verschränkt. Da tönte der Bogen aufs neue, und wie sie vereinigt
waren, durchbohrte sie beide ein Pfeil. Beide seufzten zugleich auf, krümmten
die schmerzdurchzuckten Glieder auf dem Boden, verdrehten die erlöschenden Augen
und hauchten mit einem Atem die Seelen im Staub aus. Ein fünfter Sohn, Alphenor,
sah diese fallen; die Brust sich schlagend, flog er herbei und wollte die erkälteten
Glieder der Brüder durch seine Umarmungen wieder beleben, aber unter diesem
frommen Geschäfte sank er auch dahin, denn Phöbos Apollo sandte ihm das tödliche
Eisen tief in die Herzkammer hinein, und als er es wieder herauszog, drängte
sich mit dem Atem das Blut und das Eingeweide des Sterbenden hervor. Damasichthon,
den sechsten, einen zarten Jüngling mit langen Locken, traf ein Pfeil in das
Kniegelenk; und während er sich rückwärts bog, das unerwartete Geschoß mit der
Hand herauszuziehen, drang ihm ein anderer Pfeil bis ans Gefieder durch den
offenen Mund hinab in den Hals, und ein Blutstrahl schoß wie ein Springbrunnen
hoch aus dem Schlunde empor. Der letzte und jüngste Sohn, der Knabe Ilioneus,
der dies alles mit angesehen hatte, warf sich auf die Knie nieder, breitete
die Arme aus und fing an zu flehen: »O all ihr Götter miteinander, verschont
mich!« Der furchtbare Bogenschütze selbst wurde gerührt, aber der Pfeil war
nicht mehr zurückzurufen. Der Knabe sank zusammen. Doch fiel er an der leichtesten
Wunde, die kaum bis zum Herzen hindurchgedrungen war.

Der Ruf des Unglückes verbreitete sich bald in die Stadt. Amphion, der Vater,
als er die Schreckenskunde hörte, durchbohrte sich die Brust mit dem Stahl.
Der laute Jammer seiner Diener und alles Volks drang bald auch in die Frauengemächer.
Niobe vermochte lange das Schreckliche nicht zu fassen; sie wollte nicht glauben,
daß die Himmlischen so viel Vorrechte hätten, daß sie es wagten, daß sie es
vermochten. Aber bald konnte sie nicht mehr zweifeln. Ach, wie unähnlich war
die jetzige Niobe der vorigen, die eben erst das Volk von den Ältären der mächtigen
Göttin zurückscheuchte und mit hohem Nacken durch die Stadt einherschritt! Jene
erschien auch ihren liebsten Freunden beneidenswert, diese des Mitleids würdig
selbst dem Feinde! Sie kam herausgestürzt auf das Feld, sie warf sich auf die
erkälteten Leichname, sie verteilte ihre letzten Küsse an die Söhne, bald an
diesen, bald an jenen. Dann hub sie die zerschlagenen Arme gen Himmel und rief.
»Weide dich nun an meinem Jammer, sättige dein grimmiges Herz, du grausame Latona,
der Tod dieser sieben wirft mich in die Grube; triumphiere, siegende Feindin!«

Jetzt waren auch ihre sieben Töchter, schon in Trauergewande gekleidet, herbeigekommen
und standen mit fliegenden Haaren um die gefallenen Brüder her. Ein Strahl der
Schadenfreude zuckte bei ihrem Anblick um Niobes blasses Gesicht. Sie vergaß
sich, warf einen spottenden Blick gen Himmel und sagte: »Siegerin! nein, auch
in meinem Unglücke bleibt mir mehr als dir in deinem Glück. Auch nach so vielen
Leichen bin ich noch Überwinderin!« Kaum hatte sie’s gesprochen, als man eine
Sehne ertönen hörte, wie von einem straff angezogenen Bogen. Alles erschrak,
nur Niobe bebte nicht; das Unglück hatte sie beherzt gemacht. Da fuhr plötzlich
eine der Schwestern mit der Hand ans Herz; sie zog einen Pfeil heraus, der ihr
im Innersten haftete. Ohnmächtig zu Boden gesunken, senkte sie ihr sterbendes
Antlitz über den nächstgelegenen Bruder. Eine andere Schwester eilt auf die
unglückselige Mutter zu, sie zu trösten; aber von einer verborgenen Wunde gebeugt,
verstummte sie plötzlich. Eine dritte sinkt im Fliehen zu Boden, andere fallen,
über die sterbenden Schwestern hingeneigt. Nur die letzte war noch übrig, die
sich in den Schoß der Mutter geflüchtet und an diese, von ihrem faltigen Gewande
zugedeckt, sich kindisch anschmiegte. »Nur die einzige laßt mir«, schrie Niobe
wehklagend zum Himmel, »nur die jüngste von so vielen!« Aber während sie noch
flehte, stürzte schon das Kind aus ihrem Schoße nieder, und einsam saß Niobe
zwischen ihres Gatten, ihrer Söhne und ihrer Töchter Leichen. Da erstarrte sie
vor Gram; kein Lüftchen bewegte das Haar ihres Hauptes; aus dem Gesichte wich
das Blut; die Augen standen unbewegt in den traurigen Wangen; im ganzen Bilde
war kein Leben mehr; die Adern stockten mitten im Pulsschlag, der Nacken drehte,
der Arm regte, der Fuß bewegte sich nicht mehr; auch das Innere des Leibes war
zum kalten Felsstein geworden. Nichts lebte mehr an ihr als die Tränen; diese
rannen unaufhörlich aus den steinernen Augen hervor. Jetzt faßte den Stein eine
gewaltige Windsbraut, führte ihn fort durch die Lüfte und über das Meer und

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