Gustav Schwab - Die Sieben gegen Theben

admin am Mrz 29th 2008

Der Orakelspruch war erfüllt; Kreon bezähmte seinen Jammer; Eteokles teilte
den sieben Torbeschirmern sieben Scharen zu, und wo er diese hinweggenommen,
stellte er Reiter hinter Reiter zum Ersatz auf, dazu leichtes Fußvolk hinter
die Schildträger, um überall, wo die Mauern durch den Angriff leiden sollten,
sie mit Heeresmacht schirmen zu können. Auch das Heer der Argiver brach jetzt
auf, und der Sturm auf den Wall nahm seinen Anfang. Der Kriegsgesang erscholl,
und vom feindlichen Heere wie von den Mauern der Thebaner herab schmetterten
zu gleicher Zeit die Trompeten. Zuerst führte Parthenopaios, der Sohn der Jägerin
Atalante, den Trupp der Seinigen, Schild an Schild gedrängt, wider eines der
Tore. Auf dem Felde seines Schildes war seine Mutter abgebildet, wie sie den
Ätolischen Eber mit fliegendem Pfeil erlegte. Auf ein zweites Tor zog, Opfertiere
auf seinem Wagen, der priesterliche Seher Amphiaraos los; der trug schmucklose
Waffen, ohne Wappenschild oder sonstigen Prunk. Aufs dritte Tor rückte Hippomedon
heran; auf seinem Schilde war der hundertäugige Argos zu schauen, wie er die
von Hera in eine Kuh verwandelte Io bewacht. Zum vierten Tore lenkte Tydeus
seine Scharen, der eine struppige Löwenhaut im Schilde führte und mit wilder
Gebärde in der Rechten eine Brandfackel schwang. Der vertriebene König Polyneikes
befehligte den Sturm auf das fünfte Tor; sein Schild stellte ein in Wut sich
räumendes Rossegespann vor. Zum sechsten Tore führte seine Kriegerschar Kapaneus,
der sich vermaß, mit dem Gotte Ares in die Wette streiten zu können; auf dem
Eisenrücken seines Schildes war ein Gigant ausgeprägt, der eine ganze Stadt,
ihrem Grunde enthoben, auf den Schultern trug, welches Schicksal dieser Schildträger
der Stadt Theben zugedacht hatte. Zum siebenten und letzten Tore endlich kam
Adrastos, der Argiverkönig, herangerückt. Auf dem Felde seines Schildes waren
hundert Schlangen abgebildet, welche in ihren Kiefern thebanische Kinder davontrugen.
Als alle nahe genug vor die Tore gerückt waren, wurde der Kampf zuerst mit Schleudern,
dann mit Bogen und Speeren eröffnet. Aber den ersten Angriff wehrten die Thebaner
siegreich ab, so daß die Scharen der Argiver rückwärts gingen. Da riefen Tydeus
und Polyneikes schnell besonnen: »Ihr Brüder, was brechet ihr nicht, ehe die
Geschosse euch niederwerfen, mit vereinigter Macht auf die Tore ein, Fußvölker,
Reiter, Wagenlenker, alle miteinander?« Dieser Ruf, der sich schnell durch das
Heer verbreitete, entfachte den Mut der Argiver aufs neue. Alles lebte wieder
auf, und der Sturm begann mit verstärkter Macht, aber nicht glücklicher denn
zuvor. Mit blutbespritzten Köpfen sanken die Stürmenden zu den Füßen der Verteidiger
nieder, und ganze Linien röchelten unter den Mauern ihr Leben aus, so daß der
dürre Boden vor der Stadt von Blutbächen floß. Da stürzte der Arkadier Parthenopaios
wie ein Sturmwind auf sein Tor und rief nach Feuer und Äxten, um es in den Grund
zu hauen. Ein thebanischer Held, der auf der Mauer nicht ferne seinen Posten
hatte, Periklymenos, beobachtete seine Anstrengungen und riß, als es höchste
Zeit war, ein Stück der steinernen Brustwehr von der Mauer, so groß, daß es
eine ganze Wagenlast ausgemacht hätte; dieser Wurf zermalmte dem Stürmer sein
blondgelocktes Haupt und zerriß ihm die Knochen, daß er zerschmettert zu Boden
stürzte. Sobald nun Eteokles dieses Tor gesichert sah, flog er den andern zu.
Am vierten traf er den Tydeus, der wütete wie ein Drache. Er schüttelte sein
Haupt unter dem fliegenden Helmbusch, und sein Schild, den er über dasselbe
hielt, tönte von gellenden Glocken, die den Rand umgaben; er selbst schwang
mit der Rechten die Lanze hoch nach der Mauer, und eine ganze Schar Schildträger
umgab ihn, die einen Hagel von Speeren auf den höchsten Burgsaum aufwärts schleuderten,
so daß die Thebaner sich von dem Rande der Brustwehr flüchten mußten. In diesem
Augenblicke erschien Eteokles, sammelte sie, wie ein Jäger zerstreute Hunde,
und führte sie auf die Mauerzinne zurück. Dann eilte er weiter von Tor zu Tor.
Da stieß er auch auf den tobenden Kapaneus, der eine vielsprossige Sturmleiter
wider die Stadt herantrug und prahlend ausrief, selbst des Zeus Blitz solle
ihn nicht aufhalten, die Grundfeste der eroberten Stadt zu brechen. Mit solchen
Trotzworten legte er die Leiter an und klomm unter seinem Schilde, umsaust von
Steinen, die glatten Sprossen empor. Aber ihn für seinen Frevelmut zu züchtigen,
blieb nicht den Thebanern überlassen; Zeus selbst übernahm es und traf ihn,
als er schon über den Mauerkranz drang, mit seinem Donnerkeile. Es war ein Schlag,
daß die Erde dröhnte; seine zerrissenen Gliedmaßen flogen weit umher von der
Leiter, das entflammte Haar flatterte gen Himmel, das Blut floß auf die Erde;
Hände und Füße rollten im Kreise wie ein Rad; der Rumpf stürzte endlich feurig
auf den Boden nieder.

Der König Adrast erkannte aus diesem Zeichen, daß der Göttervater seinem Vorhaben
feindselig sei; er führte seine Scharen aus dem Stadtgraben heraus und wich
mit ihnen rückwärts. Die Thebaner dagegen, als sie das glückbringende Zeichen,
das ihnen Zeus gesandt hatte, erkannten, brachen zu Fuß und zu Wagen aus der
Stadt hervor; ihr Fußvolk stürzte mitten unter die argivische Heerschar, Wagen
rannten an gegen Wagen, Leichname lagen zu Haufen; der Sieg blieb den Thebanern,
und erst nachdem sie die Feinde auf eine gute Strecke von der Stadt zurückgeworfen,
kehrten sie in dieselbe zurück.

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