Gustav Schwab - Die Sieben gegen Theben

admin am Mrz 29th 2008

Sterbenden, ihn zu berauben. Dies aber war sein Verderben; denn jener hatte
im Sturze sein Schwert doch noch fest mit der Hand umklammert, und jetzt, so
schwach er atmete, war ihm doch noch Kraft genug geblieben, dasselbe dem über
ihn gebeugten Eteokles tief in die Leber zu stoßen. Dieser sank um und hart
neben dem sterbenden Bruder nieder.

Nun öffneten sich die Tore Thebens; die Frauen, die Diener stürzten heraus,
die Leiche ihres Herrschers zu bejammern; Antigone aber warf sich über ihren
geliebten Bruder Polyneikes, um seine letzten Worte von den Lippen zu nehmen.
Mit Eteokles war es schneller zu Ende gegangen als mit diesem; nur noch ein
tiefer Seufzer aus röchelnder Brust, und er war verschieden. Polyneikes aber
atmete noch, wandte sein brechendes Auge nach der Schwester und sprach: »Wie
beklage ich dein Los, Schwester, wie auch das Schicksal des toten Bruders, der
aus einem Freunde mein Feind geworden ist. Jetzt erst, im Tode, empfinde ich,
daß ich ihn geliebt habe! Du aber, liebe Schwester, begrabe mich in meiner Heimat
und versöhne die zürnende Vaterstadt, daß sie mir, obschon ich der Herrschaft
beraubt worden bin, wenigstens so viel gewähre! Drücke mir auch die Augen mit
deiner Hand zu; denn schon breitet die Nacht des Todes ihre Schatten über mich
aus.«

So starb er auch in der Schwester Armen. Nun erhob sich lauter Zwist von beiden
Seiten unter der Menge. Die Thebaner schrieben ihrem Herrn Eteokles den Sieg
zu, die Feinde dem Polyneikes. Derselbe Hader war unter den Anführern und den
Freunden der Gefallenen; »Polyneikes führte den ersten Lanzenstoß!« hieß es
da. »Aber er war auch der erste, der unterlegen ist!« scholl’s von der andern
Seite entgegen. Unter diesem Streite wurde zu den Waffen gegriffen; glücklicherweise
für die Thebaner hatten sie sich geordnet und in voller Waffenrüstung teils
vor dem Zweikampfe, teils während desselben und bei seinem Schlusse eingefunden,
während die Argiver die Waffen abgelegt und, wie des Sieges gewiß, sorglos zugeschaut
hatten. Die Thebaner warfen sich also plötzlich aufs Argiverheer, ehe dieses
sich mit Rüstungen bedecken konnte. Sie fanden keinen Widerstand; die waffenlosen
Feinde füllten in ungeregelter Flucht die Ebene; das Blut floß in Strömen, denn
der Wurf der Lanzen streckte zu Hunderten die Fliehenden nieder.

Auf dieser Flucht der Argiver geschah es auch, daß der thebanische Held Periklymenos
den Seher Amphiaraos nach dem Strande des Flusses Ismenos verfolgte. Hier hemmte
den mit Roß und Wagen Fliehenden das Wasser. Der Thebaner war ihm auf den Fersen.
In der Verzweiflung hieß der Seher seinen Wagenlenker die Pferde ihren Weg durch
die tiefe Furt suchen; aber ehe er im Wasser war, hatte der Feind das Ufer erreicht
und sein Speer drohte seinem Nacken. Da spaltete Zeus, der seinen Seher nicht
auf unrühmlicher Flucht umkommen lassen wollte, mit einem Blitze den Boden,
daß er sich auftat wie eine schwarze Höhle und die Rosse, die eben den Übergang
suchten, zusamt dem Wagen, dem Seher und seinem Genossen verschlang.

Bald war die Umgebung Thebens von sämtlichen Feinden gereinigt. Von allen Seiten
her brachten die Thebaner Schilde der erlegten Flüchtlinge und andere Beute
herbei und trugen sie triumphierend in die Stadt.
Kreons Beschluß

Hierauf wurde an die Bestattung der Toten gedacht. Die Königswürde von Theben
war nach dem Tode der beiden gefallenen Brüder an ihren Oheim Kreon gekommen,
und dieser hatte nun über das Begräbnis seiner beiden Neffen zu verfügen. Sofort
ließ er den Eteokles, als für die Verteidigung der Stadt gefallen, mit königlichen
Ehren und aller sonstigen Gebühr feierlich zu Erde bestatten; alle Bewohner
der Stadt folgten dem Leichenzuge, während Polyneikes unbegraben und in Unehren
dalag. Dann ließ Kreon unter Heroldsruf durch die ganze Stadt verkündigen, den
Feind des Vaterlandes, der gekommen sei, die Stadt mit Feuerglut zu zerstören,
sich am Blute der Seinigen zu sättigen, die Landesgötter selbst zu vertreiben
und, was übrigbliebe, in Knechtschaft zu stürzen - den weder zu beklagen, noch
ihm ein Grab angedeihen zu lassen, vielmehr den Leichnam des Verfluchten unbegraben
den Vögeln und Hunden zum Fraße zu übergeben. Zugleich gebot er den Bürgern,
selbst Aufsicht darüber zu führen, daß diese königliche Willensmeinung vollzogen
würde, und stellte noch besondere Späher zu dem Leichname, welche dafür zu sorgen
hatten, daß niemand käme, denselben zu stehlen oder zu begraben. Der Lohn dessen,
der dies doch täte, sollte unerbittlich der Tod sein; in offener Stadt sollte
er gesteinigt werden.

Diese grausame Verkündigung hatte auch Antigone, die fromme Schwester, mitangehört
und war ihres Versprechens, das sie dem Sterbenden gegeben, wohl eingedenk.
Sie wandte sich mit beschwertem Herzen an ihre jüngere Schwester Ismene und
wollte diese bereden, mit ihr gemeinschaftlich das Wagestück zu unternehmen,
mit Hand anzulegen und den Leib des Bruders seinen Feinden zu entreißen. Aber
Ismene war ein schwaches Mädchen und solchem Heldenmute nicht gewachsen. »Hast
du denn, Schwester«, sagte sie weinend, »den grauenhaften Untergang unseres
Vaters und unsrer Mutter schon so ganz vergessen, ja ist dir das frische Verderben
unsrer Brüder schon aus dem Gedächtnisse verschwunden, daß du auch uns Zurückgebliebene

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