Gustav Schwab - Die Sieben gegen Theben

admin am Mrz 29th 2008

noch ins gleiche Todeslos hineinziehen willst?« Antigone wandte sich mit Kälte
von ihrer furchtsamen Schwester ab. »Ich will dich gar nicht zur Helferin«,
sagte sie. »Ich gehe hin, den Bruder allein zu begraben. Wenn ich dies getan
habe, sterbe ich mit Freuden und lege mich nieder neben dem, den ich im Leben
geliebt habe!«

Bald darauf kam einer der Wächter mutlos und zögernden Schrittes vor den König
Kreon. »Der Leichnam, den du uns zu bewahren gegeben, ist begraben«, rief er
dem Herrscher entgegen, »und der unbekannte Täter ist uns entkommen. Wir wissen
auch nicht, wie es geschehen ist. Als der erste Tageswächter uns die Tat anzeigte,
war es uns allen ein Bekümmernis. Nur ein dünner Staub lag auf dem Toten; nur
so viel, als notwendig ist, wenn ein Begräbnis vor den Göttern der Unterwelt
für ein solches gelten soll. Kein Hieb, kein Schaufelwurf zeigte sich, keine
Wagenspuren gingen durch den Boden. Unter uns Wächtern entstand Streit darüber,
jeder beschuldigte den andern, und am Ende kam es zu Schlägen. Zuletzt jedoch
vereinigte man sich, dir, o König, den Vorgang auf der Stelle zu melden, und
mich traf dieses unselige Los!« Kreon geriet auf diese Nachricht in großen Zorn;
er bedrohte alle Wächter, sie lebendig aufhängen zu lassen, wenn sie ihm den
Täter nicht unverzüglich in die Hände lieferten. Diese mußten auch auf seinen
Befehl den Leichnam wieder von aller Erde entblößen und hielten nach wie vor
Wache bei demselben. So saßen sie vom Morgen bis zum Mittage im heißesten Sonnenschein.
Da erhub sich plötzlich ein Sturm, und der Luftkreis füllte sich mit Staub.
Die Wächter besannen sich noch über das unerwartete Zeichen, als sie eine Jungfrau
herankommen sahen, die so wehmütig klagte wie ein Vogel, der sein Nest ausgeleert
findet. Sie hatte in der Hand einen ehernen Krug, den sie schnell mit Staub
füllte, dann näherte sie sich mit Vorsicht der Leiche - denn die Wächter, um
von der Nähe des nun schon so lang unbegraben daliegenden Leichnams nicht zu
leiden, saßen ziemlich ferne auf einem Hügel - und spendete dem Toten, anstatt
des Begräbnisses, einen dreifachen Aufguß von Erde. Da zögerten die Wächter
nicht länger, sie eilten herbei, griffen sie und schleppten die auf der Tat
selbst Ertappte vor den zürnenden Herrscher.
Antigone und Kreon

Kreon erkannte in der Täterin seine Nichte Antigone. »Törin«, rief er ihr entgegen,
»die du die Stirne zur Erde senkst, gestehst oder leugnest du dieses Werk?«
»Ich gestehe es«, erwiderte die Jungfrau und richtete ihr Haupt in die Höhe.
»Und kanntest du«, fragte der König weiter, »das Gesetz, das du so ohne Scheu
übertratest?« »Wohl kannte ich es«, sprach Antigone fest und ruhig, »aber von
keinem der unsterblichen Götter stammt diese Satzung. Auch kenne ich andere
Gesetze, die nicht von gestern und heute sind, die in Ewigkeit gelten und von
denen niemand weiß, von wannen sie kommen. Kein Sterblicher darf diese übertreten,
ohne dem Zorn der Götter anheimzufallen; ein solches Gesetz hat mir befohlen,
den toten Sohn meiner Mutter nicht unbegraben zu lassen. Erscheint dir diese
Handlungsweise töricht, so ist es ein Tor, der mich der Torheit beschuldigt.«
»Meinst du«, sprach Kreon, noch mehr erbittert durch den Widerspruch der Jungfrau,
»deine starre Sinnesart sei nicht zu beugen? Zerspringt doch auch der sprödeste
Stahl am ersten. Wer in eines andern Gewalt ist, der soll nicht trotzen!« Darauf
antwortete Antigone: »Du kannst mir doch nicht mehr antun als den Tod; wozu
darum Aufschub? Mein Name wird nicht ruhmlos dadurch werden, daß ich sterbe;
auch weiß ich, daß deinen Bürgern hier nur die Furcht den Mund verschließt und
daß alle meine Tat im Herzen billigen; denn den Bruder lieben ist die erste
Schwesterpflicht.« »Nun so liebe denn im Hades«, rief der König immer erbitterter,
»wenn du lieben mußt!« Und schon hieß er die Diener sie ergreifen, als Ismene,
die vom Los ihrer Schwester vernommen hatte, herbeigestürmt kam. Sie schien
ihre weibliche Schwäche und ihre Menschenfurcht ganz abgeschüttelt zu haben.
Mutig trat sie vor den grausamen Oheim, bekannte sich als Mitwisserin und verlangte
mit der Schwester in den Tod zu gehen. Zugleich erinnerte sie den König daran,
daß Antigone nicht nur seiner Schwester Tochter, daß sie auch die verlobte Braut
seines eigenen Sohnes Haimon sei und er durch ihren Tod seinem eigenen Sprößling
die Ehe wegmorde. Statt aller Antwort ließ Kreon auch die Schwester fassen und
beide durch seine Schergen in das Innere des Palastes führen.
Haimon und Antigone

Als Kreon seinen Sohn herbeieilen sah, glaubte er nicht anders, als das über
seine Braut gefällte Urteil müsse diesen gegen den Vater empört haben. Haimon
setzte jedoch seinen verdächtigenden Fragen Worte voll kindlichen Gehorsams
entgegen, und erst, nachdem er den Vater von seiner frommen Anhänglichkeit überzeugt
hatte, wagte er es, für seine geliebte Braut Fürbitte zu tun. »Du weißt nicht,
Vater«, sprach er, »was das Volk spricht, was es zu tadeln findet. Dein Auge
schreckt jeden Bürgersmann zurück, irgend etwas zu sprechen, das deinem Ohre
nicht willkommen ist; mir hingegen wird es möglich, auch derlei Dinge im Dunkel
zu hören. Und so laß mich dir denn sagen, daß diese Jungfrau von der ganzen
Stadt bejammert, daß ihre Handlung von der ganzen Bürgerschaft als wert des

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