Gustav Schwab – Die Sieben gegen Theben

admin am Okt 13th 2011


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Von den drei Reichen, die sie auf dieser Halbinsel begründeten, hatte nur Sparta
eine längere Dauer. Zu Argos hatte Temenos dem Deïphontes, auch einem Ururenkel
des Herakles, seine Tochter Hyrnetho, die er unter allen seinen Kindern am meisten
liebte, zur Ehe gegeben und zog ihn in allem zu Rate, so daß man vermutete,
daß er ihm und seiner Tochter auch die Regierung zuwenden wolle. Darüber ergrimmten
seine eigenen Söhne, verschworen sich gegen ihn und erschlugen ihren Vater.
Die Argiver erkannten zwar den ältesten Sohn als König an; weil sie aber Freiheit
und Gleichheit vor allem liebten, so beschränkten sie die Königsgewalt so sehr,
daß ihm und seinen Nachkommen nichts übrigblieb als der Königstitel.

Merope und Aipytos

Kein besseres Los als seinen Bruder Temenos traf den König von Messene, Kresphontes.
Dieser hatte die Tochter des Königs Kypselos von Arkadien, Merope, geheiratet,
die ihrem Gemahl viele Kinder gebar, unter welchen Aipytos das jüngste war.
Für seine vielen Söhne und sich selbst erbaute er im Lande eine stattliche Königsburg.
Er selbst war ein Freund des gemeinen Volkes und begünstigte dieses, wo er konnte,
in seiner Verwaltung. Darüber empörten sich die Reichen und erschlugen ihn samt
allen seinen Söhnen, bis auf den jüngsten, Aipytos. Diesen entzog die Mutter
den Händen der Mörder und rettete ihn glücklich zu ihrem Vater Kypselos nach
Arkadien, wo der Knabe heimlich erzogen wurde. In Messenien hatte sich indessen
Polyphontes, ebenfalls ein Heraklide, des Thrones bemächtigt und die Witwe des
ermordeten Königes gezwungen, ihm ihre Hand zu reichen. Da wurde es ruchbar,
daß noch ein Thronerbe des Kresphontes am Leben sei, und Polyphontes, der neue
Herrscher, setzte einen großen Preis auf seinen Kopf. Aber niemand war, der
ihn verdienen wollte oder auch nur konnte; denn die Sage ging nur dunkel, und
man wußte nicht, wo der Geächtete zu suchen wäre. Mittlerweile wuchs Aipytos
zum Jünglinge heran, verließ heimlich den Palast seines Großvaters, und ohne
daß jemand es ahnte, traf er zu Messene ein. Der Jüngling hatte von dem Preise
gehört, der auf den Kopf des unglücklichen Aipytos gesetzt sei. Da faßte er
sich ein Herz, kam als ein Fremdling, von niemand gekannt, selbst von der eigenen
Mutter nicht, an den Hof des Königes Polyphontes, trat vor ihn und sprach in
Gegenwart der Königin Merope: »Ich bin erbötig, o Herrscher, den Preis zu verdienen,
den du auf das Haupt des Fürsten gesetzt hast, der als Sohn des Kresphontes
deinem Throne so furchtbar ist. Ich kenne ihn so genau wie mich selber und will
ihn dir in die Hände liefern.«

Die Mutter erblaßte, als sie dieses hörte; schnell sandte sie nach einem alten,
vertrauten Diener, der schon bei der Rettung des kleinen Aipytos tätig gewesen
war und jetzt, aus Furcht vor dem neuen Könige, fern vom Hof und der Königsburg
lebte. Diesen schickte sie heimlich nach Arkadien, um ihren Sohn vor Nachstellung
zu sichern, vielleicht auch, ihn herbeizurufen, damit er sich an die Spitze
der Bürger stelle, denen sich Polyphontes durch seine Tyrannei verhaßt gemacht
hatte, und den väterlichen Thron wieder erringe. Als der alte Diener nach Arkadien
kam, fand er den König Kypselos und das ganze Königshaus in großer Bestürzung,
denn sein Enkel Aipytos war verschwunden, und niemand wußte, was aus ihm geworden
war. Trostlos eilte der alte Diener nach Messene zurück und erzählte der Königin,
was geschehen. Beide hatten nun keinen andern Gedanken, als daß der Fremdling,
der vor dem Könige erschienen sei, den Preis zu verdienen, gewiß den armen Aipytos
in Arkadien ermordet und seinen Leichnam nach Messene gebracht habe. Sie besannen
sich nicht lange, und da der Fremde, von Polyphontes in seine Königsburg aufgenommen,
seine Wohnung in derselben hatte, betrat die Königin, von Rachedurst erfüllt,
mit einer Axt bewaffnet und von ihrem Vertrauten, dem alten Diener, begleitet,
nächtlicherweile die Kammer des Fremden, in der Absicht, den Schlummernden zu
erschlagen. Der Jüngling aber schlief ruhig und sanft, und der Strahl des Mondes
beleuchtete sein Antlitz. Schon hatten sich beide über sein Lager gebeugt und
Merope die Mordaxt erhoben, als der Diener, der, dem Schlafenden näher stehend,
sein Angesicht genauer betrachtete, plötzlich mit einem angstvollen Schrei der
Überraschung den Arm der Königin erfaßte. »Halt ein«, rief er, »es ist dein
Sohn Aipytos, den du erschlagen willst!« Merope ließ den Arm mit der Axt sinken
und warf sich über das Bett ihres Sohnes, den sie mit ihrem lauten Schluchzen
erweckte. Nachdem sie sich lange in den Armen gelegen, eröffnete ihr der Sohn,
daß er gekommen sei, nicht sich den Mördern in die Hände zu liefern, sondern
diese zu bestrafen, sie selbst von dem verhaßten Ehebund zu erlösen und mit
Hilfe der Bürger, die er für sein gutes Recht zu gewinnen hoffte, den Thron
des Vaters zu besteigen. Er verabredete hierauf gemeinschaftlich mit der Mutter
und dem alten Diener des Hauses die Maßregeln, die zu ergreifen wären, um sich
an dem verhaßten und verruchten Polyphontes zu rächen. Merope legte Trauerkleider
an, trat vor ihren Gatten und erzählte ihm, wie sie soeben die Trauerbotschaft
von dem Tode ihres einzigen noch übrigen Sohnes erhalten habe. Fortan sei sie
bereit, im Frieden mit ihrem Gatten zu leben und des vorigen Leides nicht zu
gedenken. Der Tyrann ging in die Schlinge, die ihm gelegt war. Er wurde vergnügt,
weil ihm die schwerste Sorge vom Herzen genommen war, und erklärte, den Göttern


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