Gustav Schwab - Die Sieben gegen Theben

admin am Mrz 29th 2008

wird. Ich bin Hypsipyle, einst die gefeierte Königin der Frauen auf Lemnos,
die Tochter des herrlichen Thoas, jetzt, nach unnennbarem Jammer von Seeräubern
entführt und verkauft, die gefangene Sklavin des Königs Lykurgos von Nemea.
Der Knabe, den ich säuge, ist nicht mein eigenes Kind; er ist Opheltes, der
Sohn meines Herrn, und ich bin ihm zur Wärterin bestellt. Aber was ihr von mir
begehret, will ich euch gerne verschaffen. Noch eine einzige Quelle sprudelt
in dieser trostlosen Einöde, und ihren geheimen Zugang kennt niemand als ich.
Sie ist ergiebig genug, euer ganzes Heer zu erquicken. Folget mir!« Die Frau
stand auf, legte den Säugling sorglich ins Gras und lullte ihn mit einem Wiegenliede
in den Schlaf. Die Helden riefen ihren Genossen, und nun drängte sich das ganze
Heer Hypspyles Tritten nach auf geheimen Pfaden, die durchs dichteste Waldgebüsch
führten. Bald gelangten sie zu einer felsigen Talschlucht, aus welcher kühler
Wasserstaub empordrang und die erhitzten Angesichter der vordersten Krieger,
die der Führerin und ihrem König vorangeeilt waren, mit leichtem Schaum erfrischte.
Zugleich rauschte das Murmeln eines starken Wasserfalles an ihr Ohr. »Wasser!«
so tönte der Freudenruf aus dem Munde der Vorangedrungenen, die mit einigen
Sprüngen schon unten in der Schlucht und mitten auf dem bespülten Felsgesteine
standen und die Strahlen des herabfließenden Quelles mit den Helmen auffaßten.
»Wasser, Wasser!« wiederholte das ganze Heer, und der Jubelruf übertönte den
Wasserfall und hallte von den Bergen wider, welche die Schlucht umgaben. Nun
warfen sich alle am grünenden Ufer des weithin sich schlängelnden Baches nieder
und genossen mit tiefen Zügen die langentbehrte Lust. Bald fand man auch für
Wagen und Rosse Pfade, die durch den Wald bequem in die Tiefe hinabführten;
und die Wagenlenker fuhren, ohne die Rosse auszuspannen, mitten in die wallende
Flut hinein, da, wo der Bach sich zu ebenem Laufe ausbreitete, und ließen die
Rosse, die ihren Leib in den Wellen kühlten, unausgeschirrt den langen Durst
stillen.

Alles war erquickt, und die gute Führerin Hypsipyle, die Taten und Leiden der
Frauen von Lemnos erzählend, führte den Adrastos und seine Helden, denen jetzt
das Heer in ehrerbietiger Entfernung folgte, auf die breitere Straße zurück,
dahin, wo sie selbst kurz vorher mit ihrem Pflegekind unter dem gewölbten Baume
erblickt worden war. Aber ehe sie jener Stelle noch ansichtig wurden, erschreckte
die feinhörende Pflegerin aus der Ferne ein klägliches Kindeswimmern, das ihre
Begleiter kaum vernahmen, sie selbst aber sogleich als die Stimme ihres kleinen
Opheltes erkannte. Hypsipyle war selbst die Mutter großer und kleiner Kinder,
die sie, von den Räubern entführt, in Lemnos hatte zurücklassen müssen. Nun
hatte sie ihre ganze Mutterliebe auf diesen Säugling übertragen, dem sie als
Sklavin beigegeben war. Eine bange Ahnung durchzuckte ihr zärtliches Herz. Sie
flog den Helden voraus und dem wohlbekannten Platze zu, wo sie mit dem Kind
an der Brust zu ruhen pflegte. Aber ach, der Kleine war verschwunden, und ihre
irrenden Augen fanden keine Spur von ihm, und sie vernahm auch die Stimme nicht
mehr. Als sie ihre Blicke in weiterem Kreise umhersandte, ward ihr bald das
entsetzliche Schicksal klar, das ihr Pflegekind getroffen hatte, während sie
dem Heere der Argiver den frommen Liebesdienst leistete. Denn nicht weit von
dem Baume lag eine gräßliche Schlange geringelt, ihren Kopf auf den schwellenden
Bauch zurückgelegt, in träger Ruhe das eben abgehaltene Mahl verdauend. Der
unseligen Pflegemutter sträubte sich das Haar, und ihr Jammerschrei erfüllte
die Lüfte. Auf dieses waren auch die Helden herbeigeeilt; der erste, der den
Drachen erblickte, war Hippomedon; ohne zu säumen, riß er ein Felsstück aus
dem Boden und schleuderte es auf das Ungestüm; aber sein gepanzerter Rücken
schüttelte den Wurf ab, als wäre es eine Handvoll Erde; da sandte Hippomedon
seinem ersten Wurfe den Speer nach, und dieser verfehlte sein Ziel nicht; er
fuhr der Schlange in den Rachen, durchs hervorspritzende Gehirn, und die Spitze
drang heraus zum Kamme. Das Untier drehte sich wie ein Kreisel mit dem langvorragenden
Speer in der Wunde und hauchte endlich zischend seinen Atem aus.

Als die Schlange erlegt war, getraute sich erst die arme Pflegemutter der Spur
ihres Kindes nachzugehen, sie fand weithin die Gräser vom Blute gerötet und
endlich fernab von dem Ort ihrer Ruhe das nackte Gebein des Kindleins. Die Verzweifelnde
sammelte es in ihren Schoß und übergab es den Helden, die mit ihrem ganzen Heere
dem unglücklichen Knaben, der ihnen zum Opfer gefallen war, nachdem sie seine
Überreste feierlich bestattet, herrliche Leichenspiele bereiteten, ihm zu Ehren
die Nemeischen heiligen Kämpfe stifteten und ihn unter dem Namen Archemoros,
das heißt der Frühvollendete, zuerst als Halbgott verehrten.

Hypsipyle entging der Wut nicht, in welche die Mutter des Kindes, Lykurgs Gemahlin,
Eurydike, der Verlust ihres Sohnes versetzte. Sie wurde von ihr in ein grausames
Gefängnis geworfen, und der fürchterlichste Tod war ihr geschworen. Das Glück
wollte, daß die verlassenen ältesten Söhne Hypsipyles ihrer Mutter schon auf
der Spur waren und nicht lange nach dieser Begebenheit in Nemea eintrafen, wo
sie die gefangene Mutter befreiten.
Die Helden vor Theben angekommen

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