Gustav Schwab – Meleager und die Eberjagd
admin am Okt 13th 2011
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für den Sieg ihres Sohnes darzubringen, als sie die Leichen ihrer Brüder herbeibringen
sah. Sie zerschlug sich wehklagend die Brust, eilte in ihren Palast zurück,
legte statt der goldenen Freudengewänder schwarze Kleidung an und erfüllte die
Stadt mit Jammergeschrei. Aber als sie erfuhr, daß der Urheber des Mordes ihr
eigener Sohn Meleager sei, da versiegten ihre Tränen, ihre Trauer ward in Mordlust
verwandelt, und sie schien sich plötzlich auf etwas zu besinnen, das ihrem Gedächtnis
längst entschwunden war. Denn als Meleager nur erst wenige Tage zählte, da waren
die Parzen bei dem Wochenbette seiner Mutter Althaia erschienen. »Aus deinem
Sohne wird ein tapferer Held«, verkündigte ihr die erste; »dein Sohn wird ein
großmütiger Mann sein«, sprach die zweite; »dein Sohn wird so lange leben«,
schloß die dritte, »als der eben jetzt auf dem Herde glühende Brand vom Feuer
nicht verzehrt wird.« Kaum hatten sich die Parzen entfernt, so nahm die Mutter
das hell auflodernde Brandscheit aus dem Feuer, löschte es in Wasserflut, und
liebevoll für das Leben ihres Sohnes besorgt, verwahrte sie es im geheimsten
ihrer Gemächer. Entflammt von Rache, dachte sie jetzt wieder an dieses Holz
und eilte in die Kammer, wo es in einem heimlichen Verschlusse sorgsam aufbewahrt
lag. Sie hieß Kienholz auf Reisig legen und fachte einen lodernden Brand an.
Dann ergriff sie das hervorgesuchte Holzscheit. Aber in ihrem Herzen bekämpfte
sich Mutter und Schwester, blasse Angst und glühender Zorn wechselten auf ihrem
Angesichte; viermal wollte sie den Ast auf die Flammen legen, viermal zog sie
die Hand zurück. Endlich siegte die Schwesterliebe über das Muttergefühl. »Wendet
eure Blicke hierher«, sprach sie, »ihr Strafgöttinnen, zu diesem Furienopfer!
Und ihr, kürzlich geschiedene Geister meiner Brüder, fühlet, was ich für euch
tue, sieget und nehmet als teuer erkauftes Totengeschenk die unselige Frucht
meines eigenen Leibes an! Mir selbst bricht das Herz von Mutterliebe, und bald
werde ich dem Troste, den ich euch sende, selbst nachfolgen.« So sprach sie,
und mit abgewendetem Blick und zitternder Hand legte sie das Holz mitten in
die Flammen hinein.
Meleager, der inzwischen auch in die Stadt zurückgekehrt war und über seinem
Siege, seiner Liebe und seiner Mordtat in wechselnden Empfindungen brütete,
fühlte plötzlich, ohne zu wissen, woher, seinen innersten Leib von einer heimlichen
Fieberglut ergriffen, und verzehrende Schmerzen warfen ihn auf das Lager. Er
besiegte sie mit Heldenkraft; aber es jammerte ihn tief, eines unrühmlichen
und unblutigen Todes sterben zu müssen. Er beneidete die Genossen, die unter
den Streichen des Ebers gefallen waren; er rief den Bruder, die Schwestern,
den greisen Vater und mit stöhnendem Munde auch die Mutter herbei, die noch
immer am Feuer stand und mit starren Augen dem sich verzehrenden Brande zusah.
Der Schmerz ihres Sohnes wuchs mit dem Feuer, aber als allmählich die Kohle
sich in der bleichenden Asche verbarg, erlosch auch seine Qual, und er verhauchte
seinen Geist mit dem letzten Funken in die Luft. Über seiner Leiche wehklagten
Vater und Schwestern, und ganz Kalydon trauerte; nur die Mutter war ferne. Den
Strick um den Hals gewunden, fand man ihre Leiche vor dem Hause niedergestreckt,
auf welchem die verglommene Asche des Feuerbrandes ruhte.
1.
Die Eberjagd fiel vor den Argonautenzug.
Tantalos
Tantalos, ein Sohn des Zeus, herrschte zu Sipylos in Phrygien und war außerordentlich
reich und berühmt. Wenn je einen sterblichen Mann die olympischen Götter geehrt
haben, so war es dieser. Seiner hohen Abstammung wegen wurde er zu ihrer vertrauten
Freundschaft erhoben; zuletzt durfte er an der Tafel des Zeus speisen und alles
mit anhören, was die Unsterblichen unter sich besprachen. Aber sein eitler Menschengeist
vermochte das überirdische Glück nicht zu tragen, und er fing an, mannigfaltig
gegen die Götter zu freveln. Er verriet den Sterblichen die Geheimnisse der
Himmlischen; er entwandte von ihrer Tafel Nektar und Ambrosia und verteilte
den Raub unter seine irdischen Genossen; er barg den köstlichen goldenen Hund,
den ein anderer aus dem Tempel des Zeus zu Kreta gestohlen hatte; und als dieser
ihn zurückforderte, leugnete er mit einem Eide ab, ihn erhalten zu haben. Endlich
lud er im Übermute die Götter wieder zu Gaste, und um ihre Allwissenheit auf
die Probe zu setzen, ließ er ihnen seinen eigenen Sohn Pelops schlachten und
zurichten. Nur Demeter verzehrte von dem gräßlichen Gericht ein Schulterblatt,
die übrigen Götter aber merkten den Greuel, warfen die zerstückelten Glieder
des Knaben in einen Kessel, und die Parze Klotho zog ihn mit erneuter Schönheit
hervor. Anstatt der verzehrten Schulter wurde eine elfenbeinerne eingesetzt.
Jetzt hatte Tantalos das Maß seiner Frevel erfüllt und wurde von den Göttern
in die Hölle gestoßen. Hier wurde er von quälenden Leiden gepeinigt. Er stand
mitten in einem Teiche, und die Wasser spielten ihm um das Kinn, dennoch litt
er den brennendsten Durst und konnte den Trank, der ihm so nahe war, niemals
erreichen. Sooft er sich bückte und den Mund gierig ans Wasser bringen wollte,
entschwand vor ihm die Flut versiegend; der dunkle Boden erschien zu seinen
Füßen; ein Dämon schien den See ausgetrocknet zu haben. So litt er zugleich
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