Gustav Schwab - Die Sieben gegen Theben

admin am Mrz 29th 2008

Der Brüder Zweikampf

Auf solche Weise endete der Sturm auf die Stadt Theben. Als Kreon und Eteokles
mit den Ihrigen in die Mauern zurückgekehrt waren, ordnete sich das geschlagene
Heer der Argiver wieder, und bald war es von neuem imstande, der belagerten
Stadt näher zu rücken. Wie dies die Thebaner innewurden und die Hoffnung, das
zweite Mal zu widerstehen, nachdem auch ihre Kräfte durch den ersten Angriff
nicht wenig geschwächt worden, ziemlich gesunken war, faßte der König Eteokles
einen großen Entschluß. Er sandte seinen Herold zur Stadt hinaus nach dem Argiverheere,
das, wieder dicht um die Mauern Thebens gelagert, am Rande des Stadtgrabens
lag, und ließ sich Stille erbitten. Dann rief er, auf der obersten Höhe der
Burg stehend, seinen eigenen, innerhalb der Stadt aufgestellten Scharen und
den die Stadt umringenden Argivern mit lauter Stimme zu: »Ihr Danaer und Argiver
alle, die ihr hierhergezogen seid, und ihr Völker Thebens, gebet doch so vielfaches
Leben nicht, ihr einen, dem Polyneikes - noch mir, seinem Bruder, ihr anderen,
preis! Laßt vielmehr mich selbst die Gefahr dieses Kampfes übernehmen und so
allein im Gefechte mit meinem Bruder Polyneikes mich messen. Töte ich ihn, so
laßt mich allein den Herrn im Hause bleiben; fall ich von seiner Hand, so sei
ihm das Zepter überlassen, und ihr Argiver senket dann die Waffen und kehret
in euer Heimatland zurück, ohne vor diesen Mauern euer Leben nutzlos zu verbluten.«
Aus den Reihen der Argiver sprang jetzt Polyneikes hervor und rief zur Burg
hinauf, daß er den Vorschlag seines Bruders anzunehmen bereit sei. Von beiden
Seiten war man des blutigen Krieges, der nur einem von zwei Männern zugute kommen
sollte, schon lange müde. Daher riefen beide Heere dem gerechten Gedanken Beifall.
Es wurde ein Vertrag darüber abgeschlossen, und der Eid der Führer bekräftigte
ihn von beiden Seiten auf dem Felde, das zwischen beiden Heeren lag. Jetzt hüllten
sich die Söhne des Ödipus in ihre vollen Waffenrüstungen; den Beherrscher Thebens
schmückten die edelsten Thebaner, den vertriebenen Polyneikes die Häupter der
Argiver. So standen beide im Stahle prangend da, stark und festen Blickes. »Bedenke«,
riefen die Freunde dem Polyneikes zu, »daß Zeus von dir ein Siegesdenkmal zu
Argos erwartet!« Die Thebaner aber ermunterten ihren Fürsten Eteokles: »Du kämpfest
für die Vaterstadt und das Zepter; dieser doppelte Gedanke verleihe dir den
Sieg!« Ehe der verhängnisvolle Kampf begann, opferten auch noch die Seher, aus
beiden Heeren zusammentretend, um aus den Gestaltungen der Opferflamme den Ausgang
des Streites zu mutmaßen. Das Zeichen war zweideutig, es schien Sieg oder Untergang
beiden zugleich zu verkünden. Als das Opfer vorbei war und die beiden Brüder
noch immer in kampfbereiter Stellung dastanden, erhob Polyneikes flehend seine
Hände, drehte sein Haupt rückwärts dem Argiverlande zu und betete: »Hera, Beherrscherin
von Argos, aus deinem Lande habe ich ein Weib genommen, in deinem Lande wohne
ich; laß deinen Bürger im Gefechte siegen, laß ihn seine Rechte färben mit des
Gegners Blute!« Auf der andern Seite kehrte sich Eteokles zum Tempel der Athene
in Theben: »Gib, o Tochter des Zeus«, flehte er, »daß ich die Lanze siegreich
zum Ziele schleudere, in die Brust dessen, der mein Vaterland zu verwüsten kam!«
Mit seinem letzten Worte schmetterte der Trompetenklang, das Zeichen des blutigen
Kampfes, und die Brüder stürzten wilden Laufes aufeinander ein und packten sich
wie zwei Eber, die die Hauer grimmig aufeinander gewetzt haben. Die Lanzen sausten
aneinander vorüber und prallten beide von den Schilden ab; nun zielten sie mit
den Speeren sich gegenseitig nach dem Gesichte, nach den Augen; aber die schnell
vorgehaltenen Schildränder vereitelten auch diesen Stoß. Den Zuschauern selbst
floß der Schweiß in dichten Tropfen vom Leibe, beim Anblick des erbitterten
Kampfes. Endlich vergaß sich Eteokles, und während er beim Ausfallen mit dem
rechten Fuße einen Stein, der ihm im Wege lag, beiseite stoßen wollte, streckte
er das Bein unvorsichtig unter dem Schilde hervor; da stürzte Polyneikes mit
dem Speere heran und durchbohrte ihm das Schienbein. Das ganze Argiverheer jubelte
bei seinem Stoße und sah darin schon den entscheidenden Sieg. Aber während des
Stoßes hatte der Verwundete, der seine Besinnung keinen Augenblick verlor, die
eine Schulter an seinem Gegner entblößt gesehen und warf seinen Wurfspieß danach,
der auch haftete, doch so, daß die Spitze ihm abbrach. Die Thebaner ließen nur
einen halben Laut der Freude von sich hören. Eteokles wich zurück, ergriff einen
Marmelstein und zerschlug die Lanze seines Gegners in zwei Hälften. Der Kampf
war jetzt gleich, da beide sich ihres Wurfgeschosses beraubt sahen. Nun faßten
sie rasch die Griffe ihrer Schwerter und rückten einander ganz nahe auf den
Leib; Schild schlug gegen Schild, lautes Kampfgetöse hallte. Da besann sich
Eteokles auf einen Kunstgriff, den er im thessalischen Lande gelernt. Er wechselte
plötzlich seine Stellung, zog sich nach hinten auf seinen linken Fuß zurück,
deckte sich den eigenen Unterleib mit Sorgfalt, fiel dann mit dem rechten Fuß
aus und stach den Bruder, der auf eine so veränderte Haltung des Gegners nicht
gefaßt war und den untern Teil des Leibes nicht mehr mit dem Schilde gedeckt
hatte, mitten durch den Leib über den Hüften. Schmerzlich neigte sich nun Polyneikes
auf die Seite und sank bald unter Strömen Blutes zusammen. Eteokles, nicht mehr
an seinem Siege zweifelnd, warf sein Schwert von sich und legte sich über den

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